el viento viene, el viento se va

el viento viene, el viento se va

Ostern in den Bündner Alpen

[3. – 7. April 2015] Sarah

wartend

Wartend in der warmen Stube unter einem knatternden Dach, Niklas – der Sturm und eine positive Wendung.

Sarah und ich hatten Ferien – endlich (!) – und diese wollten wir so richtig auskosten. Ski’s, Felle, Harscheisen, Helm, Klettergurt, Skischuhe, Seil, Pickel, Lawinensonde, Schaufel und Proviant hatten wir bereits parat. Bereit für einen Aufbruch in die Berge waren wir.

Simba freut's, wenn wir zu Hause sind und mit ihr spielen..

Simba freut’s, wenn wir zu Hause sind und mit ihr spielen..

Die Woche zuvor war wie ein Märchen, es herrschte durchs Band weg Traumwetter. Dadurch war die Vorfreude umso grösser! Die ganze Woche sass ich in Fahrtrichtung links (das versuche ich immer) und schaute mir ab Thun zuerst die Stockhornkette, danach die Gantrischgruppe an. Nach dem Belpberg und der leichten Drehung Richtung Osten weitet sich der Blick, der Niesen und die Berner Hochalpen erscheinen; ein Berg nach dem anderen kommt zum Vorschein, bis sie im Dickicht der Besiedlung vorerst mal wieder verschwinden. Doch der geneigte Alpinist darf sich auch im kommenden Abschnitt auf einen weiteren Blick, und dazu noch auf einen der wohl schönsten auf die Alpen freuen. Ungefähr auf Halber Strecke des Lorraineviadukts offenbart sich einem nämlich  – in dieser Woche im Speziellen jeden Morgen früh ein ungetrübter Einblick in die Berner Alpen, von Wetterhorn bis Doldenhorn! Der Blick schweift jeweils vom Münster in Richtung der Aare herabfallende Altstadt von Bern weiter zum Belbperg und in die Weite zu den weissen Alpen, deren Gipfel von links einfallend in gelb-oranges Sonnenlicht getunkt werden.

Mit diesen guten Voraussetzungen sind wir am Donnerstag nach Hause gekommen und haben die Wetterberichte für das Engadin studiert. Dort wollten wir nämlich hin. Er versprach vorerst mal nichts Gutes für den Freitag, auch nicht für den Samstag. Sofort wurden andere Regionen der Schweiz von unserem Radar aufgenommen. Doch auch da, im Wallis Regen bis 2000, Wind in der Westschweiz, im Südwallis miserabel und in der Innerschweiz ebenfalls. Das bedeutete für uns zuerst mal abwarten, andere Sachen, die bei normalen Arbeitswochen ansonsten zu kurz kommen, erledigen.

So wurde es Montag und so wurde es auch Dienstag. Das Gefühl war jenes – ohne glücklicherweise genau zu wissen, wie sich das in der Realität anfühlt – als wenn das Wetter uns eine Zwangsjacke angezogen hätte. Wir verschoben unsere Reservierung in der Chamanna Jenatsch und meinten, wir würden uns wieder melden. Derweil tobte das Orkantief Niklas – in unserer Dachwohnung knarrte es, der Regen peitschte im Windrhythmus an die Hausfassade und wir wurde immer ungeduldiger.
Am Mittwoch arbeitete ich gar im Homework-Modus, in Vereinbarung mit meinem Vorgesetzten und im Tausch des Mittwochs mit dem kommenden Dienstag. Sarah bemerkte auf einmal, dass die Meteorologen für den Karfreitag für den Julierpass Sonnenschein vermeldeten. Wir liessen uns nicht zweimal bitten und taten unsere Nachreservation.

