Dem Piz den Buin aus der Tube gedrückt…

…davor die Silvretta mit einem Ring bestückt!

Der Drang nach Freiheit hat kein Ende, vielmehr noch weitet er sich aus, wenn man die Möglichkeit erhält ihn auszukosten…

[3.- 8. September 2013]

Die Silvretta ist eine Gebirgsgruppe in den zentralen Ostalpen. Teile der Silvrettagruppe gehören dem Kanton Graubünden an, weitere Teile gehören zu den Bundesländern Tirol und Voralberg in Österreich. Die Silvretta ist bekannt für ihre 3000er, die gerne und meist von der österreichischen Seite her bestiegen werden. Die höchsten Gipfel der Silvretta sind der Piz Linard (3410m) und der Piz Fenga oder Fluchthorn (3398m). Im Hauptkamm der Silvretta bildet der höchste Berg, der Piz Buin Grond 3312m den alpin-touristischen Magnet. Geologisch gesehen besteht die Gruppe aus kristallinen Gesteinen, die allerdings bei der erneuten Faltung unter starkem Druck metamorphisiert wurden. Durch das vergleichsweise grosse Alter und die Metamorphose besteht die Decke – was bei einer Besteigung eines Berges nicht so unwesentlich ist – zwar aus harten Gesteinen, aber eben zugleich oft aus brüchigem Material (Alter und Verwitterungsgrad).

Die am häufigsten vorkommenden Steine sind Gneise, Granite (alt) und Amphibolite. Die Granite in der Region gleichen dem Gneis, wodurch sie teilweise nur schwer unterscheidbar sind. Sie sind vergleichsweise weiss, weil ihr Anteil an Feldspat (Plagioklas) überdurchschnittlich hoch ist. Die Gneise hingegen sind mehrheitlich Orthogneise, d.h. ihr Ursprungsmaterial sind nicht die Sedimente (wie beim Paragneis), sondern die kristallinen Grundgesteine. Die Region wird gross-geologisch tendenziell dem Penninikum zugeordnet, auch wenn das Ostalpin teilweise (noch) zu Tage tritt. Das Ostalpin ist die eigentlich ganzheitliche kristalline Grundschicht, die in grossen Teilen immer noch vom Penninikum überschoben ist.

Gerechnet haben wir mit der Besteigung des Silvrettahorns und des Biz Puin. Wenn die Luft noch reichen würde, wäre dann noch der Dreiländerspitz auf der Wunschliste gewesen. Letzterer lässt die Grenzen dreier „Bundesländer“ im Uhrzeigersinn auf seinem Gipfel zusammenfliessen; nämlich jene des Voralbergs, des Tirols und des Schweizer Kantons Graubünden, weswegen der Besuch bereits aus rein geografischen Gründen auch interessant gewesen wäre. Der Konjunktiv und die ansonsten komplett aufgeführten Wegpunkte nehmen bereits vorweg, dass dies mit der Luft beziehungsweise mit den Beinen so eine Sache war. Was das ganze mit einem Ring zu tun hat, soll hier nur am Rande eine Rolle spielen, der Rest ist pure Freude über das kleine Wortspiel um die schönen Berge der Silvrettagruppe. 

Monbiel – Silvrettahütte

[04.09.2013] Dies alles Vorgeplänkel wäre nicht, wenn wir –  eine flotte Wandertruppe, die nun das 3.Jubiläum feiert – nicht wieder abgemacht hätten und uns für die Silvretta entschieden hätten. Nein, es wäre sicher nicht die Silvretta geworden, wohl etwas näher gelegenes oder wieder einmal etwas im Wallis, was mit der NEAT heute für uns Berner ja auch nahe ist. So haben wir auch die letztjährigen Tourenvorschläge wieder in die Hand genommen – den Mont Vélan oder die Pigne d’Arolla. All das half nichts, das Bündnerland wurde in der demokratischen Abstimmung mit 3 Stimmen und einer Enthaltung „plus ou moins“ gut geheissen.
Wie auch immer sahen wir uns nach früher Abfahrt in Thun mitten im Stossverkehr im Intercity nach Zürich. Danach in moderat gefülltem Zug dem Walensee entlang Richtung Landquart. In Landquart sind wir ein letztes Mal umgestiegen (jedenfalls was das Wesen der SBB anbelangt). Die Post hat uns dann auch noch beehrt und so sind wir mit dem Postauto bis nach Monbiel gefahren um den Hüttenzustieg zur Silvrettahütte SAC etwas zu verkürzen.

