Alphorntöne vor dem ersten August-Feuer im Gauligebiet

Gepostet am Aug 12, 2014 in Alle Berichte, Bern, Europa, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Hochtour, per pedes, Schweiz, Wandern kleiner T4 | Keine Kommentare

Alphorntöne vor dem ersten August-Feuer im Gauligebiet

zu Besuch beim

Gauliwiibli und Rosalouigreti

[1./2. August 2014]

Eigentlich hatten wir eine Tour im Wallis vorbereitet – doch 60cm (!) Neuschnee und die damit verbundene Lawinengefahr hatten uns gezwungen, umzuplanen. Spontan war uns dann die Gaulihütte eingefallen, zu welcher wir gerne mal wandern wollten. Gesagt – getan! Äusserst erfreut waren wir, dass wir dieses Vorhaben in unserer kleinen Selbsthilfegruppe „Weltenbummler @ home“ in Angriff nehmen konnten. Anfangs des Jahres hatten wir Andrea & Fabio bei einer Quelle in den laotischen Karsthügeln getroffen, uns nun in Bern wiedergesehen und ausgetauscht über Reisegeschichten, Erfahrungen und das Ankommen zu Hause.

Etwas gegen unsere Prinzipien hatten wir uns für die Fahrt nach Innertkirchen und weiter zum Parkplatz eingangs Urbachtal für das Auto entschieden, denn der zweite Tag war ohnehin lang und die zusätzlichen 1-2h zurück nach Innertkirchen wäre wohl für alle zuviel des Guten gewesen.

Eingangs Urbachtal wanderten wir an diesem 1. August höchstmotiviert los, endlich mal wieder im kurzärmligen Shirt und mit Sonnenbrille! Bis wir die letzte Sennhütte hinter uns gelassen hatten, gingen wir noch auf einem Kiesweg, danach folgten wir dem ausgeschilderten Wanderweg weiss-rot-weiss zur Gaulihütte. Wir staunten über die markanten Felswände zu unserer rechten und die steil abfallenden Bergbäche, die weisssprudelnd die Felswand runterflossen. Der Niederschlag der letzten Tage wurde nun durch den ausgeprägten Abfluss, wohl auch durch die Schneeschmelze sichtbar. Mit Adleraugen entdeckten wir irgendwann die Dossenhütte SAC, daneben gerade noch die kümmerlichen Seitenzungen des Roselauigletschers.

Nach ca. 2.5h Stunden wandern mit gemütlichen Rasten und Picnic erreichten wir nach Überqueren eines Baches, der später zum Ürbachwasser wird, eine Wanderweg-Abzweigung, welche den Weg teilte – links zur Gaulihütte und rechts weiss-blau-weiss zur Dossenhütte. Wir schlugen den Weg zur Gaulihütte ein, ca. eine halbe Stunde später versperrte uns ein grosser Stein beim Holzfadghirmi den Weg. Wir scheuten den steilen Anstieg über den Tälliggrat nicht und steuerten in der Höhe die bereits sichtbaren Steinmännchen an. Über teils höhere Steinstufen (zumindest für die kleiner geratenen) oder griffigen Tritten in den abfallenden Steinplatten ging’s hoch und wir gewannen schnell an Höhe – den abwechslungsreichen Weg gefiel uns, und die harmlosen Quellwolken am Himmel setzten uns für einmal nicht unter Druck.

Auf der Anhöhe angekommen, wurden wir langsam „gwundrig“ – gerne hätten wir aus der Distanz einen ersten Blick auf die Gaulihütte erhascht. Irgendwann, beim Ausschauhalten, entdeckten wir im letzten Moment hinter dem nächsten Hügel gerade noch sichtbar, eine im Bergwind flatternde Schweizer-Fahne in der Ferne – da musste die Hütte sein! Hinter dem letzen „Hoger“ kam sie dann endlich zum Vorschein, die zweiteilige Gaulihütte mit dem unterhalb gelegenen, externen WC-Häuschen. Wir begutachteten vor allem die beiden kleinen Fenster des Dachstocks – im Dachstock nämlich würden wir die Nacht verbringen.

