eine verzaubernde letzte Etappe zurück nach Kambodscha

Gepostet am Apr 24, 2014 in Alle Berichte, Asien, en vélo, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Kambodscha, Thailand | Keine Kommentare

eine verzaubernde letzte Etappe zurück nach Kambodscha

rund um den Tonle Sap

Etape cinq en vélo

Cycling is the nearest approximation I know to the flight of birds!“ (Louis J. Helle, jun.)

[9. – 16. April 2014, 464km…]

 

 

 

von der Metropole Bangkok ins ländliche Sisophon in Kambodscha

[9. April 2014, 70km, 4h Fahrzeit]

Unsere Reisegemüter waren zu erschöpft, als ob wir uns nochmals in ein unbekanntes Land zum Erkunden gewagt hätten. Ohnehin verspürten wir den Drang, wieder in das verzaubernde Kambodscha zurück zu kehren. Siem Reap war in Südostasien unsere Basis, unsere Rucksäcke warteten hier seit ein paar Wochen geduldig auf uns (wie sich später zeigte, hatte jedoch leider Räphu’s Uhr nicht auf uns gewartet..). In Ricco’s Residence in Bangkok, etwa 24 km östlich des Stadtzentrums etwas ab vom Schuss, hatten wir die Bikes im Hinterhof 3 Wochen parkiert gehabt. Für unsere Weiterreise war die Lage optimal – in wenigen Minuten erreichten wir frühmorgens den Provinzbahnhof Ban Thab Chang. Unser Abgang aus Bangkok war nochmals speziell, denn um die sechs Spuren des Highways und das Skytrain zu umgehen, hatten wir am Tag zuvor einen direkten Unterground-Pfad ausgetüftelt, gerade breit genug, dass sich zwei Velo- oder Motorradfahrer kreuzen konnten. Der Untergrundweg führte vorbei an bescheidenen Behausungen dicht aneinander entlang eines Wassergrabens gebaut. Nochmals ein anderer Blick auf die Megacity Bangkok.

Am Bahnhof Ban Thab Chang wartend, kam der Zug mit seinen 4 Bahnwagen und 20-minütiger Verspätung herangebraust, nein eher herangetuckert. Schnell waren die schweren Bikes samt Gepäck in den Cargo-Wagen gehievt, wir hinaufgeklettert und schon waren wir unterwegs zur thai-kambodschanischen Grenzstadt Aranyaprathet. Der Gepäckwagen war auf beiden Seiten offen, nur eine dünne Schnur hinderte einem vom hinausstürzen. Beim Reisen den Wind im Gesicht zu spüren – das lieben wir, spürt man doch das Freiheitsgefühl in solchen Momenten noch intensiver. Doch ganz ohne den einen oder anderen Schweisstropfen ging auch dieses Zugsabenteuer in der 3.Klasse nicht vorüber. Anfangs fanden wir Platz auf den vorletzten Stehplätzen zwischen anderen lokalen Reisenden und ihrem Gepäck kurz vor dem thailändischen Neujahr. Irgendwann ergatterten wir zwei Sitzplätze, die wir beim nächsten Halt jedoch wieder zwei alten, von Sonne und Arbeit gezeichneten Frauen überliessen. Zwei Stunden später, wir hatten uns zwischenzeitlich wieder einen Sitzplatz verschafft, kam plötzlich der Kondukteur herein gebraust und die beiden ersten Abteile wurden kurzerhand geräumt – widerwillig standen wir auf und auch die beiden Urgrossmütter wurden von der Bank gehievt. Dann kamen sechs Mönche in ihren safrangelben und orangenen Gewändern und setzten sich in die beiden Abteile. Buddhismus hin oder her, aber diese Prioritätensetzung in der Sitzordnung stiess bei uns doch eher auf Unverständnis. Selbst die beiden Urgrossmütter hatten nicht das Recht, sich auf die noch freien Plätze neben den Mönchen zu setzen. Wir tuckerten weiter, hielten ca. 4-6 Mal pro Stunde. Nach einiger Zeit durfte sich Räphu neben einen der älteren Mönche setzen…doch nicht umsonst. Als er sich irgendwann ein Bonbon in den Mund steckte, hielt der Mönch ohne die Miene zu verziehen die Hand hin – und er musste ihm eines abdrücken. Kurz gesagt, die Fahrt war unterhaltsam, bewegt, kurzzeitig nervig, heiss, eng, amüsant und mit einer einkalkulierten Stunde Verspätung kamen wir an der Endhaltestelle Aranyaprathet an. Nach einer kurzen Stärkung mit Gemüse und Reis sowie einer Flasche Wasser (total 90 Baht = 2.40 Chf) nahmen wir die 7km bis zur Grenze unter die Räder. Die Ausreise ging in einem chaotischen Umfeld relativ zügig, dauerte dennoch mindestens eine Stunde, da wir gestaffelt das Procedere durchliefen. Als Räphu in der Warteschlange stand, kamen drei Argentinier en vélo – somit passte ich dann schon auf fünf Velo samt Gepäck auf.

