Kingdom of Mustang

Kingdom of Mustang – das Tor zu Tibet

[10. – 24. Mai 2016]

Nie hatten wir von einem Königreich namens Mustang gehört. Zumindest nicht vor dem Explora-Vortrag von Manuel Bauer. Seine eindrücklichen Fotografien und die Geschichten, welche er damit erzählte, brannten sich in unsere Köpfe. Die Geschichte vom Dorf Sam Dzong, dessen Bewohner von der Klimaveränderung betroffen sind, schärfte unser Bewusstsein für diese tibetisch geprägte Region. Zwei Jahre später war die Zeit gekommen, um uns selber in diese hochalpine Wüste zu begeben, um zu Fuss diesen einzigartigen Lebensraum erkunden zu können. 204km wanderten wir in 13 Tagen, 5000m Aufstieg und wieder runter.

Daneben ist Nepal für uns eine Herzensangelegenheit, nachdem wir schon Mal zwei Monate dort „gelebt“ und uns wie Zuhause gefühlt hatten. Ein Ort, welcher ganz andersartig ist als dort, wo wir geboren wurden. Seit dem schweren Erdbeben in Nepal am 25. April 2015 hat sich unsere Solidarität mit dem Land und seiner Bevölkerung noch verstärkt. Auch deshalb wollten wir unbedingt wieder nach Nepal zurückkehren und waren gespannt, ob uns die wachsamen Augen des Boudha Stupa schon wieder ansehen würden.

 

@ Ujjwal, Subin, Kharananda & „father“ Graeme

What we have written on paper during the trek, you can finally read an electronic version of. It’s a simbiosis of our two diaries. During more than two weeks you was wondering, what we were writing about in our small notebooks – and now we finally finished it, the great Mustang-bible! How you was always laughing about, and in which you play a leading part. Hope, you won’t be disappointed because of your great expectations!

To read the text in english, you can choose on the right side other languages – hopefully you can unterstand the translation of our „swissgerman-writing-style“!  The comments of the pictures are in swiss-english!

 

Exkurs über die Diaspora Tibet

In einem anderenVortrag von Manuel Bauer bestaunten wir seine Berichterstattung unter anderem von seiner Begleitung eines Tibetischen Vaters mit seinem Kind auf der Flucht vor der chinesische Unterdrückung in Tibet. Eine Flucht über die hohen und abgelegensten Pässe des Himalaya nach Nepal und oftmals danach nach Indien, ist bis heute mit unbeschreiblich hohem Risiko verbunden. Nicht nur die naturbedingten Gefahren gegeben durch sehr abgelegenen Täler, Pässe und Gebirge mit unberechenbarem Wetter und türkischen Gletscherpassierungen, sondern auch die äusserst stark bewachte Grenze bilden eine grosse Gefährdung von Leib und Leben der Tibeter. Es gibt Aufzeichnungen von Beschiessung der Flüchtlinge auf dem Grenzgebiet. Manuel Bauer selber ist Fotograf und beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit der durch China erzwungenen tibetischen Diaspora, die bis heute unter schweren Bedingungen anhält. Tibet gilt seit 1951 als besetztes Gebiet durch die Volksrepublik China. Die völkerrechtliche Anerkennung dieses Sachverhalts ist bis heute sehr umstritten. Die Religions-, Kultur- aber insbesondere auch die Bewegungsfreiheit vieler Tibeter ist massiv eingeschränkt. Unterdrückung von Kultur und Religion gehören zur Tagesordnung.

 

Die Nervenprobe

Kathmandu –Pokhara

[10. Mai 2016 – Day 1]

Noch in Kathmandu. Wir waren draussen am vegetable fried rice essen, als plötzlich die ersten Donner zu vernehmen waren, die immer lauter und stärker wurden. Der Himmel über uns verdunkelte sich zunehmendst, Weltuntergangstimmung! Beim Abschied von Lakpha im Guesthouse baten wir sie, für uns die Daumen zu drücken. Und, dass wir heute vielleicht wieder zurückkehren würden…

Auf dem Weg zum Kathmandu Tribuvan Airport fing es zu regnen an und beim Aussteigen erwartete uns ein  sinflutartiges Gewitter. Wir hatten wenig Hoffnung, dass wir heute noch nach Pokhara fliegen würden. Umso überraschter waren wir, als man uns beim Einchecken offenbarte, dass wir in fünf Minuten boarden sollten, mehr als eine Stunde vor eigentlicher Abflugszeit. Die Piloten hatten wohl Aussicht auf eine Lücke in der Schlechtwetterfront. Gepäck und wir beide wurden gewogen – on air mit diesem kleinen Propellerflugzeug schien eine enge Angelegenheit zu sein, alles musste kalkuliert sein. Draussen hatte es nun glücklicherweise aufgehört zu regnen und auch der Himmel hatte sich etwas gelichtet. Nun standen wir da auf der Startbahn, der Pilot gab vollen Schub, stand aber noch auf den Bremsen. Erst dann kamen wir relativ schnell in Bewegung. In den beiden Einzelreihen sassen wir nur durch den schmalen Gang getrennt nebeneinander, konnten aber nicht miteinander sprechen, da die beiden Propeller neben uns ohrenbetäubenden Lärm verursachten.

In der Luft, in diesem kleinen Propellerflugzeug mit bescheidenen 20 Sitzplätzen inklusiv Besatzung fühlt man sich vernichtend klein und ist den herrschenden Naturkräften völlig ausgesetzt. Der erste Teil des Fluges war dann erstaunlich ruhig, doch die ersten Turbulenzen liessen nicht lange auf sich warten. Die Flügel bewegten sich von der einen auf die andere Seite, wir wurden alle durchgeschüttelt und die Motoren heulten immer wieder auf. Die Piloten, nur ca. zwei Meter vor uns sitzend, machten allerdings einen souveränen Eindruck auf uns, mussten aber sichtbar einigen Effort leisten, um den Flieger unter Kontrolle  zu halten.