 

Julierpass – Fuorcla d’Agnel – Piz Traunter Ovas 3152m – Chamanna Jenatsch

[3. April, Karfreitag, Tag 1: Julierpass 2200m (Hospizio La Veduta) – durch das Val d’Agnel -Fuorcla d’Agnel 2986m – Piz Traunter Ovas 3152m – Abfahrt Val d’Agnel zur Chamanna Jenatsch. Zeitbedarf: gut 5h mit ÖV auf den Julierpass, dann 5h draussen bis zur Hütte]

Wiedersehen mit der Julierpass-Gegend, Neuschneeberge, exotischer Piz Traunter Ovas im eisigen Wind erreicht inklusiv Frostbeule als Andenken, Abfahrt zur Chamanna Jenatsch, der höchst gelegenen SAC-Hütte in den Bündner Alpen und ein Wiedersehen mit Julika!

Mindestens 5 Tage hatten wir zu Hause in der Stube parat, mehr oder weniger geduldig gewartet, währenddem der Sturm Niklas jede Menge Wolken, Schnee und starken Wind brachte und unser knatterndes Dach beinahe weggefegt hatte. Doch heute war Abreise! Kurz nach 5:00 verabschiedeten wir uns von Simba, liessen ihr Poulet-Ragout mit grünen Bohnen für die bevorstehenden Festtage zurück und Mama fuhr uns nach Allmendingen, zum Anschluss ans ÖV-Netz. Unsere Rucksäcke hatten schon tagelang in der Wohnung gestanden, parat für die Abreise ins Bündnerland. Deshalb waren wir vorerst ein bisschen unsicher unterwegs, da wir uns nicht mehr ganz im klaren waren, was wir eingepackt hatten. Mein Rucksack wog 14Kg, Räphu’s war bestimmt noch schwerer – somit war das Limit vom Tragbaren erreicht und wir nahmen an, das es alles war.

So kam es, dass wir uns in den Ostern-Reisestrom begaben, der erstaunlicherweise ganz zahm war. Die ÖV-Verbindung auf den Julierpass, also durch die halbe Schweiz, war dermassen gut, dass wir es nur knapp schafften, in Chur ein Brot und eine Zeitschrift für Julika zu kaufen. Und auch auf der langen Busfahrt von Chur über Tiefencastel bis auf den Julierpass kam keine Langeweile auf. Zuerst staunten wir über die Schneeberge, welche der Sturm die vergangenen Tage gebracht hatte – die Strasse war weiss bedeckt und trotz des kurvenreichen und topographisch interessanten Kurses liess sich der Buschauffeur davon nicht beeindrucken. Sicher 60cm Neuschnee hatte es hier gegeben. Irgendwann vor Tiefencastel nahm die Schneemenge wieder ab. Tiefencastel packte unsere Aufmerksamkeit von neuem, da wir hier, vom Julierpass herkommend, vor einem knappen Jahr en vélo (klick) durchgefahren waren. Wir erinnerten uns noch gut an die Wetterkapriolen in dieser Region – Regen, feuchtheisse Hitze, Gewitter und Hagel. Doch diesmal dominierte ein strahlend blauer Himmel.

