Bhaktapur भक्तपुर – Boudhanath बौद्धनाथ – Kathmandu काठमांडौ

Gepostet am Dez 16, 2013 in Alle Berichte, Asien, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Nepal | 1 Kommentar

Bhaktapur भक्तपुर – Boudhanath बौद्धनाथ – Kathmandu काठमांडौ

Ramro sanga janus..

[7. – 16. Dezember 2013]

Nach dem gut zwei wöchigen Arbeitsaufenthalt in Dhapasi, einem erhöhten Quartier nördlich von Basundhara, sind wir wieder aus dem Volunteerhaus ausgezogen. Haben die liebgewinnen Kollegen, vor allem Kalpana verlassen und uns erneut ein schönes Heim gesucht. Bald gefunden, liessen wir uns in der Nähe von Boudhanath im Quartier Chuchepati nieder. Hier ist es etwas ruhiger als sonstwo in Kathmandu.

Meine Sicht auf Kathmandu (Räphu..)

Kathmandu ist ein Herd von Unordnung, eine Stätte wo das Chaos in fast allen Winkeln, Ecken, Strassen und Gassen herrscht. Chaotisch ist der Verkehr, die Politik, die Märkte und die Strassen sehen aus wie mancherorts Bergwege und es leben schlicht und einfach zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Es wird gespukt wie sonst nirgendwo, die Luft ist dermassen schlecht, dass sich bei jedem ein dunkler Schleim bemerkbar macht, dessen er sich natürlich schnellstmöglich und fast jeder Zeit entledigen will.

Der Verkehr ist umso haarsträubender, da es wirklich keine Regeln gibt. Ich meine wir waren in Vietnam, in Myanmar, in Kambodscha, in Indonesien, aber das hier ist bei Weitem nicht vergleichbar. Oft sassen wir in den völlig überfüllten Microbussen oder Taxis und beide haben wir Schwindel und Übelkeit bemerkt, wohl wegen der Menge an eingeatmetem Kohlenmonoxid, aber auch weil man in den Busse ordentlich durchgeschüttelt wird. Ampeln und normale Kreuzungen, wie bei uns gibt es kaum, die Strassenränder sind gesäumt mit verkehrsverhindernden aber rechtschaffenden Menschen, die auf dem Boden allerhand Material zum Verkauf ausweiten, seien es Lebensmittel, Tageszeitungen, Pflegeartikel… Die Verkehrsszenerie gleicht dem Innenleben eines Ameisenhaufens, in alle Richtungen stehen allerhand Fahrgerätschaften, die Mensch, Tier und Material in geradezu belustigender Weise transportieren.

Die ganze Szenerie, der Staub, der Smog, die tausenden von Menschen, das quirlige Strassenleben, die vielen unterschiedlich aussehenden Menschen, schwarz, weiss, schlitzäugig, mandeläugig, braun, dunkel, schwarze und brauen Augen, westlich Kleider, indische, nepalesische und tibetische Kleidungen, Mönche, Heilige, Lamas, Priester, Geistliche, alle diese Eindrücke einer fernöstlichen Welt, einer für uns unwirklichen, gewöhnungsbedürftigen Welt, sie erinnert uns im fernen an die antiken Erzählung grosser Entdecker, die diesen Mythos vom fernen Osten schufen. Heute sind nur ein paar Stunden Flug nötig und man ist mittendrin – mitten in einer bemerkenswerten und faszinierend Gesellschaft, die auch irgendwie funktioniert –  auf ihre Art.

Weil wir aber überall und fast zu jeder Zeit einen schönen Rückzugsort finden und die Nepali, die Bevölkerung, uns wirklich ans Herz gewachsen ist, empfinden wir hier trotzdem Gefühle wie jenes des zuhause sein. Die Nepali sind äusserst friedfertig, nie offensichtlich erzürnt, laut oder in irgendwelcher Form unfreundlich. Vielmehr sind sie einladend, hilfsbereit, überaus gesprächig und vor allem ehrlich. Wenn man ihre Lebenssituation anschaut, ist das umso bemerkenswerter, denn viele Menschen haben wirklich nicht viel.

Die Stromunterbrüche

Täglich sind die Nepali vor allem in dieser Jahreszeit mit Stromausfällen konfrontiert. Manchmal nur 1-2 Stunden, je dunkler und kälter es jedoch wird, dauern die power cuts mehrere Stunden bis die ganze Nacht an. Durch den Tag weg sind Stromausfälle allerdings auch eher die Regel als die Ausnahme. Uns wurde gesagt, dass die Regierung den Strom kappt, da er teurer nach Indien exportiert werden kann. Welche Verluste das Gewerbe und die lokale Kleinindustrie dadurch einfährt, kümmert hier wohl keinen.