Wir atmeten erst wieder tief durch, als wir auf der Landebahn in Pokhara aufgesetzt und auf eine vertrauenswürdige Geschwindigkeit reduziert hatten.

Wegen dem früheren Start waren wir über eine Stunde früher in Pokhara als geplant. Wir fanden selber zum Green Tara Hotel, wo wir unserem Guide Ujjwal und unserem australischen Trekking Mate Graeme über den Weg liefen. Später trafen wir uns noch für ein kurzes Briefing und lernten beim Nachtessen Graeme kennen.

 

Spektakuläre Sicht und erste Bekanntschaft
mit dem Wind

Pokhara –Jomsom –Kagbeni

[11. Mai 2016 – Day 2]

Es war erst 5.15 Uhr, doch die nächste Mutprobe wartete bereits auf uns. Ein weiterer Propellerflug, wieder mit Simrik Airlines, mit dabei waren diesmal noch Ujjwal, unser Guide, Subin (Träger und Koch) und Graeme, unser australischer Trekking Mate. Zu Hause hatten wir nach sorgfältiger Recherche Simrik Air ausgewählt. Erst im Februar war eine Maschine von Tara Air auf dieser Route abgestürzt – wohl wegen schlechter Sicht und plötzlichem Wetterumschwung. Wie nun aus den Medien zu vernehmen war, war der Propellerflieger überladen gewesen. Deshalb legte man wohl nun auf die Beladung ein grösseres Augenmerk.

Nach der Frühstücksbanane und dem Mangosaft stiegen wir mutiger als gestern an Board derselben Maschine, mit gleicher Besatzung wie noch am Vortag. Und tatsächlich hatten wir heute gutes Flugwetter erwischt. Wir alle waren fast ein bisschen enttäuscht, als wir knappe 20 Minuten später bereits in Jomsom wieder sicher auf dem Boden aufsetzten. Denn aus der Vogelperspektive wurden wir für unseren Mut mit einer spektakulären Sicht über das besiedelte Pokhara belohnt, die mäandrierenden Flussläufe, die eingekerbten Täler, die schnee- und eisbedeckten 7000er, den immensen Dhaulagiri zu unserer Rechten und die kunstvoll angelegten Terrassenfelder, welche einen wunderbaren Kontrast zu den trockenen, beigen Berghängen hergaben. Das lebendige Grün leuchtete in voller Pracht!

Jomsom erkannten wir sofort wieder. Seit unserem letzten Stopp waren zweieinhalb Jahre vergangen. Kharanandar, ein zweiter Träger stiess zu unserer Gruppe hinzu.

Die erste kurze Tagesetappe zu Fuss sollte uns von Jomsom aus bis nach Kagbeni führen. Kagbeni ist ein belebtes Dorf, welches oft auch von Trekkern, die von der Annapurna Umrundung kommen, auf deren Rückweg nach Jomsom besucht wird. Kagbeni ist Talaufwärts das Tor zu Upper Mustang. Ab hier werden die Tage gezählt, in denen man sich in Upper Mustang aufhält und das Mustang Permit bezahlt.

Königreich Mustang

Das ehemalige Königreich Mustang, auch Upper Mustang genannt, liegt im zentralen Norden von Nepal an der Tibetischen Grenze und erstreckt sich über eine Fläche von rund 2200Km2. Das heute zu Nepal gehörende Gebiet bildet den Talabschluss des Flusses Kali Gandaki, der eine der tiefsten Schluchten der Welt bildet und die Gebirgszüge des Dhaulagiri und des Annapurna-Massivs in nord-südlicher Richtung durchschneidet. Die Anziehungskraft des ehemaligen Königreiches bildet die bis heute authentische tibetische Kultur, die objektiv mit relativ geringem Einfluss wahrgenommen werden kann. Neben der imposanten Bergwelt des zentralen Himalayas bildet dies sicherlich das Rückgrat einer Reise nach Mustang.

Etwa gegen 8.00 Uhr wanderten wir los Richtung Osten, drehten später gegen Norden ab. Wir folgten dem breiten, mit abgerundeten Kieselsteinen gefüllten Flussbett des Kali Gandaki. Der Fluss selbst war in dieser Saison höchstens ein bescheidener Bach, der sich oftmals mehrarmig über die Ebene schlängelnd einen Weg sucht.

