Chile – Salar de Uyuni – Bolivia

Gepostet am Apr 17, 2013 in Alle Berichte, Bolivien, Chile, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Südamerika | Keine Kommentare

Chile – Salar de Uyuni – Bolivia

Chile – Salar de Uyuni – Bolivia…

…und eine kriminelle Busfahrt nach Tupiza

Bobby – der langhaarige Rasta-Hund des Hostals – strielte um uns herum, als wir morgens am Randstein vor dem Haufen unserer Rucksäcke standen und warteten. Und da konnte er sich’s wohl nicht verkneifen: *sprutz sprutz* und man ahne es, nochmals *sprutz* … und sein Revier war auf Räphu’s Rucksack markiert, knapp an der Regenhülle vorbei. Ich bewies Reaktion und zog Bobby eines über die Rübe, um Schlimmeres zu vermeiden. Den Schaden konnten wir mit einer kurzen Putztüchliaktion beheben. Das war der Start in einen langen, prächtigen und aufregenden Reisetag. Irgendwann wurden wir von einem vollbesetzten Touri-Bus abgeholt, welcher uns für 5000 chilenische Pesos (10 CHF) in ca. 45 Minuten Fahrt über die Grenze nach Bolivien bringen sollte. Die Aus- und Einreise verlief komplikationslos, ausser das viele das gleiche Vorhaben hatten wie wir. Der Kleinbus quälte sich rauchnend den Berg hoch – von San Pedro (2400m) gewannen wir bis zum Umlade- und Fahrzeugwechselort (4600m) doch ziemlich an Höhe. Beim Aussteigen bliess uns ein frischer Wind um die Ohren, deshalb war das bolivianische Grenzbüro vollgedrängt mit schnatternden Touristen, nicht gerade zu Freuden der Carabiñeros. WC gab es keines, oder zumindest nicht sofort erkennbar. Eine Carosserie eines alten Buses stand ohne Untersatz und Fensterscheiben auf dem bolivianischen Altiplano – wir interpretierten dies als: Bienvenido a Bolivia!

Nach dem üblichen Desayuno draussen wurden wir von unserem Fahrer Josue herzlich in Empfang genommen und wir luden unseren Jeep. Wir hatten eine lange Strecke durch das Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa über den bolivianischen Altiplano zur Salar de Uyuni und schliesslich nach Uyuni vor uns. Das erste Mal kehrten wir auf unserer Reise in ein Land und in eine Gegend zurück, welche uns bereits vier Jahre zuvor begeistert und fasziniert hatte – Bolivien und der Altiplano. Aufgeregt, wegen der riesigen Vorfreude machten wir uns auf den Weg. Und wir wurden nicht enttäuscht, auch wenn einige Naturschauplätze aufgrund unterschiedlicher Begebenheiten und natürlichen Veränderungen völlig anders wirkten. Die Laguna Verde, benannt nach ihrem türkis-schimmernden Wasser am Fusse des Vulkans Licancabur auf 4300m gelegen, hatte ihre Farbe seit unserem letztes Besuch deutlich verloren. Die auffällige Färbung wird durch einen hohen Mineralanteil von Magnesium, Kalziumkarbonat, Blei und Arsen verursacht. Je nach Windstärke und den dadurch aufwirbelnden Sedimenten wechselt die Farbe zwischen einem hellen Türkis bis zu einem dunkleren Grün. Josue erklärte, dass sich der Arsengehalt in Relation mit dem Vulkan Licancabur verändert habe und deshalb die Farbe weniger grün erscheine. An der Laguna Blanca – direkt neben der Laguna Verde – konnten wir aus der Ferne die ersten Flamingos sehen. Diese Lagune weist einen anderen Mineralgehalt auf als die Laguna Verde, wo es keine Flamingos gibt.