Kurz nach 11:00 auf dem Julierpass angekommen, liefen wir eine halbe Stunde später mit den Ski’s ab Richtung Chamanna Jenatsch. Wir kamen gut voran, folgten einer angelegten Spur. Die Dicke und Qualität der Schneedecke variierte innerhalb kurzer Distanzen extrem. Über die Kuppen war die Unterlage bis auf die alte Schneedecke eisig gefroren, an anderen Stellen betrug die Schneedecke 30-40cm. Dies war das Resultat der starken Winde und Windböen des Sturms der letzten Tage, denn dies hatte zu starken Schneeverfrachtungen geführt. Wir liefen stetig durch das breite Val d’Agnel. Ungefähr beim Punkt 2569 steht ein eingeschneiter Wegweiser – erst von dort konnten wir die Fuorcla d’Agnel sehen. Im Schlussanstieg vor der Fuorcla nahm der kalte Wind zu und auch die Steigung, wobei diese immer unter 30° bleib. Oben auf der Fuorcla war kein Ort zum Verweilen, wir wollten schnellstmöglich aus dem kanalisierten Windstrom verschwinden und fuhren mit den Fellen an den Ski’s erstmals ein paar Meter ab. Über das freigeblasene Geröll zogen wir die Bretter kurz ab und stiegen ein paar Schritte ab. Am Westhang des Piz Surgonda traversierten wir mit Harscheisen, bis wir die Aufstiegsroute zum Piz Surgonda erreichten. Als wir einen ersten Blick auf die beiden Gipfel der Piz Surgonda erhaschten und beim zweiten Blick die bedrohliche Wächte, welche die beiden verband, planten wir kurzfristig um und steuerten den Piz Traunter Ovas an. (An die exotischen Gipfelnamen mussten wir uns erstmals gewöhnen – es dauerte bestimmt 4 Tage, bis wir am Hüttentisch den anderen Skitourengänger den Gipfel ohne Konsultation der Karte frei von der Leber weg nennen konnten! =) Der kalte Wind wurde immer stärker und relativ starke Windböen bliesen uns Schneekörper ins Gesicht. Nach einem kurzen, aber steilen und abgeblasenen Zwischenstück über 35° Hangneigung flacht der Aufstieg oben nochmals ab. Für die letzten 40 Meter auf den Gipfel machten wir ein Ski- und Rucksackdepot. Hier war der Wind unerbärmlich, an ein Ausziehen der Handschuhe war nicht zu denken. Beim Abfellen mussten wir uns gegenseitig unterstützen, sonst hätten wir die Felle nur zusammengeklebt wie eine Handorgel in den Rucksack retten können. Über Nacht sollte ich von diesem Gipfelerlebnis Frostbeulen davontragen.

ein gelungener Tag - auf der Abfahrt zur Hütte!

ein gelungener Tag – auf der Abfahrt zur Hütte!

Die Abfahrt war zuerst eispickelhart, gefolgt von einem wunderbaren Pulverhang, welcher uns für vieles entschädigte. Die Hütte war dann bereits in Sichtweite und wir fuhren bewusst an der nicht direkten Linie ab, so dass wir für den Schlusshang zur Hütte nochmals anfellen mussten. Doch die vielen kleinen bis mittleren spontanen Lawinenabgängen an den steilen Flanken hatten uns beeindruckt.

In der Chamanna Jentasch gab es endlich ein Wiedersehen mit Julika, einem Nepal-Reisegspändli, die wir am Manaslu (klick) kennen lernen durften. Sie arbeitet während der Wintersaison als Hüttengehilfin in der Jenatsch. Kurz nach der Material- und Körperpflege gab es bereits Abendessen. Die frische Gemüsesuppe, Spaghetti mit Tomaten und Ruccola und das Schoggi-Mousse mundeten sehr.

 

Hüttentag in der gemütlichen Chamanna Jenatsch

[4. April 2015, Tag 2: Hüttentag!]

Natürlich liessen wir das Frühstück nicht sausen und erschienen um 7:30 als Letzte am Frühstückstisch. Gut hätten wir noch länger schlafen können. Wir benieden unsere Hüttengspändli nicht, welche sich nach dem Frühstück dick eingepackt und etwas zögerlich nach draussen wagten. Der Wind war noch da und die Sicht mässig gut. Ich war froh, dass unser Hüttentag nicht in Gefahr war und ich heute in der warmen Stube bleiben konnte. Mitten in der Nacht war ich mit einem schmerzhaften Nadelstechen im Gesicht aufgewacht und ich fühlte, wie Nase, Lippen und das Kinn anschwollen. Tags wurden die Blasen grösser und die Frostbeule, wohl Erfrierungen zweiten Grades, war sehr berührungsempfindlich. Doch so lange nichts schwarz wurde war ich überzeugt, dass die Frostbeule ohne Narbe wieder abheilen würde.

für morgen kündigt sich gutes Wetter an!

