Cerro Sairécabur

Sairécabur 5980 m ü.M.

[09.04.2013] Nach einem Ruhetag in San Pedro de Atacama, während dem wir „nur“ unsere Weiterreise nach Bolivien geplant und bei einem lokalen Anbieter gebucht hatten, kauften wir auf dem Markt noch eines der hiesigen Wundermittel, dass für die bessere Verträglichkeit der Höhe helfen soll. Unser „Padre“ im Hostal malte uns auf die Karte von San Pedro de Atacama ein, wo wir das Wunder bewirkende Chachacoma – ein Thymian-ähnliches Kraut – kaufen können. Ansonsten hätte es auch Mate de Coca gegeben… Jedenfalls tranken wir viel Wasser und 2 Liter Chachacoma-Tee und gönnten uns hinsichtlich unserem Vorhaben etwas Ruhe an diesem Tag.

[09.04.2013] Am Morgen holte uns der Bergführer um 06.10Uhr ab, wir hatten ihn bis dahin noch nicht gesehen. Wir wussten nun aus Erfahrung, dass es v.a. gegen den Morgen hin endlos kalt war, wenn wir jeweils auf die frühmorgentlichen Touren, sei es zu den Geysiren Tatio auf 4200m ü.M. oder zu den Laguna Altiplanicos in der Nähe des Volcán Lascar gefahren waren. Kaum vorstellbar in der Atacama, der trockensten Wüste der Welt und wenn man am Nachmittag jeweils bei fast 30° C in der Hängematte liegt…

So waren wir auch entsprechend ausgerüstet. So ging’s los, ein Fahrer, wir zwei und der etwas nach Alkohol riechende Bergführer.. Zuerst holten wir bei einer Panaderia Brot und fuhren danach los Richtung Norden, wo der Jeep dann bald gute Strasse mit einer „bergwegähnlichen“ Route tauschte. Von nun an klapperte und holperte es noch knapp zwei Stunden lang bis wir beim Radioteleskop auf fast 5200m ü.M. ankamen. Im Schatten einer grossen Erhebung hielt unser Jeep, wo Julio – der Bergführer – und Henry – der Fahrer – das Frühstück auf der Ladebrücke des Jeeps aufdeckten. Die Aussicht auf die Atacamawüste und San Pedro de Atacama beim Eintreffen der ersten Sonnenstrahlen waren überwältigend. Allerdings schlich sich die raue Kälte in unsere Glieder, es war wirklich unangenehm. Schnell hatten wir daher das Brot mit etwas Käse ohne Hunger mit einem heissen Wasser und Schokopulver runtergespült.

Eigentlich wollten wir den Licancabur 5917m ü.M. besteigen, doch nach eifrigen Nachforschungen und der Konsultation verschiedener Bergführer-Büros hier in San Pedro de Atacama haben wir uns dann für den Sairécabur entschieden. Er wird zwar hier in San Pedro als 6000er verkauft, aber laut verschiedenen Quellen erreicht sein Gipfel die 6000-Marke nicht ganz. Wikipedia geht von 5980m ü.M. aus, unser GPS misst 5973m ü.M. meinen Uhr 5985m ü.M. Nichts desto trotz ist der Berg mit einer enormen Höhe ausgestattet, was seine Besteigung so oder so nicht einfach macht – das werden wir am eigenen Leib erfahren..

Die Sairécabur-Vulkankette ist eine Vulkangruppe (Stratovulkane) ca. 38Km nordöstlich von San Pedro de Atacama in Nordostchile. Die Gipfel der Vulkane liegen auf der bolivianisch-chilenischen Grenze und bilden Zugleich auch den Übergang oder die Abgrenzung der Atacama, der trockenste Wüste der Welt, zum bolivianischen Altiplano. Der Altiplano selbst ist eine Hochebene zwischen Cordillera Oriental (Ost) und Cordillera Occidental (West) in Bolivien.

Der Sairécabur ist mit seinen knapp 6000m ü.M. der höchste Vulkan seiner Gruppe und überragt damit den gleich direkt nördlich liegende Cerro Ojos del Toro, Curiquinea, Escalante und Cerro Colorado (auch El Apagado).