Bereits bei hohem Sonnenstand erreichten wir die Sol de Mañana Geysers – ein 2 Km² grosses Geysirenfeld auf fast 5000m Höhe. Im Gegensatz zu den Geysiren im Norden Chile’s blubberte, sprühte und kochte hier die Erdmasse, die Temperaturen erreichten laut Josua 180° C. Auch wenn wir grosse Lust hatten, die breiige Erde zu fühlen, war dies wohl nicht empfohlen. =) Die Schlammpools waren deutlich tiefer geworden, nur über teils schmale Pfade konnte man dazwischen durchgehen, mit den windigen Verhältnissen war also Vorsicht geboten. Heisser Dampf zischte uns aus dem Erdinnern entgegen – wir waren den Kräften der Erde sehr nahe. Inmitten der dampfenden Umgebung stach uns der beissende Schwefel-Gestank gleich fauler Eier in die Nasen, der einem ein bisschen zu benebeln schien.

Das blutrote Wasser der grössten Laguna Colorado des Reservates war bereits von Weitem sichtbar. Die Lagune ist mit einer durchschnittlichen Tiefe von 0,5 bis maximal 1.5m Tiefe sehr flach. Die rote Farbe ist erklärbar durch die im seichten Wasser wachsenden Algen und dem zugleich hohen Mineralgehalt des Wassers. Im Tagesverlauf ändert sich die Farbe abhängig vom Einstralungswinkel der Sonne. Diese Algen bieten den Flamingos eine reiche Nahrungsquelle, weshalb diese Lagune die einzige und grösste Brutstätte der sehr seltenen James Flamingos ist. Die roten Algen färben auch das rosa-pinkige Gefieder und die dünnen Beine dieser Flamingoart.

Hungrig hielten wir auf der Durchreise in dem Dorf Villamar Mallcu, in welchem wir schon vier Jahre zuvor einen Halt gemacht hatten. Unser Guide freute sich riesig, dass wir uns noch an ein Flugzeugheck erinnern konnten, welches auf einem Felsen über dem Dorf zu schweben schien. Bei einer Familie wurde uns in einem Nebenraum das Mittagessen serviert: Lammfleisch, Quinoa, frisch geschnittene Tomaten, Gurken, Avocado und Käse. Das Essen schmeckte köstlich! Beim Weiterfahren bemerkten wir, dass das Dorf merklich gewachsen war.

Salar de Uyuni

Abendstimmung über der Salar de Uyuni

Nach einem wunderprächtigen Tag über den Altiplano reisend erreichten wir nach 9 Stunden mit einem perfekten Zeitplan kurz vor Sonnenuntergang die Salar de Uyuni – die grösste Salzwüste der Welt. Überrascht von der reinen, weissen Farbe der Salzkruste und der einzigartigen Struktur (hexa- bis oktagonale Formen) der Oberfläche nach Kristallisation genossen wir die Dämmerung völlig allein inmitten diesem erdenschönen Ort. Ein angenehm warmer Wind ging, die Sonne senkte sich von Minute zu Minute deutlich sichtbar in dieser flachen Umgebung und liess die Salzkruste zunehmend glitzern. Weiter entfernt spiegelten sich die Salzhügel – zur Salzextraktion vorbereitet – auf der dünnen Wasseroberfläche im düster werdenden Licht. Die Farben am Horizont reichten von gelb, orange zu lila und dunkelviolett. Ein unvergesslicher Sonnenuntergang in einer völlig anderen Umwelt wurde uns geboten – wir genossen diesen Moment sehr! Nach Sonnenuntergang sank die Temperatur sofort merklich, so dass wir uns im Jeep auf den Rückweg nach Uyuni machten.