Frohen Mutes und bei wunderbarem Wetter liefen wir los. Gegen Nachmittag nach der Alp Sardasca, wo es einen wunderbaren Brunnen gibt, dem man den Holundersirup gegen einen Batzen entnehmen darf, wurde es heiss – feucht heiss. Ein frisch geschossener Hirsch wurde gerade eben noch mit dem Helikopter von den Abhängen des Leidhorns runter geflogen – das bedauernswerte Tier! Wir stiegen in annähernd tropischer Hitze zur Silvrettahütte SAC hoch und genossen danach den Nachmittag auf der schönen Terrasse, einem Hüttenkafi und frühzeitlichem zu-Bett-gehen.

Silvrettahorn 3244m ü.M.

[05.09.2013] Um 05:30 Uhr starteten wir früh, weil wir den Gletschern und den darüber liegenden Schneefelder nicht so trauten. Wir stiegen nordseitig des Silvrettagletschers ungefähr 200m westlich des Punkts 2580 auf den Gletscher. Trotz frühen Morgenstunden aber warmen Temperaturen schien die Schneedecke gut durchgefroren zu sein (Schnee ab 2900m). Wir umkreisten das Egghorn grosszügig westlich und drehten Richtung Gipfel des Signalhorns. Die Normalroute auf das Silvrettahorn bediente sich der Durchschreitung der Egghornlücke, was uns aber sehr suspekt erscheint, zumal im oberen Bereich vertikale Felsen durchklettert werden müssen, jedenfalls hatten wir das so aus der Ferne ausgemacht.

So versuchten wir eben die Lücke zwischen Egghorn und Signalhorn zu übergehen. Die Lückenüberschreitung war dann tatsächlich kein Ding. Kurz vor der Lücke mussten wir etwa 8m Fels durchsteigen. Ich stieg vor und sicherte die drei Nachkömmlinge provisorisch, was keine Probleme verursachte. Nach einer kurzen Pause stiegen wir über den steilen Gletscher (zum Glück noch mit Schnee bestückt) ab (um die 35-38 Grad). Von oben betrachtet stiegen wir ganz links, dem Felsen entlang runter, was zwar leicht steiler ist als ganz rechts, allerdings nicht eine gigantische Spalte im unteren Bereich des Abschwungs aufweist. Allerdings sind dann links doch auch einige Spalten, die teilweise zwar noch zugeschneit waren, die wir aber im steilen Abstieg umschreiten konnten. Wieder im Flachen, liefen wir Richtung den flachen Rücken zwischen Pkt 3082 und Sillvrettahorn.

Da seilten wir ab und sahen runter Richtung Silvrettagletscher den einfachsten und schnellsten Weg, der auf das Silvrettahorn geführt hätte. Von oben sind die Wegspuren gut ersichtlich, die vom Silvrettagletscher hierher führen wo wir nun stehen. Nicht die Egghornlücke selbst ist also Normalweg von der Silvrettahütte zum gleichnamigen Horn, sondern die Lücke zwischen Pkt.  3082 und Silvrettahorn.

Die Aufstiegsgeschichte ist geprägt durch Wegspuren im unteren sehr schuttigen Bereich, einfacher und nicht allzu ausgesetzter Kletterei (I) im mittleren Teil und einfacher und leicht ausgesetzterer Kletterei im oberen, gipfelnahen Bereich. Beim schmaleren Übergang zum Gipfelaufschwung steht ein grosser Felsen mitten auf dem Grat. Hier rät es sich, diesen links zu umgehen. Meine Suche nach einem Durchkommen auf der rechten Seite endete in sehr ausgesetzten Felsen.

10:40 Uhr waren wir auf dem Gipfel des Silvrettahorns und genossen das schöne Wetter und die wunderbare Aussicht! Als dann Freude“seufz“geräusche auszumachen waren, Sarah und ich verwundert zu unseren Freunden schauten und feststellten, dass gerade etwas geschehen sein musste, hielt uns die Protagonistin des heutigen Tages einen funkelnden Ring entgegen – wo wir bei der Eingangs erwähnten Geschichte sind – gut hatten wir einen kleinen Gipfelwein (unwissentlich) mitgenommen – PROST und Gratulation an’s frisch verlobte Paar! =)