Kali Gandaki
Der Kali Gandaki – ein heiliger Fluss für Hindus – ist in seiner Eigenschaft einzigartig. Nur dieser fliesst von der Wasserscheide auf der Grenze zu Tibet (tibetisches Plateau) auf der ganzen Linie quer, d.h. Nord-Süd durch den gesamten Himalaya. Erst bei Bharatpur, nur wenige Kilometer nördlich der indischen Grenze fliesst er in den Gandak River und bei Patna – einer Stadt im indischen Bundesstaat Bihar – in den Ganges. Seine Durchquerung des grössten Gebirgszuges der Erde entstand bei der Hebung des Himalayas, die erst 40-50 Millionen Jahre vor dem heutigen Tage begann. Der indische Subkontinent ist seit der Kollision um weitere 2000Km in den eurasischen Kontinent hineingefahren, was zu einer unwahrscheinlich hohen Hebungsrate des himalayischen Faltengebirges führte und immer noch andauert. Der Indus und der Ganges sind dem ähnlich, doch fliesst der Indus quer, d.h. nicht nord-südwärts und der Ganges entspringt im Oberlauf des Himalayas, quert also nicht den ganzen Himalaya. Im englischen Sprachgebrauch wird im übrigen von „the Himalayas“ gesprochen, was – differenzierter als im germanischen – Gebirgslandschaften des Himalayas klassifiziert in eben den Himalaya (das Hochgebirge) und den Transhimalaya (dem „Vorhimalaya“, der sich auf dem tibetischen Plateau befindet). Hima bedeutet in Sanskrit Schnee und alaya Ort oder Wohnsitz. Der Kali Gandaki hat es demnach geschafft, die Hebungsrate mit einer höheren Erosionsrate zu bewältigen. Dadurch konnte er den Abfluss nach Süden erhalten, was für die Existenz von Leben gerade im oberen Talbereich sicher von Bedeutung ist. Die Grenze zu Tibet bildet überdies die Wasserscheide zwischen Yarlung Tsangpo (bzw. Brahmaputra im Unterlauf) und dem Kali Gandaki. Alle Flusssysteme, Ganges, Gandaki und Brahmaputra sind für Hindus und Buddhisten heilig aber auch Lebensgrundlage für mehrere 100 Millionen Menschen in den Ländern Tibet, Nepal, Buthan, Indien, Burma und Bangladesch. Die Länder, bzw. deren Entscheidungsträger müssen für die Flüsse und deren Nutzung Sorge tragen, denn sie sind die Lebensader für einen grossen Teil der Weltbevölkerung.

Wir erreichten nur rund 2.5 Stunden nach dem Abmarsch in Jomsom Kagbeni. Die Steinhäuser sind eng aneinander gebaut – nur als Ganzes sind sie geschützt vom starken Wind, den sie jeden Tag über sich ergehen lassen müssen.

Der enorme Talwind sollte ständiger Begleiter unserer Reise nach Upper Mustang werden. Mustang, ein breites und sehr langes Tal ist wie ein Labor für Windforscher, insbesondere des Phänomens des Tal- und Bergwindes. Der Talwind entsteht üblicherweise in langgezogenen Tälern. Gegeben durch die grössere und im Tagesverlauf frühzeitigere Flächenbestrahlung an den oberen Talflanken erwärmt sich die Erdoberfläche am Vormittag in den Tälern schneller als im Flachland, bzw. ab dem Talausgang. Gegeben durch das geringer zu erwärmende Luftvolumen und durch die grössere Fläche steigt die Luftmasse im Sinne des thermischen Aufstiegs im Tal schneller an, was zu einem tiefen bodennahen Luftdruck führt. Dieser Druck will kompensiert werden. Dadurch entsteht ein Sog, wodurch die relativ dazu im Tief- bzw. Flachland vorherrschenden Hochdrucksysteme die überflüssigen Luftmassen gegen den Tiefdruckbereich entsenden. Im Gandakital führt dies zu straken Winden, die vom unteren Tal her gegen das tibetische Plateau ziehen und üblicherweise zwischen 10.00 Uhr und Mittag ihren Anfang nehmen.

Auch die Felder sind von hohen Mauern umgeben, gebaut aus runden Flusssteinen und Lehm. Über Steinplatten führen enge Pfade zwischen den Häusern hindurch, unter dem Chörten (tibetische Bezeichung der Stupas) des Dorfes hindurch entlang einer langen Mani-Mauer, gesäumt mit Gebetsmühlen, die wir natürlich allesamt in Bewegung bringen. Der Yak-Donalds, welcher erwartungsgemäss Yak-Burger serviert, lässt uns etwas schmunzeln. Am Dorfende finden wir das Applebee’s, welches wunderbaren Kaffee serviert und zudem eine fantastische Aussicht auf das weitere Kali Gandhaki Tal zu bieten hat.

wonderful place on earth.. we're looking foreward to hike through the Transhimalaya!

wonderful place on earth.. we’re looking foreward to hike through the Transhimalaya!

Die Rinder und Kälber laufen wie überall in Indien und Nepal frei herum, währenddem die Ziegen in einem Teil des Innenhofs openair eingesperrt sind. Im New Annapurna Hotel schlafen wir nachts, da wir nicht sicher sind, ob unser Zelt genug aerodynamisch wäre, um diesem Wind Stand halten zu können.

 

 

von Kagbeni nack Chuksang bis nach Chele

bezaubernde Farbkontraste, grün-leuchtende Gersten- und Buchweizenfelder vor wüstenartigen Berghängen, rauschender Kali Gandaki als Lebensquelle für diesen trockenen Flecken Erde

[12. Mai 2016 – Day 3]

Nach Frenchtoast traten wir vor unser Guesthouse, frische, reine Luft stieg uns in die Nasen. Noch war es windstill. Wieder gingen wir der langen Dorfmauer entlang, vorbei an den vielen, unterschiedlichen Gebetsmühlen. Noch etwas in uns gekehrt vom tiefen Schlaf drehten wir diese wie in Trance.
Überrascht waren wir von der Tatsache, dass ein Track, befahrbar von Jeeps und von Bussen nepalesischer Art, bereits Jomsom mit Lo Manthang und weiter mit der tibetischen Grenze verbindet. Wir wussten, dass dies kommen würde und deshalb wollten wir unbedingt noch vorher nach Mustang. Jetzt waren wir zu spät. Doch wir waren uns sicher, dass dieses Tal trotzdem noch viel bieten und für uns einige Entdeckungen bereithalten würde. Bereits dieser erste Wandertag sollte uns nicht enttäuschen. Wir wanderten am breiten Flussbett an der rechten Seite entlang, genossen die wunderbaren Temperaturen. Im Sediementgestein war ein breiter Pfad eingekerbt, welchem wir folgten. Die bizarren, eindrücklichen Gesteinsformationen waren völlig andersartig, wohin man seinen Blick zuwandte. Made by wind and rain! Wolken zogen über uns hindurch und hinterliessen ein wandelndes Muster an den Berghängen. Je nach Lichtintensität erstrahlten die Felsen in anderen Farben. Wir betrachteten nicht eine starre Landschaft, nein, durch das Lichtspiel schienen sich die eigenartigen Türme, wellenartigen Gesteinsschichten und die tiefen Canyons zu bewegen, verschwanden im Schatten, um im nächsten Augenblick wieder in den Vordergrund zu treten.