Im unübersichtlichen Einreise-Parcours auf kambodschanischer Seite waren wir ewig lange (mit den Argentiniern im Gespräch vertieft, war uns dies nicht aufgefallen) am falschen Ort angestanden. Schlussendlich erhielten wir jedoch schnell unser viertes kambodschanisches Visum für 20 Dollar und 100 Baht „Trinkgeld für die Kaffeekasse“ oder so.., hinterliessen ein weiteres Mal unsere Fingerabdrücke, verabschiedeten uns von den argentinischen Cyclern und fuhren zielstrebig davon. Denn es war bereits halb vier nachmittags und wir mussten vor Einbruch der Dunkelheit noch 50km bis nach Sisophon fahren. Auch wenn die sehr befahrene aber sich in guter Verfassung befindende Strasse nicht gerade berauschend war, genossen wir es wieder, auf zwei Rädern selbstbestimmt unterwegs sein zu können. Sisophon erreichten wir noch im Tageslicht und hielten hungrig bei einer Bäckerei. Zwei Blätterteiggebäcke mit Schokolade, vier Baguettes und ein halbes Kilo Erdnuss-Sesam-Caramelstängel als Proviant für die nächsten Tage war unser Kauf – wir bezahlten 11 000 Riel (2.30 Chf). Im Nasa-Hotel fanden wir einen wunderbaren Ort zum Ausruhen. Gerade nebenan gab’s ein lokales Restaurant, wo wir uns für den nächsten Tag stärkten. Früh ging’s zu Bett – unseren Rhythmus musste wieder am Velofahren angepasst werden.

 

in den Reiskorb Kambodscha’s pedalend

von Sisophon nach Battambang

[10. April 2014, 75km, 4h Fahrzeit, 6.45-10.45]

Der Sicherheitsbeauftragte des Hotels, welcher nachts auf unsere Bikes aufgepasst hatte, half uns beim Satteln der Vélos und winkte herzlich, als wir wegfuhren. Es schien, als ob wir die letzten waren, die im Städtchen auferstanden waren. Die Läden waren allesamt bereits geöffnet und überall war man tüchtig bei der Arbeit. Statt nordöstlich zurück nach Siem Reap zu fahren, bogen wir gegen Süden nach Battambang ab.

Die Provinz Battambang gilt wirtschaftlich gesehen als Reiskorb von Kambodscha. Denn wenn sich der Tonle Sap, der grösste südostasiatische Süsswassersee mitten in Kambodscha im Juni langsam zu füllen beginnt, wenn sich der Mekong in den Tonle Sap River und Lake drängt, wird unter anderem das Gebiet rund um Battambang immens überflutet. Aufgrund der dadurch entstehenden fruchtbaren Böden erzielen die Bauern hier teilweise zwei Reisernten pro Jahr. Das Einkommen in der Provinz Battambang liegt deshalb höher als in anderen Regionen Kambodschas. Neben dem Reisanbau spielt der Obst- und Gemüseanbau für die Bauern eine große Rolle. Die überfluteten Wälder rund um den Tonle Sap sind zudem ideale Laichplätze und somit Kinderstube und Lebensraum für seltene Vögel, Schlangen, Fisch und Schildkröten. 1997 erhielt dieses einzigartige Ökosystem deshalb den Stempel UNESCO-Biosphärenreservat. Mit einer 7-fachen Vergrösserung des See’s in der Regenzeit (von 2700 km² auf 16 000km²) und einer durchschnittlichen Tiefe von einem Meter in der Trocken- und 9 Meter in der Regenzeit wird einem bewusst, dass Kambodscha wirklich flach ist wie ein Pfannkuchen und deshalb sich dieser Rückstau des Mekongs in den Tonle Sap dermassen beeindruckend auswirken kann (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3a/TonleSapMap.png).

Mit grossem Respekt hatten wir eine weitere Velo-Etappe in Kambodscha in Angriff genommen, diese sollte uns vorerst in zwei lockeren Tagesetappen nach Battambang führen, weiter würden wir dann vor zu entscheiden. Denn unser Wetter-App und weather.com prophezeiten für die nächsten Tage um 34° C und bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit gefühlte 44°C, zudem konnten jeden Tag Gewitter auftreten. An diesem Tag sollten wir dann auch erstmal erfahren, wie es ist, mit überhitzten Körpern und dehydriert an unserem Tagesziel Battambang anzukommen. Wir mussten einen üblen Eindruck gemacht haben, denn der Besitzer des Guesthouse offerierte uns als erstes zwei eiskalte Flaschen Wasser, bevor wir überhaupt für ein Zimmer gefragt hatten. Einsicht: falls wir von hier aus weiterfahren wollten, mussten wir unbedingt 1-2h früher starten!

Unterwegs amüsierten wir uns meist über das geschäftige, kreative und andersartige Leben an der Strasse. Erstmals mussten wir uns vor dem aufkommenden Verkehr in Acht nehmen – nicht selten wurden wir von der Strasse abgedrängt, wenn Autos, Busse und Lastwagen, die sich gerade ein Überholmanöver lieferten, auf uns zu rasten. Eigentlich waren wir auch schockiert darüber, wie das Prinzip „der Stärkere gewinnt!“ durchgesetzt wird, währenddem in Dörfer und Städten mit adäquater Geschwindigkeit doch sehr aufeinander Rücksicht genommen wird. All diese verletzlichen Familien zu viert und fünft auf ihren Motorrädern unterwegs, sind diesem willkürlichen und unkontrollierten Verkehr ausgeliefert und müssen höllisch aufpassen – wie wir natürlich auch.

asphaltiert, aber nicht mehr ganz der intakteste Belag

Nicht immer waren wir in einem solchen Verkehrsstrom unterwegs. Unterwegs begutachteten wir an den Verkaufsständen die kulinarischen Angebote, die jedoch eher für die lokale Bevölkerung gedacht waren. Da wurden geröstete Bambusstängel verkauft und wir wunderten uns, was daran zu essen und erst recht zu verdauen war. Erst später kamen wir dem Rätsel auf die Spur. Für das bevorstehende kambodschanische Neujahr wurde bereits das traditionelle „Gebäck“ zubereitet und verkauft – Klebreis mit Bohnen, Kokosnuss und deren Milch, in diesen Bambusstangen über dem Feuer gegart. Gerne hätten wir im Nachhinein versucht. Eine andere Spezialität sind gegrillte Ratten – doch der eigenartige Geruch, der sich zusammen mit dem Rauch des Feuers verbreitete, hielt selbst Räphu vom Degustieren ab.