Andrea und Fabio waren nach ihrer 6-monatigen Reise wieder steil in ihre alten Berufsleben gestartet und heute morgen mit einem grossen Schlafmanko gestartet. Doch die nachmittägliche Sonne inmitten unserer Schweizer Berge war einfach zu schön und vor allem rar geworden, als dass wir uns das hätten entgehen lassen können. Stattdessen gabs 1. August-Kaffee, Suppe und Kuchen auf der Terrasse bei wunderbarer Sonne. Vor dem Nachtessen reichte es nur noch kurz, um bereits einmal die Horizontale im Dachstock (über eine steile, schmale Estrichleiter zu erreichen) aufzusuchen. Beim Nachtessen – es gab eine reichhaltige Suppe, Älplermakkaronen, Apfelmuus und Vanilleflan mit Beeren) besprachen wir die morgendliche Route mit alternativer Abstiegsroute über die Dossenhütte und machten einen Zeitplan. Natürlich hockte da wieder das täglich prophezeite, bedrohliche Gewitterrisiko im Nacken – ein früher Start war deshalb klar.

Nach dem Nachtessen ergriff Susanne Brand das Wort – nein, nicht für eine langweilige 1. August-Rede, sondern um die Geschichte des Gauliwiibli und ihrer Freundin Rosalouigreti zu erzählen. Mit krächzender Hexenstimme und dazupassender Mimik erzählte sie vom Leben der beiden Hexendamen, die in Gletscherspalten der jeweiligen Gletscher wohnen und gerade mal wieder dabei waren, ordentlich einzuheizen. Draussen war inzwischen dichter Nebel um die Gaulihütte aufgezogen – der von den beiden entzückenden Hexendamen verursachte Rauch! Mit den verrücktesten Ideen schmückte Susanne das Leben der beiden Hexen an diesem heutigen Tag aus, erzählte von ihrem Gletscher-Garten, ihrer Abendrobe am heutigen Nationalfeiertag und der Flasche Schnaps, den die beiden zur Feier des Tages tranken. Mit grosser Spannung wurde das „Guet-Nacht-Gschichtli“ der Hüttenbesucher verfolgt. Sage des Gauliwiibli

Beim Zähneputzen hörten wir draussen plötzlich Alphorntöne – noch mit der Bürste im Mund schritten wir aus der Hütte und sogen die ergreifende Athmosphäre in uns auf, welches unser Heimatgefühl wieder wachsen liess. Vor dem kleinen 1. Augustfeuer bliesen die Hüttenwartin und ihre Schwester Alphorn, in der Abenddämmerung war die gletscher- und schneebedeckte Hochgebirgslandschaft gerade noch zu erkennen – der Nebel und die regenbringenden Wolken waren wie weggeblasen. Bei äusserst milden Temperaturen genossen wir den Moment und konnten später zum offerierten Glühwein nicht nein sagen – geputzte Zähne hin oder her. Wir waren schon im Dachstock, als die ersten Raketen um die Hütten flogen, später nach und nach alle im Dunkeln ihre Schlafplätze aufsuchten.

prächtige Athmosphäre mit wohlklingenden Alphorntönen

Eigensinniger Gauligletscher

und bedrohlich dunkle Regenwolken

Rund um die Gaulihütte war es noch mucksmäuschenstill, auch das Gauliwiibli und Rosalouigreti schliefen wohl noch ihren Rausch aus, als 2.54 Uhr die leisen, sanften Töne des Weckers erklangen. Andrea und Fabio brachten wir erst wach, als Räphu sie sanft schüttelte. Die montierten Oropax hatten sie von den Nebengeräuschen abgeschottet, auch die 1. August-Raketen hatten sie inklusive Räphu nicht mitbekommen. Nach einiger Berghüttenerfahrung habe ich mich damit abgefunden, höchstens in einen leichten Schlummerzustand zu fallen, statt für den nächsten Tag effizient zu schlafen…