So stand an diesem Tag Gesichtspflege, lesen, Tagebuch schreiben, Tourenplanung, Käse-Rösti essen, Kaffee und Kuchen und natürlich ein Schwatz mit Julika im Vordergrund.

Chamanna Jenatsch SAC

Die eher kleine, vielleicht auch deswegen reizvolle Chamanna Jenatsch ist die höchstgelegene SAC-Hütte im Kanton Graubünden. 75 Schlafplätze bietet die Hütte, zudem locken Armonia Dschimels, Muntanella Suita (Murmel-Suite) und die aus Arvenholz gebaute Arven-Suite für erholsame Nächte zu zweit. Arvenholz mit seinem speziellen Geruch ist bekannt für seine wohltuende Wirkung auf den Körper, sorgt für Ruhe und Entspannung – dieses Holz wird im Bündnerland auch traditionell noch verwendet. Ebenfalls gehört eine Sauna zur Infrastruktur der Hütte. Haben wir nicht ausprobiert, vielleicht das nächste Mal.

Die Hütte liegt auf 2652m zuhinterst im Val Bever auf einem Hügel, zwischen Piz Picuogl und Piz Jenatsch. Von hier aus sind 11 einfache bis herausfordernde 3000er zu erreichen, die Hütte als „warme Insel“ immer in bequemer Nähe.

 

Infrasturktur & Ökologie der Hütte

Die Hütte ist in unseren Augen ein gutes Beispiel, wie diese nachhaltig an die heutigen Anforderungen angepasst und dementsprechend weiterentwickelt wurde. Die Hütte kann sich, mittels einfacher technischer Einrichtungen selbst versorgen. Das Wasser wird 1-2mal täglich aus einem Gletscherbach in einen Bottich in die Hütte gepumpt. Photovoltaik-Panels, welche 2014 installiert wurden, sorgen zusammen mit einer Wasserturbine für den Strom der Hütte. Der Strom wird in zwölf Batterien eingespeist und mittels der Solaranlage wird der Boiler aufgeheizt. Notfalls wird Holz zum Heizen des Wassers verwendet. In der Stube und Küche wird Holz eingesetzt, welches mit dem Heli hochgeflogen wird.

Die Hüttenwarte Claudia Drilling und Fridolin Vögeli lassen Tage auf der Hütte zu einem besonderen Erlebnis werden. Gerade im Winter, wenn die Tage draussen und das Übernachten in der Hütte meist ein Verlassen der Komfortzone bedeutet, haben wir die warme Stube hier sehr geschätzt und wir haben uns ob draussen oder drinnen, wenn wir uns nicht gerade in einem eisigen Windkanal über 2500m befunden haben, immer sehr wohl gefühlt. Auf der Hütte haben wir uns prächtig von den Alltagsstrapazen erholt, denn es gab keine Verbindung zur Aussenwelt. Ausser auf den Gipfeln, doch wenn wir ein Ausziehen der Handschuhe riskierten, dann eigentlich nur zum Updaten der Wetterprognosen und des Lawinenbulltins. Glücklicherweise haben die Hütten eigentlich immer ein Telefon, falls mal was wäre.

Auch die kulinarische Verköstigung können wir nur loben. Jede einzelne Malzeit ist mit viel Leidenschaft und Sorgfalt zubereitet, nach einer strengen Bergtour Balsam für die Seele. Vielen Dank für die Gastfreundschaft!

 

Versuch am Piz d’Err

[5. April 2015, Tag 3: vormittags 8:45 – 11:15, nachmittags 12:15 – 16:00 draussen unterwegs…]

Erfolglos am Piz d’Err – erfolgreich Fuorcla da Flix erreicht – kurz vor dem Piz d’Agnel wieder umgekehrt. 