Die Erdoberfläche wird in diesem Gebiet von der Winderosion, aber vor allem auch massgebend durch die seltenen Niederschläge in Form von Regen und bescheidenem Schneefall im Winter geprägt. Aus der Nähe betrachtet entdecken wir, dass der flüssig werdende Lehm in Kontakt mit Wasser fliesst – die Erde formt somit diese Strukturen aus.

Im Dorf Chuksang war in der Küche des Guesthouses, wo wir zu essen gedachten, ein übler Streit zwischen zwei Frauen im Gange. Auch unsere Präsenz mochte sie nicht davon abzubringen. Fried Rice und Dal Baht schmeckten trotzdem sehr gut.

Nachmittags folgten wir 45 Minuten der „Road“ entlang des Kali Gandacki, überquerten das Kieselstein-Flussbett über eine Brücke, was sich als kleine Herausforderung entpuppte. Nachmittags bliess der Wind ohne Erbarmen, die Böen waren tükisch und man musste allseits parat sein, um sich auf den Beinen halten zu können. Vormittags hatte uns der Wind bereits einen Streich gespielt. Graeme’s Hut war durch eine Böe weggeblasen worden, kam 1-2 Mal auf dem Boden auf, bevor er in der tiefen Schlucht verschwunden war. Doch wir hatten nicht aufgegeben, spurteten um die Kurve und blickten gespannt nach unten. Der Hut war ungefähr 10 Meter tiefer unten, fliegend.. nachdem dieser von einer nächsten, kräftigen Windböe wieder den Canyon nach oben geblasen wurde und ihn wieder packen konnten, mussten wir uns vor Lachen die Bäuche festhalten.

Nach einem kurzen Aufstieg kamen wir bereits im Dorf Chele an. Von der Terrasse des Guesthouses überraschte uns ein bezaubernder Blick, wohin man auch schaute. Wir machten es uns bequem und plauderten den ganzen Nachmittag, die Szenerie stets im Blick.

impressive contrasts of colours, structures, live & death materials

impressive contrasts of colours, structures, live & death materials

Bei einem abendlichen Gang durchs Dorf wehte der Wind erstmals kalt und wir packten unsere Mützen aus. Tief hatte sich der zurzeit zahme Kali Gandaki durch den Fels gefressen – ein beeindruckender Canyon war zurückgeblieben. Wir erinnerten uns erstmals daran, im Transhimalaya unterwegs zu sein. Dem Ort, wo sich Wasser mit all seiner Kraft einen Weg durch das unendlich grosse Gebirge gesucht hatte. In Mustang waren wir nun im Regenschatten des Himalaya unterwegs.

In der Stube für die Gäste genossen wir frische steamed und fried Momo’s – mit Gemüse gefüllte, ursprünglich tibetische Teigtaschen mit einer hausgemachten, scharfen Sauce.

 

 

Besuch bei einem Höhlenmönch

Chele –Samar –Chungsi Cave – Syangboche

[13. Mai 2016 – Day 4]

Ein abwechslungsreicher, strenger und amüsanter Wandertag über wilde Pfade und hinab in einen tiefen Canyon erwartet uns heute. Über Pässe, durch Täler wie auf dem Mond, vorbei an Felsgeistern, die wir beim Vorbeigehen respektvoll mit gefalteten Händen und „Tashi delek“ grüssen. Weit über unseren Köpfen befinden sich unzählige „Caves“, die zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden wie Meditation von den Mönchen oder als Begräbnisstätte – es wurden jahrtausendalte Schädel gefunden. Die „Höhlen“ wurden in schwindelerregenden Höhen gegraben – sie sind oft der einzige Beweis, dass diese Gegend bereits vor mehreren hundert Jahren bereits bewohnt waren.

In Samar essen wir bei einer Tibeterin in traditioneller Kleidung und wunderschönen, tibetischen Gesichtszügen mit langen tiefschwarzen Haaren. Die überaus saubere und ordentliche Küche beeindruckt uns. Da wir erst 2.5h unterwegs waren, assen wir nur eine Gemüse-Thukpa, eine tibetische Nudelsuppe.

Statt der „Road“ folgend zweigen wir einmal mehr auf einen Umweg ab. Nach einem Pass über einen Gebirgskamm (von denen gibt es hier so einige) und Marsch abwärts durch ein weiteres Mondtal kommen wir nach einem weiteren, kurzen aber nahrhaften Anstieg zu einem Cave, in welche die Dorfbevölkerung von Syanboche ein Kloster (Chungsi Cave) errichtet hat. Ujjwal meint, er habe hier noch nie einen Mönch angetroffen und dass deshalb die Türen meist verschlossen seien. Zu unserer Überraschung ist die Holztür halb offen, durch welche wir eintreten und uns vorsichtig umsehen. In einem kleinen Innenhof ist vor einem Regal mit Kochutensilien eine stoffige, schmutzige Yogamatte ausgelegt, davor stehen moderne Jogging-Schuhe. Plötzlich begrüsst uns ein junger Mönch mit einem breiten scheuen Lächeln, von einem Balkon aus. Er kommt sofort zu uns runter und will, wie alle Menschen in diesem Kulturkreis sofort wissen, von wo wir kommen und wohin wir gehen. Er sprach fliessend Englisch und war überaus erfreut über den unangemeldeten Besuch aus Europa, Australien und Nepal. Der Mönch war als tibetischer Flüchtling nach Bhutan gekommen, später nach Nepal migriert. Für ein paar Jahre hatte er in Australien gelebt, in Interlaken war er auch schon. Tief beeindruckt waren wir, wie das Tagesprogramm des Höhlenmönchs aussah. Von 3-6.00 Uhr und von 18-21.00 Uhr meditierte er, allein in dieser Höhle, weit und breit kein Mensch. Kaum jemand von uns vier hätte diese Einsamkeit und Abgeschiedenheit für länger als eine Woche ausgehalten – ausser Ujjwal vielleicht. Gemäss der buddhistischen Kultur wird dem Kloster erst Leben eingehaucht oder Spiritualität verliehen, wenn es von einem Mönch bewohnt wird. Als Gegenleistung bekommt er regelmässig Besuch von den Dorfbewohnern von Syanboche, die ihm Essen und Kleidung bringen. Eine wunderschöne Symbiose, wie wir finden! Er lässt uns fast nicht mehr weiter ziehen…