Im Kerzenschein zwangen wir uns zum Frühstücken – für uns vier, wohl noch die Freiheit des Reisens in uns –  war Frühstücken um halb vier doch noch etwas zu früh angesetzt. Der Himmel war wieder wolkenverhangen und beim Gang zum WC-Häuschen kurz vor Aufbruch kam dann die Ernüchterung – es regnete bereits! Zwanzig Minuten warteten wir etwas niedergeschlagen noch im Schutz der Hütte – die heutigen Gipfelchancen standen nicht gut, doch wir wollten es unbedingt versuchen. 4.20 Uhr ging’s dann bei noch leichtem Sprühregen trotzdem los.

Bis zum Gletschereinstieg ging’s zuerst fast zwei Stunden über die Chammliegg – der Weg dahin war sehr gut weiss-rot-weiss markiert – auch in völliger Dunkelheit konnten wir die Markierungen, manchmal nach kurzem Suchen, im Licht der Stirnlampe immer finden. Auf einer Anhöhe fanden wir den deponierten Propeller der 1946 abgestürzten, amerikanischen Dakota-Passagiermaschine.

Dakota-Absturz auf dem Gauligletscher

Am 19. November 1946 kollidierte eine amerikanische Dakota, von Tulln bei Wien nach Pisa unterwegs, mit dem Gauligletscher im Berner Oberland. Unter den acht Passagieren befanden sich hochrangige Militärs der amerikanischen Besatzungstruppen in Österreich und deren Angehörige sowie vier Besatzungsmitglieder.

Die Piloten hatten bereits über Österreich die Orientierung verloren und setzten bei schlechter Sicht auf einer Höhe von 3350m über Meer mit einer Geschwindigkeit von 280km/h unfreiwillig auf dem Südosthang des Gauligrats auf und rutschte über Schnee und Eis aufwärts. Zuvor hatten sie erfolgreich die umliegenden Berggipfel umkurvt. Die Piloten setzten in den folgenden Tagen mehrere Hilferufe ab – sie wähnten sich in den französischen Alpen, der aktuelle Standort waren ihnen jedoch unbekannt. Erst Tage später wurde die Maschine auf dem Gauligletscher entdeckt und eine grosse Rettungsaktion wurde in die Wege geleitet. Da der Abstieg der geschwächten Verunfallten im Gelände mit viel Schnee extrem lange gedauert hätte, versuchten zwei Piloten der Schweizer Luftwaffe mit zwei Maschinen vom Typ Fieseler Storch, in Eigeninitiative mit Kufen ausgestattet, auf dem Gauligletscher neben der Dakota und den Rettungsmannschaften zu landen, was auch gelang. Mit neun Flügen konnten die Verunglückten alle lebend ins Tal geflogen werden.

Die Rettungsaktion war eine aus der Not geborene Pionierleistung und markiert den Beginn der Luftrettung. Die Entwicklung führte 1952 zur Gründung der Schweizerischen Rettungsflugwacht. Unmittelbar nach dem Weltkrieg waren die diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der USA gestört. Diese Rettungsaktion hatte einen Sturm der Begeisterung in den USA ausgelöst und die politische Meinung gewendet. Die internationalen Medien verfolgten die Schweizer Rettungsaktion mit unzähligen Vertretern vor Ort, es gibt Filmaufnahmen und Fotographien aus dieser Zeit. Die Medien zeigten sich erstaunt über den uneigennützigen Einsatz der Schweizer zur Rettung von zwölf Amerikanern. (Quelle: wikipedia)

DSC04819

Dieser Propeller stammt ebenfalls von einer Dakota, jedoch befindet sich der vom Gauligletscher 2012 freigegebene Propeller in einem Museum in Innertkirchen. Von der Absturz- bis zur Fundstelle war der Propeller in den vergangenen 66 Jahren 15 cm pro Tag gewandert! Wenige Tage nach der Rettungsaktion brachte starker Schneefall das Flugzeug zum Verschwinden und wurde bis heute nicht mehr entdeckt. Im Zuge der Gletscherrückgänge wird der Gauligletscher  in den nächsten Jahren wohl einige Frackteile zu Tage fördern. Auch damals abgeworfene Hilfspakete könnten vielleicht gefunden werden.