 

Battambang

[11. – 13. April 2014]

Nachdem sich die „milde“ Nachmittagssonne über Battambang gelegt hatte, wagten wir uns noch auf eine kurze Tour. Battambang ist zumindest für uns bekannt als Endbahnhof der kambodschanischen Eisenbahn im Norden und des legendären Bamboo-Trains. Gleich einige Paralellstrassen hinter der Riverfront fanden wir den ausgestorbenen Bahnhof – die Uhr scheint seit 2009, als der letzte Zug Battambang Richtung Phnom Penh verlassen hatte, stillzustehen – bei 8.02 Uhr. Die verrosteten Eisenbahnwagen und das halbwegs zerfallene Ersatzteillager und die Werkstätte auf dem Gelände erinnern an eine andere Zeit – in einer, welcher hier noch drei Mal die Woche ein Zug nach Phnom Penh, später noch einmal die Woche losfuhr.

Das kambodschanische Bahnnetz geht auf die französische Kolonialmacht zurück – später, während der Herrschaft der Khmer Rouge wurde viel Infrastruktur zerstört oder zumindest der Unterhalt vernachlässigt. Das noch bestehende Schienennetz konnte in der Folge nicht mehr genügend aufrecht erhalten werden. Aktuell sind durch die Unterstützung anderer Staaten Bauprojekte in Realisierung. Die nördliche Linie, neu von der Grenzstadt Poipet über Battambang nach Phnom Penh, soll in Zukunft eine Verbindung zwischen den Hauptstädten Bangkok und Phnom Penh bilden. Die südliche Linie von Phnom Penh würde bis nach Sihanoukville, am Meer gelegen, führen. Von einer Weiterführung des Bahnnetzes Phnom Penh und Ho Chi Minh City ist auch die Rede. Aktuell, also im April 2014 hatten wir zwischen Sisophon und Poipet eine neue Bahninfrastruktur gesehen, danach, also die verbleibenden 300km bis nach Phnom Penh keine Spuren mehr gesichtet, welche an das Bauprojekt erinnert hätte. Auf dem Bahnhofsgelände bekamen wir zu sehen, wie hier die Menschen direkt am Gleis Blechhütte an Blechhütte unter sehr einfachen Bedingungen leben. Die Kinder trugen grösstenteils keine Kleidung und eines der Kleinkinder hatte unsere Aufmerksamkeit aufgrund seines aufgeblasenen Bauches gewonnen. Diese Menschen gehören wohl nicht zu denen, die aus dem fruchtbaren Boden der Region Erfolg schlagen können.  Einmal mehr prägten sich Bilder von den „Slums von Battambang“ in unsere Köpfe ein – eine weitere Realität, mit derer wir konfrontiert werden und uns auseinandersetzen müssen.

Menschen leben hier in improvisierten Blechbehausungen

Bedauerlicherweise ist das in Battambang und dessen Umgebung indigene Bamboo-Train dem Untergang geweiht, denn die Bahnschienen aus der Ära der französischen Kolonialzeit bräuchten eine längst fällige Generalüberholung. Doch gerade noch ist das legendäre kambodschanische Fortbewegungs- und Transportvehikel in Betrieb, zumindest für Touristen.

Das Gestell des Bamboo Trains besteht aus einem Holzrahmen, mit dem ultraleichten Bambus zu einer Fläche verstrebt. Darunter liegen zwei unabhängige Achsen, einst aus alten Panzer umfunktioniert. Ein 6PS starker Benzinmotor treibt das Vehikel an. Diese Fortbewegungsart wurde hier dank des kambodschanischen Improvisionsgeschicks ins Leben gerufen und jahrzehntelang von der lokalen Bevölkerung für den Transport von schweren Lasten wie beispielsweise Gemüse und Früchte zum Markt oder einfach als ÖV in der Umgebung genutzt. Es existierte sogar einen ungefähren Fahrplan über die Verbindungen. Wenn auf voller Fahrt die grosse Eisenbahn entgegen kam, musste in Windeseile die Fracht abgeladen und das Bamboo-Train in seine Einzelteile zerlegt werden, damit das Kreuzungsmanöver nicht im Zusammenprall endete. Auch heute noch wird dies praktiziert, nur nicht wegen den entgegenkommenden grossen Eisenbahn, sondern wegen anderen Bamboo-Trains:

Bamboo-Train: zwei sauschwere mobile Achsen..

Auf dem Weg zum Bahnhof des „Bamboo-Trains“ versperrte uns ein Zelt den Weg, welches über den ganzen Feldweg aufgestellt war. Rechts befand sich eine Blechhüttenreihe, links war Wald. Leute der Hochzeitsgesellschaft winkten uns freundlich zu ihnen, nach kurzem Zögern stiessen wir unsere Bikes in das Zelt und durch die überaus schön gekleideten Menschen hindurch – einander begutachteten wir uns mit grossen Augen. Dahinter trafen wir dann sogleich auf das Gleis mit den Bambuswagen. Natürlich bezahlten wir für die ca. 20minütige Hin- und Rückfahrt. Wir setzten uns auf die weichen Kissen und schon ging’s los. Auf der schnurgeraden Bahnstrecke gewannen wir schnell an Geschwindigkeit – trotz der geraden Fahrt kam keine Langeweile auf. Die Übergänge der Gleise wiesen manchmal angsteinflössende Lücken auf, welche beim Darüberfahren einen ohrenbetäubenden Lärm verursachte – unser Gehör nahm auf diesem Ausflug wahrscheinlich einen weiteren Reiseschaden. Doch natürlich machte die Fahrt einen riesen Spass.

