Isla Ometepe – eines auf zwei Vulkane beruhendes Wunder

Gepostet am Jun 27, 2013 in Alle Berichte, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Nicaragua, per pedes, Wandern T4+, Zentralamerika | Keine Kommentare

Isla Ometepe – eines auf zwei Vulkane beruhendes Wunder

Isla Ometepe

zwei Vulkane, ein Wunder!

[19 – 24 de Junio] Nicaragua

Nach einer Woche an der pazifischen Küste fuhren mit dem abenteuerlichen nicaraguanischen Service Public, mit  einem sogenannten chicken bus nach Rivas, schnappten uns da ein Taxi und gelangten zum beschaulichen Fährhafen von San Jorge am windigen, stürmischen und allem voran welligen Nicaraguasee gelegen. Dort betraten wir die Fähre – ein schräges, zweistöckiges, nicht all zu stabil wirkendes Holzschiff mit allerdings einem kleinen Dach auf dem oberen Stock. Abgefahren aus dem Hafen, mussten wir uns zu allererst wieder einmal an stärkeren Wellengang gewöhnen, danach schiffte es kurzfristig wie aus Kübeln, allerdings quer von der Seite, wobei das Dach im Prinzip keinen Nutzen mehr brachte.  Trotzdem hatten wir eine gute Fahrt, wir sind auf dem maximal 45 Meter tiefen See schliesslich nicht auf Grund gelaufen und legten eine gute Stunde später am Hafen von Moyogalpa an. Danach hatten wir beim Warten auf den nächsten Bus Zeit, uns etwas trocknen zu lassen. Ometepe hat ein relativ gut ausgebautes Bussystem, Busse rund um Moyogalpa und Altagracia fahren im Schnitt so alle Stunden, es empfiehlt sich aber immer etwa eine Viertstunde vor der angegebenen Abfahrt an einer Haltestelle zu stehen, der Bus kann gut und gerne auch mal früher durchkommen.

 

 

Lago Nicaragua

Der Lago de Nicaragua ist der grösste Zentralamerikanische See. Er liegt im Südwesten von Nicaragua nur ein paar Kilometer nordöstlich der Departementshauptstadt Rivas. Nur ein paar Kilometer Land trennen sein südliches Ufer von der Grenze zu Costa Rica, einem der zwei Nachbarstaaten (neben Honduras im Norden). Der See nimmt eine Fläche von rund 8157 Quadratkilometer ein und ist damit neben dem Titicacasee (Peru/Bolivien) der zweit grösste See Lateinamerikas. In Relationen zur Schweiz nimmt der See einen Fünftel der schweizerischen Staatsfläche ein, also fast soviel wie die ganze Romandie.

Er beinhaltet mehrere Hundert Inseln, wovon zwei grössere herausragen; eine davon ist die Isla Ometepe, deren zwei Vulkane die Entstehung der Insel erst ermöglichte. Durch mehrere Ausbrüche und das Zusammenfliessen der Lava wurde aus zwei eine Insel. Der nördöstliche Inselteil ist geformt und geprägt vom steilen und höheren Volcán Concepción dessen Kraterrand (Gipfel) 1634m Höhe erreicht. Höhe über See dürften es rund 1604m sein. Der Maderas  mit 1340m gestaltete die südöstliche Insel. Heute leben gut 30’000 Einwohner auf der Insel. Bis vor ein paar Jahren war ihr Haupterwerbszweig der Anbau und Export der Plátano – Kochbanane. Mit zunehmender Zeit wird der Tourismus zur Haupteinnahmequelle, auch wenn die touristische Infrastruktur noch dürftig ausgebaut ist.

Doch bis und mit heute ist die Insel allerdings noch eine dieser Juwelen in der die Menschen noch mit der Natur leben, zufrieden wirken mit dem wenigen und vor allen Dingen eine eigene bodenständige und überaus freundliche Art mit Mitmenschen und der Natur haben. Neben den Stränden, dem schönen Rīo Istián, den zwei Vulkanen, einem Süsswasserloch, worin man baden kann, gibt es auf der Insel nicht wahnsinnig viel zu tun. Doch in einer Hammock am Strand von Santo Domingo kann man gut ein zwei Tage vergehen lassen. Die Früchte der Bäume gehören allen – Mangos, Papayas und viele andere Früchte sind, sofern nicht massenhaft dem Baum entrissen (noch) für alle freie Ware.

Neben dem Fischfang als wesentlichen Wirtschaftszweig gelangt der Nicaraguasee und sein Abfluss, der Rio San Juan auch immer wieder für geopolitische Belangen an die Weltöffentlichkeit. Erst gerade kürzlich wurde wieder über den Traum eines eigenen Kanals als Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik in den Medien berichtet. Wir hoffen doch schwer, dass dies immerwährend ein Traum, eine Utopie des Präsidenten bleiben wird ([www.nzz.ch/aktuell/international/ortega-graebt-einen-kanal-1…]).

