El Minero del Diablo

Gepostet am Apr 28, 2013 in Alle Berichte, Bolivien, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Südamerika | 1 Kommentar

El Minero del Diablo

Potosi und Cerro Rico

Bolivien

Nach einer vergnüglichen, bolivianischen Eisenbahnfahrt gestartet in Tupiza sahen wir uns in einer Eiseskälte in Uyuni, wo wir mitten in der Nacht ein Hostal gesucht und gefunden hatten. Am nächsten Morgen schnappten wir den ersten Bus nach Potosi – zurück in einst eine der reichsten Städte der Welt! Vor vier Jahren war diese Nachtfahrt eine der Abenteuerlichsten. Wo die Strecke einst über eine schmale, kurvige, ausgesetzte Schotterpiste nach Potosi geführt hatte, wurde in Zwischenzeit auf der gegenüberliegenden Talseite eine Asphaltstrasse gebaut, welche uns eine deutlich sicherere Fahrt bescherte. Die einzige Gefahr war, dass der Fahrer ständig die Llamas von der Strasse weghupen oder ausweichen musste – gerne rannten sie in letzter Sekunde noch vor dem Bus über die Strasse, so dass er doch einige Male Reaktion beweisen und runterbremsen musste.

 

Potosi

Potosi, auf durchschnittlich 4000m gelegen, ist bekannt als die höchste Stadt der Welt. Der Ausblick über die Stadt, Cerro Rico stets darüber wachend, ist faszinierend und zugleich auch tragisch. Denn die Stadt entstand aufgrund der Silbermiene Cerro Rico – reicher Berg – die reichste Silberquelle, welche die Welt je gesehen hat! Im 17. Jahrhundert wuchs die Bevölkerung auf 160 000 an, grösser als London oder Madrid zu dieser Zeit. Für die indigenen Arbeiter und die importierten afrikanischen Sklaven war die Extraktion der Edelmedale katastrophal. Schätzungen gehen davon aus, dass binnen drei Jahrhunderten unter der kolonialen Macht über die Minen im Cerro Rico 9 Millionen Menschen gestorben waren. Dies führte zu einem demografischen Kollaps – als die Unabhängigkeit 1825 gewonnen war, war Potosi’s Bevölkerung auf 9000 Bewohner zurückgegangen!

 

Potosi, heute UNESCO Weltkulturerbe, ist bekannt für die koloniale Kunst und Architektur – es gibt mehr als zweitausend Kolonialgebäude zu bewundern, kleine Balkone mit filigranen Holzschnitzereien, bunte Hauswänden und mehr als 25 Kirchen. Neben dem herzpochenden Schlendern durch Potosi’s Strassen hat uns die tragische Geschichte der höchst gelegenen Stadt der Welt einmal mehr gepackt und erschüttert – mehr dazu unten im Bericht „El minero del diablo“.

 

Casa Real de la Moneda

Das königliche Haus der Münzprägung der spanischen Macht gilt als das beste Museum in Bolivien. Die Architektur, die Maschinerie zum Pressen der Silber-Sheets aus den Barren und zur Münzprägung sind immer noch gut erhalten und als Originale zu bestaunen. Neben Mexico City und Lima war Potosi eine der nur drei spanischen Kolonialstätten, welche autorisiert waren, Silbermünzen zu produzieren.

Die Kolonialmacht Spanien hat in der Silberstadt Potosi ihre Währung, die spanischen Pesos prägen lassen und von da in schweren Schatzkisten nach Europa und Asien verschiffen lassen. Damals waren die spanischen Pesos die Weltwährung. Neben anderen erstaunlichen geschichtlichen Hintergründen und Ursprüngen haben wir ebenfalls erfahren, wie das Dollar-Sympol einst zu Stande kam. Durch die Verbreitung des Peso über die ganze Welt, verwendeten zu seiner Zeit einige sich gerade in Entstehung befindende Staaten den Peso als ihre Währung, oft mit Änderungen an der Münze. Auch die USA verwendete ursprünglich den spanischen Peso als Nationalwährung. Für die Kennzeichnung der  Prägungsstätte der Münzen wurden die Buchstaben P – O – S – I auf Münzen aus Potosi übereinandergedruckt – dies wurde später von den Nordamerikanern zum heute bekannten $-Sympol geändert und findet bis heute Verwendung.