An der Station am anderen Ende tranken wir bei einer jungen Frau eine Kokossnuss. Sie sprach ungewöhnlich gutes Englisch und deshalb konnten wir mit ihr über das kambodschanische Leben reden und über unser Vorhaben berichten. Ihr sieben Monate alter Sohn war während der letzten Regenzeit zur Welt gekommen, an einem Regentag, an welchem es ganztags wie aus Kübeln geregnet hatte. Deshalb bekam er dann auch den Namen „Peron“ (លៀង), was auf Khmer Regen bedeutet. Uns gefiel diese Namensgebung. Leider entwickelte der kleine Junge kurz nach der Geburt schwere Atemprobleme – im örtlichen Spital in Battambang konnten sie ihm nicht helfen. Deshalb fuhren sie mit dem öffentlichen Bus in das ca. 180Km entfernte Siem Reap, in eines der Kantha Bopha Kinderspitäler von Beat Richner. Dort konnte der Junge behandelt und gerettet werden – er ist nun bei guter Gesundheit. Sie meinte, die Kantha Bopha Spitäler seien in der Umgebung jedem bekannt, doch werden diese wegen den zurückzulegenden Distanzen oft nur in Notfallsituationen aufgesucht. Sie sei sehr dankbar, dass Kinder dort eine gute Behandlung bekommen, ohne dafür bezahlen zu müssen.

In diesem Dorf, in the middle of nowhere, fragte ich nach einem WC. Siman, wie die junge Frau hiess, meinte, dass das WC bei ihrem Cousin zu Hause okay sei. Eines der anwesenden Kinder brachte mich zum Haus. Natürlich, wie immer in kambodschanischen Häuser, zog ich beim Eingang die Schuhe aus, trat ein und fand mich in einer finsteren, einfachen Blechhütte wieder. Zwei Jugendliche schauten in eine Flimmerkiste, währenddem ich zwischen einem Ventilator und einer Pritsche hindurch ging. Erst beim zweiten Blick erkannte ich, auf was der Ventilator gerichtet war. Auf der Pritsche lag ein uralter Mann, die weisse dünne Haut zeichnete jeden einzelnen Knochen seines Skeletts ab. Perplex von diesem Anblick verrichtete ich barfuss im wirklich sauberen WC-Häuschen mein Geschäft. Beim Hinausgehen klammerte sich mein Blick erneut beim alten Mann fest – natürlich werden die alten Menschen von ihren Familien bis zum Tod zu Hause gepflegt, wo und von wem sonst? Dennoch ein schockierendes reales Bild.

An einem der weiteren Tage in Battambang gönnten wir uns eine Ausfahrt mit dem Tuktuk. Wie sich später zeigte, hatten wir wahrscheinlich den lebensfrohsten, optimistischsten und herzlichsten Tuktukfahrer dazu ausgesuch. Er hatte eine grosse Vorfreude auf das Neujahrsfest, während dem er sein Tuktuk zu Hause parkieren wollte. Unser Ausflug führte uns zu einem Khmer-Tempel auf einem Hügel gelegen, dem Phnom Banan. Vom Phnom Sapeou eröffnete uns später ein wunderbarer Ausblick über das für uns Schweizer beinahe unvorstellbare flache Kambodscha. Wie fast immer liessen wir den Abend in unserem Café Eden ausklingen, eine Wohlfühloase im Zentrum von Battambang.

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Mönchsgesänge hauchen uns noch im Dunkeln wertvolle Kräfte ein

Battambang – Pursat

[14. April 2014, 110km, 5.5h Fahrzeit, 5.00 – 12.15, inklusive Gewitterzwangspause]

Noch im Dunkeln ging’s an diesem Tag los. Einmal mehr zeigte sich die Geschäftigkeit der Kambodschaner um eine Uhrzeit, in welcher wir normalerweise noch schlafen. Da wurde bereits Ware, in traubenartigen Haufen auf Karren gepackt, zum nächst gelegenen Markt transportiert. An diesem Frühmorgen wurden wir von mystisch anmutenden Mönchsgesängen begleitet, die uns zusammen mit den monotonen Tretbewegungen beinahe in Trance versetzten. Im Dunkeln, wenn diese Gesänge unsere ungeteilte Aufmerksamkeit erhielten, klang dies besonders schön und wir sogen die wohltuende Atmosphäre förmlich in uns ein.

Überrascht waren wir, dass die Kambodschaner auch an diesen überaus speziellen Tagen im Jahr ihren alltäglichen Arbeiten nachgingen. Eigentlich hatten wir erwartet, alleine auf der Strasse unterwegs zu sein. Denn die Festlichkeiten des kambodschanischen Neujahrs (in Khmer បុណ្យចូលឆ្នាំថ្មី) oder Chaul Chnam Thmey sollten heute beginnen, am ersten Neujahrstag, welcher gewöhnlich auf den 13. oder 14. April fällt – das Fest würde drei Tage andauern. Dies ist das Ende der Erntesaison, wenn die Bauern die Früchte ihrer Ernte geniessen, bevor die Regensaison beginnt. Die Kambodschaner zählen die Jahre nach dem buddhistischen Kalender – Happy new 2558!!