Spät kommen wir in Syanboche an. In unserem Guesthouse ist eine „Purification-Ceremony“ – eine spirituelle Hausreinigung im Gange, welcher wir kurz beiwohnen dürfen. Mönche sitzen im Lotussitz und brummen zusammen ihre Gebete, trinken ab und zu vom Buttertee, der ihnen im Übermass jeweils sofort wieder in die Tassen vor ihnen nachgeschenkt wird. Dämonen sollen damit vertrieben werden, dem Haus Glück, Einkommen und Segen bringen.

 

 

Die längste Mani-Wall voller Dämonen-Eingeweiden und ein blutiger Fels

Syangboche –Ghami – Dhakmar

[14. Mai 2016 – Day 5]

Auch wenn der Weg uns heute ganztags der trotzdem noch abenteuerlichen Kiesstrasse entlang führt, kommen wir so an Dörfern vorbei, wo sich das Leben abspielt. Wir geniessen den Small-Talk mit den Menschen, betrachten uns gegenseitig mit grossen Augen. Diese Begegnungen möchten wir nicht missen, da wir immer wieder etwas über die Menschen hier erfahren. Natürlich ist Ujjwal unser Vermittler, ohne ihn wäre dies viel schwieriger. In Jaite lockt uns ein „Illy-Coffee-Plakat“ in ein Haus. Die Kaffeemaschine ist leider nicht in Betrieb, den Organic Himlayan Coffee geniessen wir trotzdem.
Auf dem Nyi-La, dem Pass, brauchen wir einige Zeit, bis das „Pass-Foto“ im Kasten ist. Denn der Wind bläst uns stark um die Ohren und 10 Sekunden müssen reichen, um von der selbstauslösenden Kamera runter und dann hinauf zum Rest des Teams zu spurten. Als wir es endlich geschafft haben, ist die Freude umso grösser.
Ghami ist ein wunderprächtiges, idyllisches Dorf, welches in bunten Farben erscheint, einem Chörten, dessen Augen uns zu verfolgen scheinen, einer Mani-Mauer und Gebetstrommeln, die wir beim Vorbeigehen in Schwung bringen. Gerne wären wir hier länger geblieben, über Nacht, doch wir hatten im Sinn, noch nach Dhakmar zu kommen. Zwischen Dhakmar und Ghami ist zuerst, und an diesem wie jedem Tage wiederholend, eine tiefe Schlucht zu überwinden. Steil geht’s jeweils runter in den meist ausgetrockneten Bachlauf um auf der anderen Seite wieder im losen Geröll hoch zu steigen. Auf einer gegen Nordosten hin aufsteigenden Fläche steht dann die längste Mani-Wall von Upper Mustang.

Die Legende der längsten Mani-Wall von Mustang

In Tibet versuchte man den Samya-Gompa (Kloster) zu bauen. Doch die tags ausgeführten Bauarbeiten wurden jede Nacht von neuem wieder zerstört. Lamas träumten, dass ein bekannter Guru aus Indien das Problem lösen könnte. Dieser folgte der Einladung der Mönche nach Tibet. Auf seiner Reise kämpfte er mit seinen magischen Kräften gegen die Dämonen, als er endlich den Ort in Tibet erreichte, wo Samya-Gompa errichtet hätte werden sollen. Dort realisierte er, dass die Kräfte der Dämonen der Grund für die Zerstrung war. Er empfahl, zuerst ein Koster an dem Ort zu errichten, wo er ein Dämon getötet hatte – Ghar Gompa in Mustang. Erst danach konnte man ein Kloster – den Samya-Gompa in Tiebet erbauen. Deshalb findet man das älteste Kloster des tibetischen Buddhismus in Mustang – Lo Ghyekar Gompa – erbaut im 8. Jahrhundert, erst danach wurde Samya-Gompa errichtet. In dieser längsten Mani-Wall von Mustang sollen die Eingeweiden der getöteten Dämonen begraben worden sein. Die je nach Licht rot leuchtende Felsen bei Dakhmar seien beim Kampf mit dem Blut der Dämonen rot gefärbt worden sein.

Sie ist gegen Tibet ausgerichtet und rund 300m lang. Die Mauer ist in den für Mustang bestehenden Naturfarben angemalt. Gelb-weiss-rostrot. Die Route drehte gegen Nordwesten und wir sahen bereits von weitem die wunderbar in der Abendsonne leuchtenden roten, turmartigen Felsen. Das Farbspiel war ausserordentlich, vielfältig und unwahrscheinlich andersartig.