 

Kriminelle Busfahrt von Uyuni nach Tupiza

Wer nun denkt, dieser ereignisreiche Tag finde hier ein Ende, der täuscht sich. Im Bezug auf unsere Nerven ging das Abenteuer nun erst richtig los! Um 20:00 stiegen wir einem typisch bolivianischen Bus zu, wie wir sie noch von unserem letzten Besuch kannten: mächtige Profilräder, ein fast 1.5 Meter in die Höhe ragender Laderaum und darüber die Sitzplätze. Vorne am Bus unter der Führerkabine war die Abdeckung abgerissen, ansonsten machte der Bus eigentlich eine ganz gute Falle. Unser Tourenanbieter hatte uns die besten Tickets besorgt; Plätze in der zweiten Reihe mit mehr Beinfreiheit und ohne die lästige Kälte durch die leckende Frontscheibe. Doch an unserem Platz sass bereits eine ältere Indio-Abuela mit langen, schwarzen Zöpfen in traditioneller Kleidung. Doch als wir nett um einem Tausch der Plätze fragten beziehungsweise die uns zustehenden Plätze einforderten, schüttelte sie energisch den Kopf, ohne Blickkontakt aufzunehmen. So kam es, dass wir uns kurze Zeit später auf den vordersten Plätzen hinter der Frontscheibe vorfanden. Bereits nach dem Dorfausgang Uyunis drückte der Conductor den Stempel runter, als gäbe es kein Morgen mehr. Die nicht asphaltierte Strasse war zwar hier noch in einem guten Zustand, jedoch auf einer leicht erhöhten Trasse gebaut. Der Fahrer hielt sich immer an der linken Seite, was den Bus in eine unbequeme Schräglage brachte. Im Reiseführer war eine interessante Zeitangabe zur Dauer der Busfahrt angegeben: 6-9 Stunden und „it’s a very scenic and rough journey„. Auf den Nachtbusfahrten wurden wohl die untere Zeitlimite angestrebt.

Und da waren sie wieder, die Abenteuer Boliviens, ohne dass man sie jemals derart geplant hätte, sie sich jedoch immer wieder unerwartet ergeben. Dennoch nimmt man die Strapazen hin und lebt mit den manchmal lauernden Gefahren in diesem einzigartigen, ursprünglichen und wunderschönen Land.

Auf der geraden Strecke kamen zunehmend tiefe Rinnen oder durch abfliessendes Wasser verursachte Schneisen hinzu, die mit dem hohen, wohl nicht elchtest-würdigen Bus überwunden werden mussten. Ein Fahrhelfer stieg jeweils aus und gab dem Fahrer lautstark Anweisungen zum Überwinden der Hindernisse. Obwohl wir nichts gegessen hatten, war an ein Picnic unter dieser Anspannung nicht zu denken.

Nach einem kurzen Zwischenhalt in einem Dorf ging die Fahrt weiter, welche immer rauer und abenteuerlicher wurde. Obwohl das Vertrauen in den Fahrer gewachsen war und wir manchmal sogar ein paar Minuten schlummerten, bot jedes Erwachen wieder unschöne Bilder. Irgendwann fanden wir uns in einem engen Canyon wieder, welcher in den Scheinwerfern des Busses erkennbar war. Wenn der Abgrund auf der linken Seite anfangs nur ein kleines Bachbett war, wurde die Kerbe des Wasserlaufs im Canyon immer tiefer. Die Fahrt ging weiter der rechten Seite der Schlucht auf einer Schotterpiste entlang, die wohl einst in den Hang gekerbt worden war. Die schlechte Sicht in der Dunkelheit der Nacht und das mörderische Tempo des Fahrers auf dieser Strecke machte die ganze Sache bedrohlicher. Und nicht zu vergessen war, dass wir ja zuvorderst sassen und beste Sicht auf die Geschehnisse vor uns hatten. In dem kurvigen Gelände schienen wir auf den Sitzen vorne links immer öfters über dem Abgrund zu schweben, bevor der Fahrer das Steuer wieder vom Abgrund wegdrehte. Angespannt und unsicher in unserer unausweichlichen Situation mitten in der Nacht waren wir unendlich froh, als wir erschöpft und geknechtet im südlichen Tupiza zum Busbahnhof einbogen. Der feste Boden unter unseren Füssen fühlte sich gut an. Nach einem kurzen Marsch zum Hostal und kurzer Abendtoilette stiegen wir um 03:00 in unsere Penntüten, einmal mehr froh, dass wohl ein Schutzengel über uns gewacht hatte.

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