Unterwegs sahen wir, wie viele Kambodschaner in die nächstgelegenen Tempel pilgerten, um dort ihre Opfergaben zu machen. Ausserdem waren wohl viele, per Motorrad oder Maxi-Tuktuk (diese bieten Platz für ca. 20-30 Leuten, hatten wir noch nie zuvor gesehen) zu ihren Familien im Nachbardorf unterwegs. Zumindest erfuhren wir das von den kontaktfreudigen Kambodschanern, welche beim Vorbeifahren kurz auf einen Smalltalk angehalten beziehungsweise neben uns her fuhren. Die Kambodschaner feiern eher zurückgezogen in ihren Familien, was uns sympathisch war. Nicht vergessen hatten wir die dreitägige Dauerdusche in Burma – damals hatten wir, oder sie mit uns den Start ins 2552 gefeiert. Deshalb waren wir vorbereitet und an diesem Tag etwas wasserfester unterwegs als sonst. Doch wir blieben trocken – zumindest vom Strassenrand bekamen wir keine Wasserspritzer ab. Nicht so zu Beginn des buddhistischen Neujahrs 2552: damals wurden wir kompromisslos mit allen Wassern gewaschen! ; ) Kurz nachdem wir die dunklen Wolken über uns wahrgenommen hatten, bekamen wir auch schon die ersten grossen Regentropfen seit dem Start unserer kurzen Velofahrgeschichte ab. Es war kein Problem, ein Unterstand zu finden. Dieser füllte sich auch schnell mit vollbeladenen Motorbike-Familien, die sich ebenfalls ins Trockene retteten. Die „Zwangspause“ kam uns gelegen, nach einer beinahe schlaflosen Blutmond-Nacht waren wir doppelt müde.

Irgendwann kamen wir mehr oder weniger trocken in Krong Pursat an. Wir waren stolz, hatten wir die lange Etappe so gut hinter uns gebracht. Es hatte noch ein paar Mal leicht zu regnen begonnen, doch nass waren wir ohnehin unter diesen tropischen Velofahrbedingungen. In Pursat war das lokale Neujahrsfest in vollem Gange – wir wurden dazu eingeladen, bei den traditionellen Tanzaufführungen und Khmer-Spielen zuzuschauen. Doch irgendwann packte uns der Hunger und danach die Müdigkeit..

 

von Wasserbüffeln, einem Morgenspurt und schwimmenden Dörfer

Pursat – Kompong Chhnang

[15. April 2014, 99km, 6.25h unterwegs, 5.30 – 11.45, inklusive Gewitterpause]

Nachdem wir in der Morgendämmerung Pursat hinter uns gelassen hatten, fuhren wir durch sehr ländliche Umgebung. Wie immer zogen sich ab und zu kleine Dörfer an beiden Strassenseiten entlang, doch oft waren links und rechts nur trockene, brachliegende Felder zu sehen. Der Tonle Sap mit seiner bald ankommenden fruchtbaren Last konnte nicht mehr weit sein, wie uns die zunehmende Bewölkung der letzten Tage verriet. Auch Wasserbüffel, die wir hier wieder antrafen, grasten auf dem Trockenen. Wir amüsierten uns ab einem ausgewachsenen Wasserbüffel, welcher bei der ersten ankommenden Sonne um ungefähr 7.00 wohl das erste Mal heiss bekam. Er suchte sich eine wirklich kleine Pfütze des gestrigen Regens auf mit schätzungsweise 10 Zentimeter Tiefe und legte sich dort hin – für ein ausgiebiges Schlammbad reichte dies nicht, aber manchmal muss man eben mit dem zufrieden sein, was man hat. Aber lange muss er nicht mehr durchhalten, denn jetzt gibt’s fast täglich kurze Regengüsse und der grosse Regen und die gleichzeitige Überschwemmungen durch den Mekong bedingt kommt bald!

Nach knapp einer Stunde unserer Fahrt in wunderprächtiger Morgenstimmung sahen wir uns plötzlich dicht hintereinander in einem Morgenspurt unterwegs. Anlass: uns hatte gerade eine fliegende Bäckerei übervoll frischer Baguettes ebenfalls auf zwei Rädern, jedoch leider motorisiert überholt. Der Geruch liess uns zu dieser morgendlichen Meisterleistung, wenn man die tropischen Temperaturen bedenkt, aufblühen. Im Wissen, dass diese flying bakeries in den Dörfern meistens Halt machen, gaben wir unser Vorhaben nicht so schnell auf. Zwei Mal war uns eine solche Aktion nicht geglückt in den vergangenen Wochen enroute en vélo, doch wir versuchten es ein weiteres Mal. Der Motorfahrer verschwand bereits am Horizont der schnurgeraden Strasse – noch gaben wir nicht auf. Und tatsächlich, im nächsten Dorf sahen wir den Bäcker schon von weitem am Strassenrand stehen. Doch leider sahen wir dann auch, wie der Mann wieder auf sein Gefährt aufstieg und glücklicherweise kurze Zeit zögerte, wir wertvolle Sekunden zum Herankommen gewannen und dann im allerletzten Moment ihm den Weg zum Weiterfahren versperrten und ihn zum Warten bewegen emmh.. zwingen konnten. Wie immer, wenn man auch nach langsamem Fahren anhält, läuft einem ein Schweissbach den Kopf und den ganzen Körper runter – diesmal war’s einfach noch ein bisschen schlimmer. Der Handel war schnell abgeschlossen – 3000 Riel (60 Rappen) für sechs ofenfrische Baguettes. Dies bedeutete für uns einen geglückten Start in den Tag und wir freuten uns riesig über den Erfolg dieser Aufholjagd!