Im Banne dessen, den Blick kaum davon abgewandt, stiegen wir entlang des Dhakmar Khola hoch. Bei einer Bachtiefe mit gar leicht grünlicher Wiese grasten rund 50 Pferde, ohne Zaun – aber wo sonst wollten sie hin in dieser ansonsten wüstenartigen Landschaft. Wir gelangten nach Dhkamar, einem für hier nicht typischen, ausgesprochen langgezogenem Dorf. Ganz oben im Dorf fanden wir unsere Unterkunft, sehr schlicht, dunkle Küche mit irrsinnig viel Rauch beim Kochen. Weil wir das Zelt dabei hatten, fanden wir heute einen wunderbaren Platz direkt unterhalb der blutigen Felsen, aber mit sicherer Distanz dazu. Beim Zeltaufbau leuchtete der Hintergrund in der Form dieser Felsen wie ein dunkelroter Sonnenuntergang.

Das Essen war gut, auch wenn die Kochbedingungen wirklich marginal sind. Doch Subin dirigierte die Lopa Frau gekonnt und wachte über dem Kochen der Speisen für uns, damit unsere sensiblen Mägen nicht zu Schaden kamen.

Lopa und Upper Mustang
Mustang war ein Königreich im Himalaya. Es liegt zwischen den nepalesischen Distrikten Manang, Myagdi und Dolpo und grenzt im Norden an Tibet. Mustang umfasst über 2500Km2 und liegt über 2500m bis hin zu etwas mehr als 6000m über Meer. Das Königreich wurde um 1400 durch den König Ame Pal gegründet und von Mustang, so beschreiben es die lokalen religiösen Sagen, ging erst der tibetische Buddhismus aus. Die Lopa schreiben Padmasambhava (Guru Rimboche) zu, dass er das Tal durch einen Kampf gegen die Dämonen befreit hatte, erst dann war es ihnen möglich, dass Kloster Ghar Gumpa oberhalb von Marang und Tsarang, zu bauen. Das Kloster soll im 7Jh. erbaut worden und damit eines der ältesten überhaupt sein. Die Bezeichnung für die Landesbewohner von  Mustang und Lo Manthang (Lo), der Haupt- und Regierungsstadt vom Königreich Mustang lautet Lopa. Die Lopa stehen in Sprache und Religion den Tibetern nahe. Die Sprache, auch Lowa genannt, bildet einen tibetischen Dialekt, der allerdings nur so verschieden ist, dass sie sich mit den Tibetern verständigen können. Die Sprache wird von rund 7.500 Menschen gesprochen. In Upper Mustang leben rund 6000 Einwohner in rund 32 Siedlungen. Das Gebiet war zu Zeiten des tibetischen Widerstandes für viele Khampa-Kämpfer (Khampas haben den Widerstand gegen die Volksrepublik China massgeblich geprägt) ein Fluchtort. Wegen sehr schwierigen Wetterbedingungen im Winterhalbjahr haben viele Lopa heutzutage meist eine Zweitresidenz. Oft entweder in Pokhara oder Kathmandu.

Das Königreich wurde Ende des 18. Jahrhunderts durch Nepal annektiert, blieb aber bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts autonomes Territorium. Durch die Besetzung Tibets durch die Volksrepublik China sank die Bedeutung der Handelsroute zwischen Tibet und Nepal, weil es den Tibetern nicht mehr gestattet war, diese Grenze zu überqueren. Damit büsste das Königreich seine Autonomie ein und wurde in den Bundesstaat Mustang einverleibt (Verwaltungsort ist heute Jomsom). Der König Jigme Palbar Bista, Thronfolger von Ama Pal in der 25. Generation geniesst bis heute hohes Ansehen und verfügt über Entscheidungsmacht, weil die Bevölkerung diese einfordert. Der mittlerweile sehr alte König lebt heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Lo Manthang.

 

 

 

über sieben Pässe zum langersehnten Lo Manthang

Dkakmar –Ghar Gompa –Lo Manthang

[15. Mai 2016 – Day 6]

Heute würden wir Lo Manthang, diesen mystischen Ort zuoberst in Mustang erreichen. Deshalb starteten wir mit viel Enthusiasmus. Dies war auch von Nöten, den bereits als „Morgenturnen“ stieg der Weg steil in eine schuttige Flanke, dessen Haupt spitzig zum Himmel ragende Türme sind. Wir zogen stetig hoch und bald mal hatten wir eine unwahrscheinliche Sicht auf die Annapurnakette. Annapurna I ragt in der Mitte von zig Eisriesen heraus, davor der Tilicho Peak und rechts daneben der sehr formschöne Nilgiri North mit seinen gigantischen Nordwänden.

Full of enthusiasm today, because in the evening we will reach Lo Manthang, the capital of the kingdom of Mustang

Full of enthusiasm today, because in the evening we will reach Lo Manthang, the capital of the kingdom of Mustang

Wir kamen auf die Anhöhe, auf welcher uns die Sonne direkt ins Gesicht schien, streiften weiter auf gutem Wege und gelangten leicht erhöht auf den Nui La Pass auf 4042m. Dort sahen wir nicht Lo Manthang, dafür aber ein weiteres tiefes Tal, dass uns von einem weiteren hohen Pass von Lo Manthang trennte. Unten im Oberbereich des Tals liegt das alte Kloster Ghar Gompa, oberhalb der Dörfer Marang und Tsarang. Die Dörfer sind jeweils von weitem erkennbar, denn ihre Bewirtschaftungsflächen sind zu dieser Jahreszeit in frisches, saftiges Grün gedünkt. Der Anbau der Lopa beschränkt sich vor allem auf Barley (Gerste), Wheat (Weizen), später in der Saison Buckwheat (Buchweizen), Kartoffeln und andere Gemüse wie Spinat, Bohnen, Retich und Kohlgewächse. Im Ghar Gompa essen wir nach dem Besuch des Klosters selber eine Thukpa (tibetische Nudelsuppe) und schauen den vielen Lopa zu, wie sie auf dem Klosterplatz den etwas maroden Lunga abmontieren, ein „Pfosten“ behängt mit vielen Gebetsfahnen. Gespannt folgen wir dem amüsanten Schauspiel, bei dem auf allen Dächern rund herum Männer stehen, ein gespanntes Seil zum ca. 6m hohen Holzstamm in der Hand und eine Gruppe von Männern, die am Boden langsam den Lunga auffangen. Die Kommunikation funktioniert mässig gut; zeitweise hält fast niemand mehr am Pfosten fest, da jeder etwas gestikuliert und Anweisungen zum Abbau gibt.