Inmitten diesen Werkstätten realitätsnah dargestellt hatten wir das Gefühl, dass erst gerade gestern noch Silber geschmolzen, gestampft und geprägt worden war. Der englischsprachige Guide führte uns während fast zwei Stunden durch die Räume des Casa de la Moneda, erklärte und wusste über viele Details der damaligen Arbeiten und zur Geschichte zu berichten.

 

 

 

El minero del diablo

Der Dokumentarfilm El minero del diablo folgt einem 14-jährigen Jungen namens Basilio Vargas und seinem 12-jährigen Bruder Bernardino in die Miene Cerro Rico in Potosi. Basilio lebt mit seiner Mutter, Bernardino und der kleinen Schwester zusammen mit weiteren 5000 Menschen in den Slums des Cerro Rico in einer einfachen Steinhütte. Der Vater ist seit langem gestorben, Basilio hat als ältester Nachkomme die Vaterrolle übernommen und ist somit auch verantwortlich für das Einkommen und Überleben der Familie.

 

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Im Cerro Rico – dem Berg, welcher lebendige Menschen verschluckt – sind Schätzungen zufolge bereits 8 Millionen Menschen bei Minenunfällen oder Folgen der sehr schädlichen Arbeitsbedingungen gestorben. Die Mienen gelten als sehr gefährlich – Gefahren wie Explosionen, toxische Gase, Einstürzen der Tunnel und Steinschläge lauern jeden Tag auf die Mineure. Zudem wird die Lebenserwartung aufgrund der täglichen Arbeit in der Miene drastisch gesenkt. Minenarbeiter sterben frühzeitig an der Staublunge, welche durch das Einatmen von Feinstaub, oft Quarzpartikel (Silikose) zu einer Veränderung des Lungengewebes und der Lungenfunktion führen.

Die Kamera begleitet die beiden Jungen in enge, staubige, heisse und fragile Tunnel bis weit in den Berg hinein und zeigt deren tägliche Arbeit. Basilio verdient für eine 12-Stunden-Schicht 2.5 Dollar, später in einer rentableren Mine am Berg 4 Dollar pro Tag – damit kann er seine Familie durchbringen. Kinderarbeit ist zwar in Bolivien per Gesetz verboten, jedoch arbeiten in den Minen von Cerro Rico nach wie vor Kinder.

Tief unter der Erde glauben die Minenarbeiter an „el Tio“ oder den Teufel, da sie meinen, dass Gott hier keinen Einfluss mehr hat. Tio-Statuen gibt es bei jedem Mineneingang, wo die Mineure ihre Opfergaben machen und beten, dass sie von einem Unfall (durch den unzufriedenen Tio verursacht) verschont bleiben und die Erträge reicher ausfallen. Im Film wird gezeigt, wie an einem Mineneingang ein Lama zu Gunsten de Tio geopfert wird und das Lama-Blut an den Cerro Rico gespritzt wird, um die Menschenleben zu verschonen und mehr Silber herauszugeben.

Ein schockierender, berührender und eindrücklicher Film zugleich über das knochenharte Leben eines Jungen und dessen Familie am Cerro Rico, welcher einmal mehr eine schreckliche Realität an einem Ort in unserer Welt zeigt.

 

 

Der Film in den engen Gängen der Mienen hat uns wieder an die Erfahrung erinnern lassen, welche wir vier Jahre zuvor während einer Exkursion in eine Miene erlebt hatten. Damals drangen wir 150 Meter in den Berg und stiegen drei Stockwerke tief hinunter, währenddessen wir in Nischen ebenfalls Wagons passieren lassen mussten und die Mineure hautnah bei ihrer knochenharten und gesundheitsschädigenden Arbeit beobachten konnten. Die Erinnerung an diese Erfahrung schien uns auch während des Films immer wieder den Atem rauben.

Nachweise:

http://diepresse.com/home/wirtschaft/hobbyoekonom/641659/Cerro-Rico_Ein-Berg-als-Menschenfresser

http://www.spiegel.de/reise/aktuell/cerro-rico-in-bolivien-ausflug-in-die-silbermine-a-860013.html

1 Kommentar

  1. wünsch eu viel wunderschöni erlebnisse viele grüsse aus der ostschweiz und super schön geschrieben viele grüsse Angela mit Familie

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