Die dichte Wolkendecke wollte einfach nicht aufreissen, auch nach dem zweiten Kaffee nicht. Zusammen mit den anderen Tischgspändli wurde gerätselt. Ich schlug erstmals die Karte auf, obwohl die anderen meinten, es sei zu früh, um nach einer Alternativtour zu suchen. Alle an unserem Tisch wollten heute den Piz d’Err angehen, insgesamt 8 Leute waren wir.

8:45 klickten wir in unsere Skibindungen ein, auf Walk-Modus gestellt. Die Sicht war mässig gut, die Temperatur und der Wind akzeptabel. Mit gemächlichen Schritten starteten wir in unseren kleinen Gruppen, wir als letzte des Tages. Denn die Hoffnung, der prognostizierte Wetterbericht würde Realität werden, war gross. Faszinierende Lichterspiele begleiteten uns an diesem Tag – feine Sonnenstrahlen fanden manchmal kurzzeitig einen Weg durch weniger dichte Wolkenschichten. Mild war es heute, kaum Wind, kalt nur wenn man stehen blieb. Ohne grosse Abweichung entfernten wir uns in nordwestlicher Richtung von der Hütte, drehten erst kurz vor dem Gletscherabbruch des Vadret d’Err nach Westen. Einfaches, gut eingeschneites Gelände trennte uns von der Hütte – diese befand sich stets in unserem Rücken und wir waren uns sicher, dass wir auch bei schlechter Sicht problemlos zurückfinden würden. Ausserdem hatten wir gestern ein paar Koordinatenpunkte bei Räphu’s Suunto Uhr eingegeben, für den Notfall. Bereits auf den ersten Metern waren wir erstaunt über die Menge des Neuschnees. Je nach Gelände hatte es letzte Nacht 20-40cm Neuschnee gegeben, dies entsprach so gar nicht den Wetterprognosen. Dies war dann vor dem Gletscherabbruch auch der Grund, warum wir umkehrten. Auf Ski-Modus umgerüstet, Seil eingepackt und Sturzhelm aufgesetzt, hatten wir nach den ersten Schwüngen bei relativ guter Sicht die Enttäuschung vergessen. Bei diesen Schnee- und Wetterbedingungen gab es einfach nichts zu holen. Doch, die zu kurz geratene (wie immer) Pulverabfahrt war berauschend, in der Hütte waren wir zufrieden und motiviert, etwas später doch noch in eine andere Richtung des Gebietes loszuziehen.

Nach einem kurzen Picnic mit warmem Tee und Kaffee in der Hütte waren wir diesmal deutlich motivierter und zielstrebiger unterwegs als noch am Morgen. Denn es war bereits 12:15 und wir hatten noch ein Ziel. Nicht alle mögen das, aber eine neue Spur in Pulverschnee anzulegen, ist einfache ein gutes Gefühl. Erst als erste Schwächegefühle in meinen Beinen bemerkbar waren (wohl auch wegen dem hohen Tempo) durfte Räphu spuren, denn die Abfahrt braucht bei mir ohne eine ausgefeilte Skifahrt-Technik doch auch noch übermässig viel Kraft und Luft. Aufsteigend auf dem Vadret d’Agnel war es richtig mild, auch wenn die Sonne in weiter Ferne war. Lichterspiele brachten in der düsteren Athmosphäre Abwechslung. Wir fühlten uns im relativ flachen Gelände sicher unterwegs und konnten den Nachmittagsausflug geniessen. Erst auf der Fuorcla da Flix waren wir erwartungsgemäss wieder im unangenehmen Windkanal angekommen. El viento viene, el viento se va..(Manu Chao) summten wir vor uns hin. Die Ski’s drückten wir in den Schnee und zu Fuss, leider ohne Steigeisen im Gepäck (die waren zu Hause), ging’s den Gipfelgrat hoch. Erst kurz vor dem Gipfel Piz d’Agnel kehrten wir um, denn die plötzlich angreiffenden Windböen drohten uns aus dem Gleichgewicht zu bringen und das instabile Geröll unter dem Pulverschnee und zeitweise eisige Schichten boten uns keine gute Unterlage. Beinahe hatten wir uns schon an die hier vorherschende Unterlage gewöhnt – Pulver! Im Abfahrtsrausch konnten wir nicht bremsen und fuhren doch bewusst bis in den Talboden, so dass wir zur Hütte nochmals 20 Minuten steil ansteigen mussten. Doch der Umweg hatte sich gelohnt!