Mit den frisch Verlobten machten wir uns auf den Abstieg. Vom Silvrettahorn wieder den ähnlichen Wegspuren entlang auf die Lücke zwischen Pkt. 3082. Dort seilten wir uns an und stiegen mehr oder weniger direkt Richtung „O“ des Wortes „Ochsentalergletscher“ (Referenz: 1:25’000 Topokarte oder map.geo.admin.ch „Silvrettahorn“). Vor dem „O“ bogen wir direkt nach Norden (in die Aufstiegsspur zum Piz Buin) ab und avisierten den Pkt. 2905 auf dem Felsen, zogen mit sicherer Distanz dem linken Gletscherrand mehr oder weniger direkt runter (hat viele Spalten). Vor Höhenlinie 2600 gelangt man zu einem relativ steilen Abstieg (ca. 300m Horizontaldistanz). Auf 2600m kann man abseilen, der Gletscher endet da. Allerdings tut man gut daran, die Steigeisen nicht unbedingt zuunterst in den Rucksack zu versorgen (u.U. braucht man sie nochmals bei der Traverse über den oberen Teil der untersten Gletscherzunge Richtung Wegspuren, die dann über die Grüne Kuppe Pkt 2579 zur Wiesbadenerhütte DAV führen. Der Weg zieht sich, ausgehend vom Standort (2600m), wo das Seil nicht mehr von Nöten ist, fast noch eine Stunde dahin.

Wir feierten die Verlobung und genossen die intensive Nachmittags- und Abendsonne auf der Terrasse, legten uns aber früh hin, denn der morgige Tag würde uns erneut prächtiges Wetter bereiten.

 

Piz Buin Grond

[06.09.2013] Wir waren die ersten, die die Wiesbadenerhütte DAV 2443m ü.M. verliessen an diesem kühlen Morgen. Bereits das steile erste Gletscherstück hinter uns gebracht, durften wir Zeugen eines wunderschönen Sonnenaufgangs werden. Wir schritten weiter entlang der viel gegangen Aufstiegsspur Richtung Höhenangabe 3000. Allerdings drehten wir ab Höhe 2940 Richtung Fuorcla Buin (ostwärts) und gelangten da etwas nach 08:30 Uhr an. Der Piz Buin Grond 3312m ü.M. ist ein mächtiger Felsaufbau, der nördlich ins Wiesbadener Grätle, einen schuttigen Steingrat abfällt. Im Süden besitzt er eine fast 1000m hohe, sehr brüchige und vom Steinschlag gefährdete Südwand. Piz Buin ist ein rätoromanischer Name dessen Übersetzung Ochsenspitze ergibt. Im Westen des Piz Buin Grond (Grosser Piz Buin) steht der Piz Buin Pitschen (der kleine Piz Buin).

Die Erstbesteiger des Piz Buin Gond waren Joseph Anton Specht und Johan Anton Weilenmann mit den Bergführern Jakob Pfitscher und Franz Pöll.

Ab der Fuorcla Buin stiegen wir als zweite Seilschaft (unangeseilt, aber das Seil dabei) weiter, zuerst nordostwärts auf Wegspuren. Bei einer kleinen Schulter hielten wir inne und gingen vorsichtig, weil es entlang des WNW-Grats etwas ausgesetzt ist. Ostwärts führen die Felsen nun bis eine ziemlich exponierte Traverse folgt. Um so vorsichtiger mussten wir da durchgehen, als auch noch Schnee- und Eisreste den Stein teilweise zudeckten und die ohnehin schon exponierte Traverse durch unsicherere Tritte etwas verschärfte. Einzelne Borhacken sind gut in der Wand im Grat verwurzelt, was wir vermehrt ausnutzten, indem wir Bandschlingen zum halten oder gar zum einklinken einhängten. Die Traverse ist nicht lange und so gelangten wir in den Kamin (~20-25m Kletterstellen II, ausgesetzt). Wir durchstiegen den Kamin und machten uns einmal mehr Bandschlingen zu Nutze. Oben sind zwei Borhacken und einen Metallring zum Abseilen eingerichtet. Dieses Vorgehen klappte sehr gut und wir gelangten auf das verhältnismässig wieder flache und mit Wegspuren versehene Schlussstück, dass uns zum Gipfel führte. Der Gipfel liegt wunderbar und eine schöne Fernsicht ist einem garantiert, wenn doch nur dieser Nebel nicht wäre.. Leider blieb der Nebel bestehen, nur ab und zu öffnete sich ein Fenster auf den Ochsentalergletscher und das Silvrettahorn. Die Schweizer Seite blieb hinter dem weissen Vorhang versteckt.