Für wen mehr über den Dakota-Absturz erfahren möchte, ist der Dokumentarfilm 1946 – Notlandung einer Dakota in den Schweizer Alpen empfehlenswert. Eindrückliches Filmmaterial und Fotographien aus dieser Zeit sind darin zu sehen.

Über die schuttige und steinplattenartige Seitenmoräne des Gauligletschers gings runter, bis wir endlich auf dem Gauligletscher standen. Angeseilt und mit den montierten Steigeisen ging’s nordöstlich dem Gletscherrand entlang. Bis ca. 2900m war der Gletscher ausgeapert – so suchten wir im Labyrinth der mächtigen Gletscherspalten einen Weg, bis wir auf einer Höhe von 3000m in westlicher Richtung abdrehten. Doch die nicht gefestigte Schneedecke machte uns das Leben schwer. Wir suchten eine Spur nach oben, doch versperrten uns Quer- und Längsspalten den Weg. Den zu überquerenden Schneebrücken mit wenig Neuschnee trauten wir nicht – nachdem wir drei alternative Routen überprüft hatten, weitere Faktoren wie unsere physischen Zustände und die dunklen Regenwolken einbezogen hatten, entschieden wir uns einstimmig für die Rückkehr. Bis auf den Gipfel des Rosenhorns wäre es bestimmt noch eineinhalb Stunden gegangen.

Mit energischen Schritten stapften wir zuerst wieder durch den Schnee, umkurvten die Gletscherspalten und waren bald wieder auf dem flacheren Gauligletschers angekommen. Statt eines Gipfelfotos gab’s dann halt ein Gletscherfoto auf dem Gauli-Eisstrom. Bereits jetzt war die Enttäuschung des Nicht-Erreichens des angestrebten Gipfels verflogen und waren zufrieden mit dem bereits Erlebten. Doch an diesem Tag waren wir noch lange nicht in der Halbzeit unseres Laufpensums.

Gauligletscher-Foto statt Gipfelfoto auf dem Rosenhorn - dennoch sind wir an diesem Abend zufrieden zurückgekehrt!

Auf dem Rückweg waren wir erstaunt über die Umgebung, in welcher wir frühmorgens in völliger Dunkelheit gegangen waren. Wo wir zuvor nur Schritt für Schritt sehen konnten und die Orientierung doch ein bisschen schwierig war, lag nun der Weg übersichtlich vor uns.

Zurück bei der Hütte steuerten wir direkt die Terrasse an – wir brauchten noch eine kleine Stärkung vor dem Abstieg. Nach dem Zusammenpacken ging’s dann wieder los – die ankommenden Bergwanderer waren unterwegs gerade von einem Regenguss „überrascht“ worden, doch nun schien bereits wieder die Sonne.

Auf dem Abstieg mit den bereits 7h-wandern-müden Beinen hiess es Obacht zu geben. Trotz der leichten Müdigkeit ging die Zeit wie im Flug vorbei, denn es gab noch einiges zu berichten von unseren Reise-Fauxpas und schwierigen Verhandlungen unterwegs. =)

Um etwa 19.00, nach 15h draussen unterwegs, kamen wir nach einer kurzen Nacht in der Gaulihütte, einem Aufstieg dem Rosenhorn entgegen und zurück, munter und zufrieden bei unserem „goldigen“ Auto an – nach Innertkirchen hätten wir’s auch noch zu Fuss geschafft, aber trotzdem waren wir sehr froh darüber, dass wir nun auf 4 Rädern fahren konnten.

Danke Andrea & Fabio für das gelungene Wochenende – im noch sehr präsenten Reiseleben zu schwelgen hat gut getan und: auch „Reisen“ zu Hause macht eine riesige Freude!

bis gli widr mau..!

 

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