Danach steigen wir in einen weiteren, tief eingekerbten Bachlauf und danach in einem kleinen Tal hoch auf den höchsten Punkt unserer Reise. Auf dem Chogo La 4280m weht der Mustang-Wind mit aller Kraft. Längst haben wir uns daran gewöhnt – mehr oder weniger. Zwischen 10- 12h kommt er jeden Tag verlässlich schleichend daher und begleitet einem dann für den Rest des Tages. Der aufgewirbelte Sand in dieser hochgelegenen Wüste dringt in Augen, Nase und Mund – die extreme Trockenheit macht uns manchmal etwas zu schaffen.

Chogo La 4280m - the highest point of our way to Lo Manthang

Chogo La 4280m – the highest point of our way to Lo Manthang

Wandernd unterwegs bleibt viel Zeit zum reden. Unsere Fragen zu Naturphänomenen, Anbau von Kulturpflanzen in einer Wüste, Religion, Kultur, Lebensweisen der Lo, Buddhismus, Legenden, historische Hintergründe der Region, Geographie, Geologie, Sozialstrukturen der Tibeter… Ujjwal hat fast auf jede Frage eine passende Antwort. Bei seinen Ausführungen schnappe ich eine interessante Aussage von ihm auf:

„You can’t separate the religion, culture and nature to appreciate Upper Mustang!“
(Ujjwal Tiwari)

Je länger wir darüber nachdenken, desto besser verstehen wir diese tiefgründige Aussage.

Gespannt wie ein Pfeilbogen ist Lo Manthang immer noch nicht im Blickfeld. Erst nach einer weiteren Stunde, wieder auf einen Rücken hochgestiegen, finden wir uns auf einem weitsichtigen Punkt und können Lo Manthang erspähen. Langsam aber sicher fühlen wir uns als Bestreiter eines Bergmarathons. Eine weitere Marschstunde trennt uns noch immer von Lo.

Und dann sind wir endlich da, nach 6 Tagesmärschen. Lo Manthang ist eine befestigte Stadt rund um 3 Kloster und einen hohen Palast gebaut. Der über 600 Jahre alte Palast ist fünfstöckig und damit aus der Kleinstadt herausragend. Die Wege durch die Strasse sind zum Teil äusserst schmal, was eine sonderbare Stimmung aufkommen lässt. Die Stallungen für die Ziegen und Pferde sind in der Regel im Untergeschoss der Häuser. Damit entsteht ein morgendlicher und abendlicher Viehumzug durch die engen Gassen. Bereits nach Ankunft machten wir uns auf eine erste Erkundungstour durch die Strassen Lo Manthangs. Das Städtchen besitzt nur etwas mehr als 500 Einwohner und ist aber kulturelles Zentrum von Mustang. Wir geniessen das Umherflanieren in den engen Gassen und damit im Schutze des Windes.

 

Lo Manthang

Lo Manthang around – Monasteries (Klöster)

[16. Mai 2016 – Day 7]

In Lo Mantang schlafen wir erstmals ein bisschen länger, jedenfalls bis die Sonne das aride Terrain etwas erwärmt. Der Morgen ist jeweils kühl, nie aber sehr kalt. Meist ist es windstill und die doch starke Sonne vermag die Erdoberfläche meist schnell zu erwärmen. Nach einem leckeren Kaffee aus der Illy-Kaffeemaschine (leider ein bisschen CO2-beladen, da sie für deren Betrieb den Dieselgenerator in Betrieb nehmen müssen) und Omelette ziehen wir in die Stadt, die wir via das sich im Nordosten befindende Maingate betreten. Gegen rechts durch ein paar Gassen und enge Gänge erreichten wir zuerst das Jampa Gonpa (Kloster). Es ist das höchste Kloster in Lo Mantang und wurde im 14 Jh. zur Gründungszeit des Königreichs erbaut. Die inneren Wände sind Abbild eines riesigen und vielfältigen tantrischen Mandalas. In der Mitte sitzt Jampa Chenp, ein rund 5m hoher Buddha (ein Zukunftsbuddha) in einer meditativen Pose. Der Buddha sitzt im eigentlichen Sinne im unteren Stockwerk, dass aber nicht betreten wird und reicht in seiner Grösse weit hoch bis unter das Dach der hoch gebauten zweiten Etage. Seine Gesamtdimension beträgt rund 10m in der Höhe und ca. 3m in seiner Breite. Der Raum ist ansonsten finster und die tantrischen Mandalas sind an den Innenwänden durchwegs als Wandmalereien sichtbar, jedenfalls wenn man die Taschenlampe verwendet. 