Fazit des Tages: auch Schlechtwettertage haben etwas zu bieten, auch wenn man hie und da zum Umkehren gezwungen wird.

 

verflixter Wind am Piz Tschima da Flix

[6. April 2015, Tag 4: Start 7:45 – 11:00 draussen unterwegs]

Unsere ganze Hoffnung auf optimale Skitouren-Bedingungen hatten wir auf diesen Ostermontag gesetzt. Zwei Gipfelziele hatten wir in unseren Köpfen – Tschima da Flix und Piz Calderas. Das Thermometer zeigte bei Abmarsch -15° C, doch die Sonne (!) schien mit voller Kraft.

Nach den vergangenen Tagen natürlich perfekt an diese Höhe akklimatisiert, waren wir bereits auf den ersten Metern in zügigem Tempo unterwegs. In uns brennte das Feuer, der stahlblaue Himmel motivierte uns zusätzlich. Einmal mehr kamen wir zur Erkenntnis, dass die verschneite Hochalpinlandschaft ebenfalls reizende Bilder abgibt, auch wenn sich Farbtöne auf ein paar wenige beschränken, sich jedoch mit vielen Kontrasten der Steine, Felsen, Spuren und dem Himmel präsentieren. Nach ca. einer halben Stunde bogen wir von der gestrigen Spur Richtung Westen ab und mit der zunehmenden Steigung drehten wir nach Süden und weiter nach Südosten ab. Bisweilen war die Steigung noch moderat und wir fühlten uns trotz dem vielen, nicht sehr gut verfestigten Schnee sicher unterwegs. Bald machte sich unser treuer Kollege, el viento, schon wieder bemerkbar. Unterhalb des Gletscherabbruchs des Vadret Calderas drehten wir wieder nach Südwesten, die Steigung nahm zu. In diesem Gelände hinterliessen wir noch die typische Skitouren-Spur, natürlich in Zick-Zack-Manier. Die Spitzkehren klappten mittlerweile schon ganz gut und Räphu meinte, die Stilnote falle auch schon ganz gut aus. Unterhalb der Nordwestflanke des Piz Picuogl und Tschima da Flix wurde der permanente Wind wieder bissig und die plötzlichen Böen tückisch. Die Flanke war teilweise vom Wind hart gefroren, abwechselnd mit den selteneren Triebschneeansammlungen in den kleinen Rinnen. Oft hinterliessen wir nur zwei feine, von den Skikanten eingekerbten Spuren, die sicher 5 Minuten später wieder verschwunden waren. Schon frühzeitig hatten wir die Harscheisen montiert und waren deshalb auch in diesem Gelände sicher unterwegs, doch wir durften die Umgebung nicht aus dem Auge lassen, da wir das Schneegestöber als Vorbote auf die nächste Böe nicht verpassen wollten, um nicht überrascht zu werden. Irgendwie kamen heute auch die Gortex-Kleider ans Limit, den der Wind schien halbwegs durch die ultrafeinen Poren des Matierals durchzudringen. Als wir auf der harten Piste die zwei letzten Spitzkehren unterhalb des Gipfels gemacht hatten, platzierten wir unsere Ski’s bedacht unterhalb des felsigen Aufstiegs und drückten ebenfalls den Rucksack in den Schnee – wir wollten möglichst aerodynamisch unterwegs sein, obwohl wir alleine ohne Ausrüstung Angriffsfläche genug waren. Mit den dicken Handschuhen und dem Pickel in der Hand schlug Räphu mit den Skischuhen gute Stufen in den harten Schnee und wir kamen gut voran. Auf Gipfelhöhe, jedoch etwas entfernt vom „Gipfelplateau“, schrien Räphu und ich uns an, maximal ein Meter entfernt, da wir uns einfach nicht verstanden und der Wind wirklich übel war. Später sagte ich zu ihm, dass ich mir so ungefähr eine Besteigung eines 7000er’s vorstellen würde. Leider hatte ich zuvor vergessen, die Skibrille anzuziehen und so kam es, dass meine Sonnenbrille von den Tränen durch den Wind auf der Innenseite zugefroren war und ich beinahe nichts mehr sah. Mein Abstieg hatte ich als Orientierung eine Hand an Räphu’s Rucksack, um den Abstieg noch zu finden. Zurück beim Skidepot waren wir uns angesichts der grenzwertigen Wetterbedingungen einig, dass wir direkt in die Hütte zurückkehren würden. Der Aufstieg zum Piz Calderas wäre uns ohnehin heute zu heikel gewesen.