 

 

Río Istián

[20 de Junio]

Per Bus und Anhalter erreichten wir das Hostal Caballitos del Mar in der Nähe von Mérida – unser Vorhaben: by Kanu den idyllischen Río Istián zu erkunden, welcher die Insel beinahe entzweiteilt. Im Nu war Javier, unser Guide organisiert. Und bereits sahen wir uns paddelnd im Kanu am Ufer entlang des riesigen Nigaraguasees unterwegs, welcher 170 Mal grösser ist als der Thunersee!

Vom Kanu aus konnten wir das Uferleben beobachten – Menschen & Wäsche wurde gewaschen, Tiere getränkt, Kinder plantschten im überaus warmen Wasser. Über dem Vulkan Maderas hatten sich bedrohlich dunkle Wolken angesammelt, in der Ferne blitzte & donnerte es bereits – ja gut, das war nicht das erste Gewitter auf offener See. Glücklicherweise blieben wir nur am Rande des Gewitters und bekamen nur einen kurzen Regenguss ab. Nach ca. einer Stunde und rund 3Km paddeln erreichten wir die Flussmündung des Río Istián, welche wir alleine, getarnt durch die vielen Wasserpflanzen bestimmt nicht selber gefunden hätten. Doch Javier fand den „Eingang“ ohne Schwierigkeiten. In dieser Saison war der Wasserstand des See’s noch relativ tief und deshalb „strandeten“ wir im künstlich gegrabenen Kanal immer wieder, vor allem mit dem hinteren Teil des Kanus (gell Räphu =). So stiegen wir zwei-drei Mal aus und zogen unser Kanu durch den Sumpf – Madame durfte sogar manchmal im Kanu sitzen bleiben!

Irgendwann waren wir im trägen Fluss angekommen, welcher sich auf der schmalen Landbrücke zwischen den beiden Vulkanen hindurchschlängelt. Mit sanften Paddelbewegungen glitten wir über das fast bewegungslose Wasser, in vollkommener Seelenruhe. Ein riesiger, schwimmender Garten hatte sich rund um uns aufgetan, an manchen Stellen bildeten die Wasserpflanzen einen Teppich über der Wasseroberfläche. Wir waren an einem völlig friedlichen Ort angekommen, welcher Lebensraum für viele Wasservögel, kleine Flussschildkröten und nicht zuletzt Kaimane ist.

Am Ufer präsentierten sich dann auch ein wunderprächtiger Vogel nach dem anderen, im Wasser um uns herum konnten wir jede Menge kleine Schildkrötenköpfe aus dem Wasser ragen sehen, bevor sie noch in derselben Sekunde wieder im trüben Wasser untertauchten. Überrascht entdeckten wir mit ein bisschen Hilfe von Javier – sie sind aber auch immer gut getarnt – ein paar Kaimane im sumpfigen Uferbereich. Besonders ein Exemplar war dann auch schon bedrohlich in seiner Grösse, wenn man bedenkt, dass wir ja quasi auf Augenhöhe neben ihm im Wasser trieben. Wir genossen die entspannte Athmosphäre inmitten dieser wunderschönen Natur, bevor wir wieder zur Flussmündung und weiter zum Ausgangsort zurückpaddelten.

 

Im Beizli des Hostal’s tranken wir zusammen mit Javier eine Cola und unterhielten uns über Nicaragua, über Politik, Kultur, Beziehungen zu den Nachbarstaaten und über „das völlig überteuerte Costa Rica“, was man hier viel zu hören bekommt. Fast hatten wir ein bisschen die Zeit vergessen. Als dann der Sonnenstand schon bedrohlich tief war, begaben wir uns auf den 9 Kilometer Fussmarsch barfuss nach Hause, denn der letzte Bus war längst abgefahren.

Als es dunkel geworden war, waren wir bereits im Nachbardorf angekommen und nicht mehr weit entfernt von Santo Domingo, unserem Zuhause auf der Insel.

 

Volcán Concepción

[22 de Junio]

Bereits von Weitem faszinierte der Volcán Concepción, einer der höchsten Berge des Landes, ein klassischer und wohl auch einer der regelmässigsten Schichtvulkane, die wir je gesehen haben. Seine Schartenhöhe ist beeindruckende 1600m – er weist damit eine enorme Prominenz im Landschaftsbild auf. Schon als wir eine Woche zuvor mit dem Bus von Managua nach Rivas fuhren, sahen wir ihn von der Panamericana aus. In dieser Jahreszeit herrscht Regenzeit, doch auch in Sommermonaten soll der Berg oft über eine Krone bestehend aus Nebel und Wolken an seinem Gipfel hangen haben. Der Berg ist ein mürrischer Zeitgenosse, seine Hänge weisen Spuren starker Erosionsprozesse und verschiedenen Lavaflüsse auf. Die Hänge sind auf alle Seiten hin steil und im unteren Teil stark mit dichter Vegetation bewachsen.