Nepal’s Übergangsregierung

In Nepal erlebten wir erstmals, was es bedeutet, „nur“ eine Übergangsregierung zu haben. Übergangsregierung bedeutet hier, dass die Abgeordneten eigentlich nur gewählt werden, um eine Verfassung zu erstellen. Die Verfassung stellt das Grundgerüst einer staatlichen Gesellschaft, einer Nation und seiner inneren Regelung zum Zusammenleben dar. Aus der Verfassung entstehen verbindliche Gesetze, die zum Beispiel das Strafrecht, aber auch den Handel zwischen Personen usw. regeln. Weil es Nepal aber bisher nicht geschafft hat, basieren solche für uns schon fast selbstverständliche Vorstellungen des Lebens auf einer ungeregelten Fiktion, einer mehrheitlich ungesetzlichen Basis. Das heisst aber nicht, dass es hier erlaubt wäre, jemanden auszurauben, zu töten oder zu betrügen. Weil dieser Zustand seit rund 10 Jahren der Fall ist, und sich in den 10 Jahren bisher 9 Premierminister hervorgetan haben, kann man sich nur zu gut vorstellen, dass es kaum Möglichkeiten gibt, eine Art Verantwortung des Tuns und Lassens herzustellen. Es ist ähnlich wie bei den Schweizer Banken. Jahre lang ziehen die Casinobesitzer oben in der Teppichetage gigantische Saläre, gedeckt durch die leichtgläubigen, von der ökonomischen Lehre verzogenen Aktionäre. Wenn die Bank wegen des Grössenwahns Talfahrt nimmt, der streng schuftende Durchschnittsbürger die Machenschaften der Stinkreichen wegen der „Systemrisiken“ dann auch noch stützen muss, dann haben wir beim Verlassen des Casinobesitzers der Bank und bei der Abwahl des Premiers in Nepal eine ähnliche Situation. Die Verantwortung für ihre Handlungen tragen weder Casinobesitzer noch die Premiers, die Bürde liegt immer noch beim Volk.

 

Bhaktapur

In der zweitletzten Woche haben wir eine kleine Reise nach Bhaktapur unternommen. Bhaktapur ist neben Kathmandu und Patan eine der drei alten Königsstädte, aus welcher früher Teile des heutigen Nepals regiert wurde. Bhaktapur ist die östlichste Stadt der ursprünglichen Königsstädte und liegt genau auf der Handelsroute zwischen den alten Königreichen und Tibet, weswegen die Stadt durch ihre reiche Architektur noch heute den damaligen Glanz aufzeigt.

Bhaktapur - Nyatapola Temple and Bhaktapur Street Life

Die Geschichte der Königreiche aus dem Kathmandutal geht bis ins 7. Jahrhundert vor Christus zurück. Alle diese Königreiche haben neben ihren Zentralplätzen (Durbar Squares) viele Tempel, die oft breit über die heutigen Städte verstreut sind. Weil alle Städte heute bewohnt sind, entsteht dadurch eine interessant zu betrachtende Mischung aus heutigem Leben der Nepali in teilweise antiken Gebäuden, welche das Gefühl aufkommen lässt, sich manchmal hunderte von Jahren früher in den Strassen laufen zu sehen. Es lohnt sich durchaus, sich mehrere Tage in einer der Königsstädte aufzuhalten, schon nur um in der Morgen- und Abenddämmerung das Leben der lokalen Bevölkerung von den erhöhten Stufen eines Tempels beobachten zu können.

So blieben wir drei Nächte, schlenderten jeden Tag durch die geschäftigen Strassen von Bhaktapur und schlichen auch durch die schmalen Gassen rund um die antike Stadt. Danach wären wir gerne weiter nach Patan (Lalitpur) gezogen. Ich litt allerdings nach mehr als 3 Wochen ununterbrochenem Schnupfen plötzlich an starken, einseitigen Gesichtsschmerzen. Deswegen befahl die für die innere Medizin zuständige Person einen Rückzug nach Kathmandu, eine unmittelbare Behandlung mit Antibiotika wurde angeordnet, was schlussendlich zu rasanter Besserung führte.