Unten auf dem Gletscherboden angekommen, waren wir bereits dem Windkanal entflohen und die erste Wärme durch die Muskelarbeit der ersten paar Schwünge hatte uns erreicht. Puuh, der Kälteschock war überstanden! Doch da unsere Skifahrkarriere erst 3 Monate alt war, waren wir sehr bestrebt, unversehrt wieder unten anzukommen. Bestrebt waren wir auch, schöne Spuren in dem unbefahrenen Pulvergelände zu hinterlassen. Räphu war immer der Vorfahrer, währendem ich versuchte, meine Spuren synchron zu ihm zu legen.

Räphu im Abfahrtsrausch!!

Räphu im Abfahrtsrausch!!

 

Val Bever

[7. April 2015, Tag 5: 8:00 – 11:40 auf den Ski’s, dann 5:42 mit dem ÖV nach Hause unterwegs]

Langer Marsch auf den Ski’s durch das einsame Val Bever, ein Schreckmoment, welcher uns tief in die Knochen fährt und ein überraschendes Erlebnis mit einem UNESCO-Weltkulturerbe.
11:23 stand neben dem Ortsnamen „Spinas“ auf der ausgedruckten Karte, auf welche auf zwei Papieren das ganze Val Bever topographisch abgebildet war. Dies war die Uhrzeit, an welcher der Zug nach Chur abfuhr und diesen wollten wir unbedingt erreichen, da mich heute noch ein Nachtdienst erwartete.
Julika begleitete uns auf der Rückreise durch das Val Bever. Ein Blick auf die Karte hatte schon gezeigt, dass heute keine längere Abfahrt auf uns wartete. Doch das langezogene Tal hatte uns irgendwie gereizt und wir scheuten den längeren Abstieg mit angefellten Ski’s nicht.
Nach einer kurzen Abfahrt im Pulverschnee beinahe bis auf den Talboden, etwas in der Talflanke am linken Flussufer des Beverin, fellten wir bereits an und fingen mit dem Berg- und Talabstieg an. Mal ging’s mit zögerlichen Schritten bergauf, mal im Skating-Stil tendentiell bergab.
Nach knapp einer Stunde vernahmen wir das knattern von zwei Helis, die schnell über uns hinwegflogen. Wir blieben stehen und beobachteten die Umgebung. Wir hatten kein lawinenverdächtiges Geräusch gehört. Der Rega-Heli kam zurück zu uns und flog ganz nah über uns, wohl um nachzufragen, ob wir wüssten, wo was passiert sei. Doch wir konnten ihnen nicht weiterhelfen. Unsere Beine waren längst weich geworden und wir dachten an unsere vier Tischgspändli, die heute morgen Richtng Piz Jenatsch losgegangen war – dort, wo die Helis nun hinter dem Bergkamm verschwunden waren. Wir hofften ganz fest, dass niemandem etwas passiert war. Im online Hüttenbuch der Chamanna Jenatsch ist im Bericht Berg- und Talfahrt der Tag des 7. Aprils aus ihrer Sicht beschrieben.
Mit unsicheren Schritten machten wir uns wieder auf den Weg, in Gedanken immer noch an den Vorfall.
Das Val Bever ist ein idyllisches, einsames Tal, welches sich in prächtigem Winterkleid präsentierte. Nur ein paar Hasenspuren waren auszumachen, welche sogar zur Überbrückung des noch grösstenteils zugefrorenen Flusses Beverin auch lieber die Holzbrücke benutzten, um nicht kalte Füsse zu bekommen.