den fahrenden Bäcker eingeholt - 1. bestellen

Eigentlich konnten wir uns mit dem Wetter der letzten zwei Tage nicht beklagen – denn bereits frühmorgens war es heute bewölkt gewesen und die Sonne erreichte uns nur durch eine Wolkendecke. Ein kurzes Gewitter von ca. einer halben Stunde nutzten wir zum Abkühlen der trotzdem heissen Köpfe, Essen & Trinken, Verschnaufen und Entlasten der Beine beziehungsweise eher des Gessäses – dies ist trotz der neu erworbenen Softgelkissen auf unseren Sätteln weiterhin die Schwachstelle. Frau und Mann beklagen dabei unterschiedliche Beschwerden versteht sich. Daraus ergibt sich wohl auch, dass wir uns öfters über den Zustand der Strasse beklagen. Obwohl das Terrain eigentlich durchgehend geteert ist, machen einem die vielen Bodenwellen, Löcher und kleine aber stetig vorhandene Dellen doch zu schaffen. Nicht selten haben wir auch an diesem Tag den „kiesernen Notfallstreifen“ bevorzugt, der sich oft ganz ohne zusätzliche Erschütterungen, dafür mit etwas mehr Reibung befahren lässt.

Wir erreichten die Provinzstadt Kampong Chhnang kurz vor Mittag, ohne dass wir ob der hitzigen Temperaturen gelitten hätten. Leider war die angesteuerte Unterkunft bereits voll, doch fanden wir im Tonle Sap Hotel ein günstiges Zimmer ohne Fenster, jedoch mit einer Kaltwasserdusche, die wir sehr genossen!

Erstaunlich unspektakulär scheinen die Bewohner am Tonle Sap Fluss zu leben. Sie leben mit der Natur, also mit dem steigenden und sinkenden Wasserpegel des Tonle Sap, mit der Überflutung des Gebietes. Entweder können ihre Hausboote schwimmen und sind für ihre Bewohner ein mobiles Zuhause, oder die Häuser stehen auf meterhohen Stelzen. Je näher am See, desto höher. Menschen leben in Dörfer, in Blechhütten-Städten auf diese Weise am Rande des Tonle Sap Rivers oder des gleichnamigen Sees. Nicht das erste Mal bestaunen wir diese Lebensweise und dennoch werden wir einmal mehr tief beeindruckt. Im Dorf Kompong Chhnang am Tonle Sap River leben flussabwärts eine grosse vietnamesische Gesellschaft auf ihren mobilen Hausbooten, flussaufwärts das kambodschanische Muslimenviertel ebenfalls in einer schwimmenden, in etwas komfortableren Holz- oder improvisierteren Blechhütten – je nachdem. Der Blick vom erhöhten Flussufer ist in der Nachmittagssonne einfach spektakulär. Ein näherer Blick vermittelt uns, dass die Menschen hier recht modern leben. Sie besitzen Elektronikgeräte wie Fernseher, Radio, Mobiltelephone, die jüngere Generation ist modern gekleidet und mit einem Taxiservice sind die hier lebenden Menschen mit dem Leben am Ufer gut vernetzt und leben alles andere als isoliert. Trotz der sich verändernden Lebensweise haften sie an ihrem Lebensraum und Wohnort am und auf dem Fluss oder See, dort wo sie geboren wurden, aufgewachsen sind und bereits einen Teil ihres Erwachsenenlebens verbracht haben, fest. Denn dies ist ihre äussert wertvolle Lebensgrundlage – Fisch und das fruchtbare Land. Und diese wollen sie nicht verlassen.

Eine Vietnamesin rudert uns am späteren Nachmittag in der uns bekannten vietnamesischen Rudertechnik flussaufwärts. Ein naher Blick auf die „floating villages“ offenbart uns das daily life. Wäsche wird gewaschen und auf der Veranda aufgehängt, Kinder werden gebadet, Gemüse wird geschnitten, unter dem Dach wird gekocht, gegessen, in der Hängematte einen Rast gehalten, erzählt, berichtet, gelacht, gespielt, gelebt… Irgendwie scheint hier die Welt noch in Ordnung zu sein. Auch wenn die Perspektive der Menschen hier eine andere ist, eine Gesundheitsversorgung in unserem Sinne wohl fehlt, sie in absehbarer Zeit nicht einen „Lebensstandard“ in unserem Verständnis erreichen werden –  warum sollten sie nach mehr streben, wenn das Leben so ganz lebenswert ist?

Uns graut es bei dem Gedanken, was mit dem Mekong flussaufwärts in Tibet, China und Laos durch die zahlreichen Pläne von Staudämmen und Kraftwerken sowie durch die Wasserverschmutzung durch Chemikalien aus Fabriken geschieht und noch geschehen wird. Die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen wird sich verändern. Wir hoffen, dass sich die aussergewöhnlich anpassungsfähigen Kambodschanern mit den neuen geopolitischen Veränderungen und Umweltbedingungen irgendwie zurecht finden werden.