Der imposante Nachbar (Liancabur 5917m ü.M.), der  von San Pedro aus gesehen viel herausragender und erhabener wirkt, ist vom Dorf aus nur in zwei Tagen zu besteigen zumal der Normalweg von der bolivianischen Seite auf den Gipfel führt. Licancabur bedeutet Berg des Volkes, wohl deswegen, weil er mächtig über der nördlichen Atacama und damit über der Oase San Pedro de Atacama ragt und bereits aus weiter Distanz sichtbar ist. Seine Erscheinung dürfte deshalb so imposant sein, weil er im Gegensatz zum Sairécabur eine stolze Schartenhöhe von 1300m besitzt. Die Schartenhöhe ist ein Mass für die „Freiständigkeit“ eines Berges (im Vergleich zur mittleren Höhe des direkten Umlandes). Da der Sairécabur eine Vulkangruppe bildet, ist seine Schartenhöhe nicht viel grösser als 0m, dass heisst er ragt kaum aus seiner Vulkangruppe heraus, auch wenn er weitgehend der höchste Berg ist.

Sairécabur hingegen bedeutet Berg des Regens (Sairé = Regen / Cabur = Berg). Der Name kommt von der ausgestorbenen Sprache Kunza der Likan Antai Bevölkerung auch Atacameño genannt. Trotz seiner enormen Höhe ist er auf Grund verschiedener Umstände „einfacher“ zugänglich als der Licancabur. Einerseits ist er nämlich wegen einer mittlerweilen stillgelegten Schwefelmiene und eines Radiotelekops (Receiver Lab Teleskop) auf 5500m mit einer „Strasse“ bis auf rund 5200m erschlossen. Andererseits bleibt einem das Zelten in der rauen, trockenen und eiskalten Umgebung erspart.

Es ist allerdings zu bedenken, dass die Akklimatisation unter diesen Umständen nicht mehr gegeben ist, zumal man mit dem Jeep in knapp 2 Stunden 2800m hoch fährt (von San Pedro de Atacama 2450 bis zum Radioteleskop auf rund 5200m ü.M.) und innerhalb weiterer gut 2 Stunden wieder 500Hm bis zum Gipfel aufsteigt!

Dann ging’s los! Bis zur nun stillgelegten Schwefelmiene folgten wir kurz einem Weg, bevor wir in die steile Flanke kehrten und die ersten paar Meter auf endlos rutschigem Vulkangestein in allen Grössen hochstiegen. Bereits nach ein paar Metern spürten wir die Höhe, gesprochen wurde kaum. Ein Schritt hoch und mindestens ein halber wieder runter rutschend, so ging es vorwärts. Es half auch nichts, auf die grösseren Steine zu stehen, dasselbe Schicksal ergab sich davon. Der Puls schnellte in die Höhe, es knatterte im Kopf die Atemfrequenz war wie nach einem langen Sprint.

Die Flanke wurde immer steiler, gegen oben hin kamen hartgefrorene Firnfelder zwischen den Steinhaufen hinzu. Diese mussten teilweise gut gespurt werden, zumal sie ziemlich steil talwärts ragten, ein Ausrutscher wäre nicht von Vorteil gewesen.

Nach ca. 1 Stunde und x sich aufdrängenden kurzen Verschnaufpausen kamen wir völlig verkrampft und nach Sauerstoff ringend am Ende der steilen Passage in einer flachen Mulde an. Der Puls war geschätzte 180-200 Herzfrequenz, also das Maximum, was wir in unserem Alter noch hergeben können.. =) Doch das vordergründige Problem war immer noch die Kälte. Die nun auf unseren Kleidern auftreffende Sonnenstrahlung vermochte auch nur bedingt eine Verbesserung einleiten. Die Füsse waren taub und die Gesichter waren über die Nase aus bedeckt, um die möglichen Frostbeulen zu verhindern. Auch der Guide hatte eine Sturmmütze um und rauchte an dieser Stelle bereits seine 3. Zigarette! Sarah zog sich hinter einem Felsen die letzte Reserve-Schicht – die Thermounterwäsche – unter die 3 Jacken und die Gortex-Hose, die Sache war also ernst! Am Tiefpunkt unserer körperlichen Verfassung angekommen, glich unser Gatorade einem Mojito voller crushed Ice und war demnach untrinkbar.