Die Besteigung ist technisch zwar nicht schwierig, bedarf aber unheimlich viel Ausdauer. Der Berg wird fast täglich bestiegen allerdings mehr noch in der Trockenzeit, weil die an sich geringe Wahrscheinlichkeit auf Aussicht vom Gipfel leicht erhöht ist. Die Besteigung ist auf Grund des eher schlechten Weges, hunderten knie- bis hüfthohen unregelmässigen Tritten, enorm hoher Feuchtigkeit und tropisch heisser Temperaturen und in der Gipfelregion wegen den starken Winden eine Herausforderung. Hinzu kommt, dass die Vegetation, wie wenn sie sich gegen Besucher sträuben würde, scharf, stachelig, stechend ist und zum Teil brennende Wirkungen aufweist.  Doch die flexiblen „Gummisträucher“ waren stets eine Hilfe beim Überwinden der knie- bis hüftgrossen Tritte. In verschiedenen Quellen haben wir gelesen, dass der Trek, also Auf- und Abstieg um die 10 Stunden dauern würde, deshalb machten wir uns auf das Schlimmste bereit! =)

Mit unserem Guide Donald, einem lokalen sehr offenen, lebensfreudigen jungen Mann in unserem Alter machten wir uns kurz nach Sonnenaufgang um 05:30 Uhr mit dem ersten Bus auf den Weg. Die Busfahrt führte uns Richtung Altagracia wo wir in La Sabana – seines Zeichens Eingang zum Reserva Concepción – dem Bus entstiegen und sofort losmarschierten. Schneller Schritten und voll bepackt mit je 3 Liter Wasser und Proviant stiegen wir der breiten unbefestigten Strasse hoch. Diese führte uns rund 2 Kilometer weiter in’s Landesinnere gegen den Vulkan zu. Die Landschaft ist auf dem flacheren Gelände von der Landwirtschaft geprägt. Entlang Kuhweiden, Plátanoplantagen, Bananenplantagen und kleinen Ackerbauflächen gelangte wir zu einem steilen Wegeingang, der direkt in den Bergweg einleitet. Hier sahen wir etwa ein Dutzend Brüllaffen, die neben ihren gewohnten Schreien ihren Magen mit Früchten und Blättern füllten.

Etwas weiter oben trafen wir auf einen älteren Mann, der im Moment ein Hüttchen baut, um die völlig erschöpften Gipfelbesteiger versorgen und aufpäppeln zu können.  Dort muss man sich in ein Buch eintragen: Nombre, fecha, Nacionalidad und bezahlt 50 Gordobas (2 CHF) pro Person. Zum Abschied drückte er uns einen Wanderstock in die Hand und holte zwei Mangos hervor – falls wir unterwegs Hunger bekämen. Danach führt der Weg zwar idyllisch durch dichten Regenwald, schwarze Steintritte sind immer wieder zu überwinden, ab und zu regnet es kurz, der Nebel liegt tief – wir hatten nie Sicht. Die Steilheit wechselt sich ab mit kleinen Kaskaden, wo wir ab und zu Trinkpausen einlegten und uns mit Donald unterhielten. An jeder brenzligen Stelle wusste er ein Schauermärchen über die verirrten und zu Tode verunfallten Touristen zu erzählen – ein Verschollener wurde erst nach vier Tagen durch die kreisenden, aasfressenden Rabengeier („los zopilotes“) gefunden. Durch die regelmässig vermissten Touristen ist die Besteigung auf eigene Faust deshalb nun verboten. Donald ist ein smarter Nica, der sich durch die Beschäftigung als Guide eine eigene Existenz aufgebaut hatte, unglaublich viel von seinem Land zu erzählen weiss und auch von der ganzen Welt schon einiges in Erfahrung gebracht hat. So wurden die Verschnaufpausen durch die Gespräche und Geschichten  in spanisch immer wieder ein bisschen länger.

Nach Regenwald folgte Nebelwald, immer noch heiss und feucht. Auf rund 700m beginnt die Buschvegetation, die sich fast bis zum Gipfel durchzieht. Nach rund 4.5h erreichten wir den Gipfel – es stürmte. Nicht Nebelbänke schossen empor, immer fortwährende „Nebellawinen“ machten uns das Leben schwer und die Kleider ein weiteres Mal nass. Der Kraterrand war heiss, es roch leicht nach Schwefel. Leider wollte uns der Vulkan heute auch keinen Blick in sein Inneres, in den Krater gewähren. Die „Gipfelfotos“ zeigen den schlechten Durchblick in dieser Situation.

 

Nach weiteren 2.5 Stunden sind wir ziemlich erschöpft unten angekommen – der Abstieg hatte es in sich. Trotz dem Krampf hatten wir eine schöne vulkanische Erfahrung gemacht. Eines blieb uns hier ein wiederholtes mal haften:

Vulkane sind nicht nur zerstörerische Ungetüme, die Leid und Armut entstehen lassen, sie bilden oft auch Grundlage für Leben – für faszinierendes Leben, wie hier auf der Isla Ometepe.

 

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