 

Kathmandu International Mountain Film Festival

Durch einen super Tipp fanden wir zum Kathmandu International Mountain Filmfestival (http://www.kimff.org) mit einem vielseitigen Programm – gespielte Lebensrealitäten Nepals, DOK-Filme rund um die Bergsteigerei, Energienutzung auf unserem Planeten, Geschichten rund um den Globus. Im folgenden einige persönliche Ausschnitte aus gesehenen Filmen, die uns gepackt haben…

Die Bergretter im Himalaya

Der Dokumentarfilm über die Schweizer Alpinretter-Spezialisten war uns längst bekannt, dennoch waren wir beide sehr über die Wirkung des Films auf uns gespannt, nachdem wir beinahe zwei Monaten in Nepal gelebt hatten und doch einiges aus einer anderen Perspektive sahen.

Insbesondere die Anwesenheit der Familien von dem verunglückten nepalesischen Piloten Sabin und dem Bergretter Purna verstärkte die ohnehin schon packenden Szenen im Film, den zeremoniellen Verbrennungen der Leichen in Pashupatinath. Die Nepali klatschten in den Szenen, in welchen die beiden heroisch ihrem Beruf nachgehen, in Interviews ihre Motivation und Erkenntnisse kundtun und schlussendlich ihre Leben opfern. Siddharta, ein Rettungspilot, welcher in die Fussstapfen des verunglückten Sabin getreten ist, erscheint bei einer anschliessenden Disskussion über die zukünftige Rettung im Himalaya. Der DOK vermag uns hier nochmals zu fesseln, wir erkennen die tibetisch-geprägten Dörfer rund um den Manaslu wieder, in welchen wir auf unserem Trek übernachtet hatten.

Erhard Loretan – Breathing the smell of the sky

Negativ behaftet aufgrund der fahrlässigen Tötung seines Kindes durch ein ihm zugefügtes Schütteltrauma wurden wir unerwartet überrascht von einer herausragenden Persönlichkeit, welche uns bisher kaum bekannt war. Er war der zweite Mann, welchem die Besteigung von allen 8000ern der Erde ohne zusätzlichen Sauerstoff gelang. Seine verletzliche, bescheidene, unbeirrbare Art und seine gesunde Philosophie zum Bergsteigen hat uns sehr fasziniert. In Interviews erklärt er, dass das Erreichen eines Gipfels nicht sein primäres Ziel war, sondern das zurückkehren nach Hause, natürlich mit der Möglichkeit, den Gipfel bestiegen zu haben. Seine errungenen Gipfel und überaus bewundernswerten Taten, die damit verbundenen Leiden, Schmerzen und Ängste schätzt er nicht als besondere Leistung ein – denn er sei lediglich seiner Leidenschaft gefolgt, währenddem andere Menschen auf der Welt leiden und Ängste ausstehen, ohne dass sie sich dies selber ausgesucht hätten.

When Hari got married

Hari ist ein 30-jähriger Taxifahrer, welcher in Nordindien am Fusse des Himalaya lebt. Seine Hochzeit mit Suman wurde arrangiert, eine junge Frau, die er nie getroffen hat. Die Tradition gibt vor, dass sich die beiden das erste Mal an ihrer Hochzeit sehen. Doch das bevorstehende Zusammenleben mit einer fremden Frau macht ihm Kummer und deshalb findet er einen Weg, sie dennoch vorher kennen zu lernen – per Mobile Phone. Über die letzten Monate vor der Hochzeit sprechen die beiden täglich miteinander, lernen sich über die Gespräche kennen und verlieben sich allmählich ineinander. Hari ist sich bewusst, dass es für Suman einen schwierigen Schritt sein muss, ihre Familie zu verlassen, sich in eine fremde Familie zu integrieren und die hohen Erwartungen zu erfüllen. Hari mit seinen fortschrittlichen Lebensvorstellungen, mit seiner spontanen und einfühlsamen Art weckte schnell unsere Sympathien für ihn. Ein amüsanter und eindrücklicher Film, welcher uns eine Realität in einer anderen Ecke der Welt gezeigt hat.

Happy Christmas!

Neben der etwas aufwändigeren Organisation unserer Weiterreise als sonst, den Weihnachtsvorbereitungen trotz Hindus und Buddhisten rund um uns herum, liessen wir auch etwas die Seele baumeln und genossen die letzten Tage in diesem verzaubernden Nepal mit allen Ecken, Staubwolken und chaotischen Strukturen. Wir werden die letzten zwei Monate in der bisher fremden Welt gut in Erinnerung behalten und werden, wenn auch erst im nächsten Leben, hoffentlich wieder nach Nepal zurückkehren.

 

DSC05693

Ramro sanga janus Nepal – mir chöme zrügg!

 

 

1 Kommentar

  1. Auch dieser Bericht…Geschichtsstunde pur garniert mit eindrücklichen Fotos…gratuliere!!

    LG Bidi

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