 

gegen den Wind zurück in die Hauptstadt

Kampong Chhnang – Phnom Penh

[16. April 2014, 97km, 6.5h, 5.30 – 12.00]

Die letzten fast hundert Kilometer in die Landeszentrale, nach Phnom Penh, sollten uns nochmals herausfordern, würde doch der an sich schon eher unberechenbare Verkehr sich je näher man der Stadt kommt, exponentiell verdichten. Diese Befürchtung und eben auch die Tatsache, dass wir nun in zwei vorangegangenen Tagen geprägt von starker Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und aber auch viel Staub und schlechten Strassen bereits über 200 Kilometer weit gefahren waren. Geliebäugelt hatten wir deshalb am Tag zuvor schon mit einem Ruhetag hier in Kampong Chhnang. Weiss Gott ist es ein wunderbarer Ort, eines der vielseitigsten aber auch realsten aller Kambodschas, die es heute noch zu erkunden gibt. Kampong Chhnang ist die Provinzhauptstadt der gleichnamigen Provinz und zelebriert ihr Dasein eben genau mit dem was Kambodscha ausmacht: staubige, unvollendete Strassen, das überaus quirlige Leben auf der Strasse, dass sich in seiner Gesamtheit nicht gross von einem riesigen, geschäftigen, stickigen und vielfältigen Openair Markt unterscheidet und den unendlich vielen Menschen, die sich den ganzen Tag durch enge Passagen zwischen Marktständen und Strassen hin- und her winden.

Dies ist aber in Kampong Chhnang noch lange nicht alles. Der die Stadt an ihrem Ostufer passierende Fluss, der Tonle Sap River beherbergt zwei weitere an Kampong Chhang angegliederte Städte, die sich allerdings dynamisch, je nach Saison, auf dem Wasser des Tonle Sap River südlich und nördlich ausdehnen. Es sind riesige schwimmende Dörfer mit zig hunderten von Einwohner, die auf einfachen Hausbooten, Boot an Boot leben, handeln und arbeiten. Das südlich ausgerichtete Dorf ist bewohnt durch Vietnamesen, die über die Wege des Mekongs von vietnamesisch besetztem Gebiet, dem Mekongdelta hier her siedelten. Das nördlich schwimmende Dorf ist ein kambodschanisches Dorf und zugleich stellt es eine eher rare Besonderheit dar: es besteht zu einem grossen Teil aus Muslimen (was man zw. Kampong Chhnang und Phnom Penh etwa findet, sonst aber weniger in Kambodscha). Das reale und friedliche Zusammenleben zwischen zwei in der Vergangenheit nicht gerade in Rosinen gebeteten Völker, neben dem kulturell-religiösen Nebeneinander aus Buddhisten, Moslems und Christen ist eben auch Kambodscha, scheinbar ohne Vorurteile gegenüber Rasse, Religion und Klischees. Wünschen wir, es wäre überall auf der Welt so!

So ist Kampong Chhnang so etwas wie ein Kambodscha á la Miniature, dass alles bietet, was es für uns so fremd aber vor allem faszinierend macht, das reale, zum Glück noch nicht von der modernen, kapitalistischen Welt eingeholte Kambodscha, wie wir es unendlich schätzen. Dem allem entgegen und weil wir gleich nach unserer essentiellen Verpflegung am Nachmittag Gelegenheit erhielten, mit dem Ruderboot den Ausflug in die Dörfer auf dem Tonle Sap River zu unternehmen, entschieden wir uns für die Weiterfahrt am Folgetag.

Am Morgen, der Mond stand in seiner rötlichen Pracht immer noch am Himmel, von unserem Tonle Sap Hotel abfahrend, winkte die liebevolle junge Dame und der Nachtwärter uns noch herzlich zu, bevor wir Richtung Südosten uns auf den Weg machten. Das Kambodschanische Leben beginnt auch hier früh am morgen. Viele gehen ihren täglichen Tätigkeiten nach, sind am ihre Einfahrten Wischen (man wohnt ja an der Strasse), transportieren bereits irgendjemanden oder etwas hin- und her.

Die Strasse waren keinesfalls besser als am Vortag, die ewigen Schlaglöcher wechselten sich ab mit unendlich vielen Flickwerken. Die Strasse ist definitiv in die Jahre gekommen und zwar durchwegs seit Pursat. Sie zieht sich in den frühen Morgenstunden eher südwärts, was für uns bedeutete, dass wir wieder dem Gegenwind ausgesetzt waren. Nach gut 2/3 der Strecke dreht sie aber glücklicherweise ab und in Udong, was die Kambodschanische Hauptstadt zwischen 1618 und 1866 war, fuhren wir für gut 4 Kilometer gegen Norden. Das erste Mal seit Battambang hatten wir den Wind im Rücken und es machte richtig Spass, ohne den ständigen Kampf gegen den Wind.

Die sich dann wieder gegen Südosten drehende Nationalstrasse 5 ist je näher man nach Phnom Penh kommt, ein riesiges Flickwerk, beidseitig zugebaut mit Shops, Häusern und Fabriken. Die Kambodschaner, wie auch die Vietnamesen und die Laoten wohnen eben an den Strassen. Denn nur hier können sie ihre Ware direkt an den Mann bringen. Eine lustige Anekdote fällt uns hier gerade ein: Die Front südostasiatischer Häuser ist oft unverhältnismässig schmal, nur wenige Meter lang, auch wenn das Gebäude 4, 5 oder mehr Stockwerke aufweist. Die Gebäudetiefe ist dem entgegen oft extrem lang (d.h. die Grundrisslänge). Dies hängt eben genau mit der Kultur zusammen, direkt an der Strasse zu wohnen. Die Höhe des Preises bezieht sich in Südostasien oft nicht auf die Flächen-Quadratmeter sondern auf die Länge an der Strassenfront, was aus kulturell-ökonomischer Sicht ein richtiger Architekturstil entstehen liess.