Aus dem „Hochtourenführer Silvretta; Unterengadin/Münstertal; Davos bis Müstair; Alpine Touren; Bündner Alpen; Peter Gujan / Gian Andrea Hartmann; 2010; Verlag SAC“ ist im Generellen zu entnehmen:

  • Fuorcla Buin 3054m (tiefer Firneinschnitt zwischen Piz Buin Grond und Buin Pitschen):von der Wiesbadenerhütte (1Std). Heute rechnet man mit 3-4Stunden, da sich wohl die Zustiegssituation von „übers“ Wiesbadener Grätle verschoben hat auf die oben beschriebene Route.
  • Direkter Zustieg von der Silvrettahütte über die Fuorcla dal Cunfin 3042m (sicher der einfachste Übergang zwischen Silvrettagletscher und Ochsentalergletscher) L, 2.5-3h zur Fuorcla Buin.
  • Fuorcla Vermunt 2798m vom Val Tuoi (GR) auf den Vermuntgletscher: T5, unbedingt östlich bleiben nicht entlang der Südwand des Piz Buin Grond gehen (STEINSCHLAG). Route fand ich persönlich zwar kein T5, allerdings ist auch auf der Ostseite mit Steinschlag zu rechnen. Helm tragen von Vorteil.

Wir stiegen nach ca. einer halbe Stunde Gipfelrast der selben Route entlang wieder ab. Warteten beim Kamin, bis sich die zwei vorangehenden Seilschaften abgeseilt hatten. Danach seilte ich die drei Mitänger ab und Sarah lies mich dann kurzerhand runter. Danach kommt nochmals eine kleine Kletterpassage, die wir gut meisterten. Im unteren Bereich bedienten wir uns dann wieder den Wegspuren und gelangten auf der exakt selben Route wieder bis zu Wiesbadenerhütte an. Dort genossen wir wieder die wunderbare Stimmung, eine Flasche Rotwein und liessen es uns gut gehen.

 

Ochsenscharte – Furocla Vermunt – Val Tuoi

[07.09.2013] Wie bereits angetönt, liessen wir die Dreiländerspitze auf Kosten der Gemütlichkeit links liegen. Wir stiegen erst spät, die Sonne bereits im Gesicht auf die Ochsenscharte 2970m ü.M., ein schöner Aussichtspunkt auf der Grenze zwischen Tirol und Vorarlberg, wo man nebenbei einen schönen Ausblick auf den Jamtalferner und die weit unten (1.45h) liegende Jamtalhütte hat. Wir genossen eine gute Stunde in der Sonne auf dem Schutthaufen und steigen danach über den Vermuntgletscher zur Fuorcla Vermunt ab. Angekommen donnerte es und wir wurden Zeugen eines fast minütigen Steinschlags, dessen Felsen wuchtig die Piz Buin Ostwand runter donnerten – imposant und mahnend zugleich.

Auf der Fuorcla Vermunt steht eine Schutzhütte, deren inneres aber gar nicht einladend ist. Wir stiegen über den linken (östlichen) Lückenrand ab und blieben auch östlich. Wie oben zu sehen, wird dieser Abstieg als T5 bewertet, was mir etwas hoch bewertet erscheint. T4 würde es auch tun. Es ist allerdings mehrheitlich weglos, endlos brüchig und auf Steinschlag muss man jeder Zeit gefasst sein (Helm!). Wir gelangten an den Gletschersee, stiegen nun zunehmend in Wiesen ab und gelangten zur schönen Chamonna Tuoi CAS. Die Hütte war voll, die Leute nicht nachsichtig mit jenen die die Bergsteigerei ernst nahmen. Allerdings störte uns dies nicht, weil wir ja nur noch den Abstieg nach Guarda (2h) vor uns hatten.

 

Am Morgen des 08.09.2013 stiegen wir ab, der Wanderweg fügt sich entlang des östlichen Talrandes, ist nicht spektakulär aber in einem schönen, von Landwirtschaft und Jägertum geprägten Umfeld. Guarda hingegen ist jeden Besuch wert, ein wunderbares, ursprüngliches Bündnerdorf mit einer – von mir jedenfalls – noch nie gesehenen – wundervollen Architektur.

Schön war’s – genossen haben wir’s – die Geschichte schreit danach, auch in der Zukunft geschrieben zu werden.. on verra!

Bergheil – wie man auf der österreichischer Seite auf dem Gipfel beim Händedruck sagt!

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