Einzig das merkwürdig und zugleich faszinierend wirkende Büssereis vermochte unserem eher schlechten Zustand etwas Ablenkung zu schenken. Am Rand des Büssereisfelds sind spitze, ca. 10-20cm hohe Eisstiele zu sehen die sich gegen Innen zunehmend in die Höhe türmen. In der Mitte ist das Eis geschätzte 2m hoch, was auf Grund seiner speziellen Form (in den Alpen nicht existent) doch imposant auf unsere Augen wirkte.

Die Route führte uns weiter, schnaufend, schwindelig und mit stetig hohem Puls über riesige Gesteinsquader, die sich im Auf- und Ab aneinanderreihen. Der Kraftaufwand erhöhte sich nochmals, zumal man hie und da mit allen Vieren klettern musste. Weil sich aber unsere Route auf den bolivianischen Boden zog, bekamen wir zunehmende mehr Sonne ab und sahen nun den bolivianischen Altiplano mit der Laguna Blanca am Fusse des Juriques und der Lagune Verde am Fusse des Licancabur und viele, mindestens 15 rötlich-gelblich schimmernde Vulkane.

Weiter gings über Steine kletternd nun von Osten herkommend über die Gipfelflanke, wo wir nochmals eine kurze 5-minütige Pause machten. Das Gatorade war leider immer noch gefroren, auf diese Zufuhr von Energie konnten wir also bis wir in San Pedro zurück waren nicht mehr zählen. Deswegen mussten wir halt die knusprige, geschmackslose Schoggi runterwürgen. Von da an ging’s allerdings nicht mehr weit und nach vielleicht 20 Minuten waren wir auf dem Gipfel – wie die herzliche Frau im Bergführerbüro gesagt hatte: Geht nicht auf den Licancabur, die Aussicht auf dem Sairécanur ist màs bonito!!

So war’s dann auch – die Aussicht äusserte sich in Freude – vor allem die Sicht gegen Norden auf die vielen sich in der Vulkangruppe Sairécabur befindenden Vulkane war berauschend! Wir genossen es auf dem Gipfel, gerade auch weil sich dort inmitten vieler Steine eine kleine Depression gebildet hat, wo man dem Wind ausweichen konnte.

Etwas „dizzy“ und mit spürbar beginnenden Kopfschmerzen machten wir einen Eintrag ins Gipfelbuch und stiegen dann nach ein paar Fotos wieder auf dem ungefähr selben Weg ab. Der Abstieg war nicht einfacher, zumal unser Guide die langgezogenen Firnfelder, die sich mittlerweile im oberen Teil etwas aufgeweicht hatten, als Abstiegsroute vorschlug. Oben war diese Idee noch gut, zumal man mit der Ferse der Bergschuhe und viel Schwung jeweils Tritte in den Schnee hauen konnte. Weiter unten musste der Pickel dann auf Grund der Härte des Firns diese Arbeit wieder tun, was mit den nun starken Kopfschmerzen sich als endlos erwies. Steigeisen wären von Nutzen gewesen.

Irgendwann gelangten wir unten wieder beim Jeep an. Wir waren zwar zufrieden, den Sairécabur „geschafft“ zu haben, aber in unseren etwas leidenden und apathischen Zuständen konnten wir es noch nicht ganz realisieren. Trotz der einmaligen Aussicht und der grundsätzlich schönen Bergtour war die Besteigung alles in allem zu stark durch unser beider Leiden geprägt, weswegen wir eine solche Tour nur noch besser (oder überhaupt) akklimatisiert wählen würden.

1 Kommentar

  1. Wahnsinnig sit dir zwöi, macht eim ja Angscht so uf 6000iger Gipfle stige. D Sarah gseht us wine härzige Pinguin so warm agleit. Ig bi froh isch dä Ufstieg guet gange. Mir hett scho dr Abschtieg weh ta! M u S

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