Bei der Abzweigung in drei Himmelsrichtungen (Battambang, Siem Reap und Phnom Penh), nachdem sich die Strasse wieder gegen Südosten, also Richtung Phnom Penh dreht, sehen wir was wir in vielen Nadelöhrs Südostasiens zu sehen bekamen: eine ewige Baustelle. Auch hier mischen die eifrigen chinesischen Ingenieure mit, bauen eine zweite Spur auf beiden Seiten. Die teilweise direkt an die Strasse gebauten Stelzenhäuser müssen dem Wirken natürlich weichen, mutmasslicherweise ohne eine Alternative oder eine Entschädigung zu kriegen. Aber man vergibt ja schnell. Weil die Strasse wegen den grossdimensionierten Überschwemmungen des Tonle Sap in der Regenzeit auf eine erhöhte Trasse gebaut ist, sind die betroffenen Lebensorte oft auf hohen Stelzen stehende Häuser, die eine kleine Brücke zur Strasse als Verbindung zum Verkehr haben.

Wir hielten aus hitzetechnischen Gründen an einem der vielen Blechhüttchen, deren Familien an der Strassenfront immer eine orange Box mit Eiswürfeln und einigen Getränken darin zum Verkauf anbieten. Wie so oft, erwies sich dies wieder als einprägsames Erlebnis. Die Kambodschaner sind anfänglich zurückhaltend, doch binnen Minuten überaus gastfreundlich. Wir kauften Wasser und Cola, setzten uns überhitzt vor ihrem Häuschen auf den Boden unter dem für uns notwendigen Schatten eines Baumes. Nur kurze Zeit danach wurden uns die kambodschanischen Plastikstühlchen hingestellt. Und wieder ein paar Minuten später schien es uns, als wäre das Eis wirklich gebrochen. Sarah hielt das jüngste Familienmitglied in den Armen, ich durfte den drei Jungs mit Händen und Füssen erklären, wo wir bisher durchgeradelt waren. Auch wenn die Verständigung nicht einfach war, schienen wir einander im Groben zu verstehen. Ein weiteres wunderbares und herzliches Erlebnis.

Geografiestunde mit Raphael - khmer/english

Geografiestunde mit Raphael – khmer/english

Eine Stunde später sind wir im sehr mondän gewordenen Phnom Penh angekommen. Es gibt kaum mehr vergleichbares zu unserem ersten Besuch vor 8 Jahren, die alte Lady hat sich rausgeputzt und ist modern geworden. Wo früher unheimlich viele Bettler am Boden lagen, meist Minenopfer mit fehlenden Gliedmassen, und die überschaubare Menge an Touristen anflehten, um auch nur die angetrunkenen Flasche Wasser zu bekommen, ist heute eine Flanierpromenade mit Blumen und Verkaufsständen am Tonle Sap River entstanden. Die Anzahl Hotels und Restaurants hat sich im Gleichschritt mit den Preisen mindestens verdoppelt. Hochhäuser werden aus  dem Boden gestampft und der Verkehr hat, auch wenn vergleichsweise noch überschaubar um ein x-Faches zugenommen.

Phnom Penh mit seinen zwei wunderbaren lokalen Märkten, dem Zentralmarkt und dem Psar Tuol Tom Poung (Russenmarkt) von 2007 sind richtig moderne Märkte geworden, zumindest immer noch in den unüberschaubaren Markthallen. Wir mögen uns noch gut erinnern als wir im Zentralmarkt die Fleischhaufen, die in der Hitze die ganze Markthalle mit ihrem Gestank versahen betrachteten ohne solche Bilder bis dahin je gesehen zu haben. Im Russenmarkt in der „Krabelabteilung“ staunten wir dann auch nicht schlecht, wo zigtausende an grillierten Käfern in allen erdenklichen Grössen und Formen in Plastiksäckchen angeboten wurden. Heute sind die Märkte zwar immer noch für die Lokalen, aber eben viel moderner und rausgeputzter geworden.

Alles hat aber auch sein Positives. Wir liessen es uns drei Tage gut gehen, assen wieder einmal europäische Gerichte und nächtigten im 5. Stock eines mittelgrossen Hochhauses und gönnten uns am Abend einen Mojito im 8. Stock.

Um den angesprochenen Kreis um den Tonle Sap zu schliessen, bedurfte es weiterer 321Km von Phnom Penh nach Siem Reap entlang einer mehrheitlich staubigen Strasse mit sehr viel Verkehr und – es  muss an dieser Stelle gesagt werden – sich wiederholt überschätzender kambodschanischer Verkehrsteilnehmer. Deswegen und auch weil uns die Hitze fast erdrückte, entschieden wir uns für den Bus. Der Nachmittagsbus von Mekong Express brachte uns und unsere Fahrräder einmal mehr unversehrt und angenehm an unser Ziel, nach Siem Reap, wo sich der Kreis unserer Radtour hier in Südostasien schloss.

Enroute en vélo war für uns ein unglaublich berauschendes Erlebnis. Auf den fast 2000 Kilometern hat uns der Weg gezeigt, dass er wirklich das Ziel. Wir sind selten so bereichert von einer Reise zurückgekehrt wie am heutigen Tag!

 

 

Aranyaprathet – Phnom Penh

5. etappe en vélo

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unsere Route en vélo durch

Kambodscha und Laos

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