Räphu musste unterwegs noch eine 2km Zusatzschlaufe drehen, da er seine Hochtourenjacke verloren hatte. Ausserdem hatte uns der Heli-Vorfall irgendwie aus dem gewohnten Rhythmus gebracht. So kam es, dass wir 15 Minuten zu spät beim Bahnhof in Spinas ankamen, dem Bahnhof, der einem in der Winterlandschaft wie eine Fata Morgana erscheint. Aber es war halb so schlimm. Wir hatten bisher einen schönen Tag gehabt und uns war nichts passiert, das war das Wichtigste!
Am Bahnhof Spinas, in the middle of nowhere, vergingen die zwei Stunden wie im Flug. Endlich konnten wir uns noch entspannt mit Julika unterhalten – es gab von den letzten Monaten noch einiges zu berichten. Ich hoffte einfach, dass die ÖV-Verbindungen durch die halbe Schweiz zurück nach Hause klappen würden, damit ich es rechtzeitig zur Arbeit schaffen würde.
In Samedan reichte es noch für einen Express-Kaffee zurück in der Zivilisation, dann mussten wir uns schon wieder von Julika verabschieden. Wir verblieben für eine Bergtour im Sommer, irgendwo in der Schweiz.

Zufrieden, aber doch irgendwie geschafft von den letzten Tagen sasen wir im Zug, doch mit ausruhen war nichts. Die Durchsagen im Zug weckten unsere gedämpften Lebensgeister und mit grosser Begeisterung waren wir dann mit der Albulabahn unterwegs, welche zwischen Thusis und St.Moritz verkehrt und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Auf der 62km langen Strecke überquert die Bahn 144 Brücken und durchfährt 42 Tunnels sowie Galerien. Wir wechselten ständig von einem Zugabteil zum anderen, um die beste Sicht nach draussen zu haben. Glücklicherweise war der Zug nur wenig ausgelastet.
Spätestens im Zürich ordneten wir uns in den normalen Pendlerverkehr ein, und schafften es planmässig nach Hause. Nach auspacken, duschen, essen und kurz Beine strecken rief bereits das Inselspital, doch das war okay so!

 

in Spinas warten wir 2h auf den Zug, doch langweilig wird's nicht...

in Spinas warten wir 2h auf den Zug, doch langweilig wird’s nicht…

 

Manchmal findet man sich in den Bergen kurzzeitig in Situationen wieder, in welchen man sich fragt, warum man dies tut. In einer SAC-Zeitschrift haben wir ein Zitat einer jungen Bergsteigerin gefunden, welches auch unsere Motive treffend zusammenfasst.

Die Berge – das ist Ergriffenheit, Einschüchterung und Ehrfurcht zugleich. Ich gehe gerne dorthin, um Kraft zu schöpfen, an meine Grenzen zu kommen und ihre Schönheit zu bewundern.  Margarita Candil

 

zur Bildergalerie: oben rechts auf das X klicken, um die hinterlegenen Fotos inklusive Kommentar sehen zu können.. excusé! 

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