Danach wechseln wir zum Thupchen Gonpa, welchen man über eine Treppe gegen unten erreicht. Seine Wände wurden in einem Erdbeben im 17Jh. und ebenfalls im Erdbeben des letzten Jahres (2015) verunstaltet. Renovationsarbeiten sind seit mehreren Jahren im Gang. Ein grosser Teil der Rennovation wird durch die American Himalayan Foundation unterstützt. Man hat sich zum Ziel gesetzt, den sehr gläubigen Lopa ihren religiösen Lebensraum wieder zurückzugeben, ohne den Einbezug streng wissenschaftlicher Restauration durch Restauratoren und Wissenschaftler. Dies hätte schlicht und einfach zu viel Zeit weggenommen. Zeit, die den Lopa für die Gestaltung ihrer täglichen spirituellen Zeremonien fehlen würde. Die Wandmalereien sind aus Naturfarben, Gold und Silber. Heute werden die Farben als Rohmaterial (Stein, Korallen) im Ausland gekauft und im Kloster selber hergestellt. Die Steine, oftmals sehr reine Steine ohne viel Fremdstoffe, werden im Kloster selbst gemahlen und zu Farbe verarbeitet. Thupchen Gonpa stellt das religiöse Zentrum der Lopa dar, wo viele Prozessionen und Feste durchgeführt werden. Durch dessen grosse Halle können fast alle Lopa von Lo Manthang gleichzeitig teilnehmen.

Danach erreichten wir ganz im Norden, in der nordöstlichen Ecke der Stadt die Mönchsschule, wo junge Mönche in tibetisch/nepali/englisch und den ansonsten üblichen Fächern unterrichtet werden. Daneben steht das vergleichsweise kleine Kloster Dragkar-Thegchen Ling Gonpa. Dieses wurde im 13Jh. erbaut, allerdings nach einem starken Erdbeben und einem Vollbrand zerstört. Einzig die göttlichen Wesen (Statuen) konnten geretet werden und stehen im danach neu gebauten Chode Gonpa. Der Raum ist klein und nur vielleicht 20-30 Mönche können hierin ihre Schrifttafeln in lautem „Geraune“ ablesen und damit die buddhistische Lehre verinnerlichen.

Wir streifen den Rest vom Tag durch die Stadt und ausserhalb herum. Die Lopas sind nicht sehr kommunikativ und tagsdurch – vor allem die Frauen  – auf den Feldern. In dieser Jahreszeit sind die Gewächse oben in Lo Manthang noch ganz klein. Die Bewässerungssteuerung ist das grosse Anliegen der Lopas im Frühjahr. Ein ausgeklügeltes Bewässerungsverteilungssystem gewährt ihnen in Abhängigkeit von verschiedenen Zeiten den Zugang zu Wasser auf ihren Feldern.

Aus einer Lehmhütte dringt tibetische Musik nach draussen. Am nordöstlichen Dorfeingang von Lo Manthang wurden zwei neue Gebetsmühlen montiert – Grund genug, um das gebührend zu feiern. Wir wagen einen Blick nach drinnen…

 

 

 

Sam Dzong – ein Dorf ist umgezogen

Lo Manthang – Choser

[17. Mai 2016 – Day 8]

Choser ist eine Gemeinde, die mehrere Dörfer einschliesst und befindet sich nordöstlich von Lo Manthang. Es liegt auf dem Weg, der an die tibetische Grenze führt. Choser besitzt als quasi letzter Durchgangsort vor der Grenze zu Tibet mehrere Sehenswürdigkeiten. Zudem vereint es verschiedene Flüsse im Oberlauf des Kali Gandaki. Man erreicht Choser, wenn man dem Nhichung Khola folgt, eine breit auserodierte, aber flach abfallende Talsenke führt Richtung Osten, dann nach Norden. Der Bach führt relativ viel Wasser, welches je nach Jahreszeit weisslich verfärbt ist. Die Landschaft ist ansonsten geprägt von abgerundeten weissen Garaniten in wüstenartiger, sandiger Landschaft. Auch hier oben im Tal ist der Nachmittagswind ein sehr prägendes Element.

Wir erreichen Choser nach rund 2 Stunden gemütlichen Gehens und sehen dorfeingangs einen farbigen Chörten mit einer mittellangen Mauer. Wo sich das Tal entzweiet, gehen wir rechts gegen Osten und erreichen eine Ansammlung von Häusern mit vielen Caves (Höhlen) oberhalb im farbigen Felsen. Bei einem lokalen Dorfladen trinken wir einen Chai und werden dabei aufmerksam, wie uns eine Hand voll kleine Knöpfe mit gefalteten Händen „Tashi delek“ zurufen. Tashi delek ist ein tibetischer Gruss, heisst auch so viel wie „viel Glück“ oder „möge es dir wohlergehen“. Ich (Sarah) nähere mich, folge ihnen in den Innenhof des Kindergartens. Die 3 Kindergärtnerinnen sind überaus bemüht, die Wildfänge im Griff zu haben. Mit Händen und Füssen kommunizieren wir miteinander – sie sind sehr erstaunt, dass ich in meinem Alter noch keine eigenen Kinder habe. Sie geben mir ausserdem zu verstehen, dass sie gerne ihre Haut mit meiner tauschen möchten. Obwohl wir ungefähr im selben Alter sind, hat Sonne, Wind und Kälte ihre Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen. Dunkle, furchige Haut mit roten Wangen – im Kontrast funkeln ihre weissen Zähne. Gespannt schaue ich dem Treiben der aktiven Kinder zu. Sie tragen schmutzige Kleider, der Sand bleibt rund um die Rotznasen kleben. Nach einer Kennenlernphase wage ich die Kamera auf sie zu richten und mache ein paar Schnappschüsse. Einmal mehr geht mir auf dieser Reise durch den Kopf, wie unterschiedlich unsere beiden Welten sind und wie unglaublich hart ein Menschenleben hier auf 4000m Höhe sich präsentiert. Unter den harten klimatischen Bedingungen, wo Brennmaterialien zum Kochen und gleichzeitig heizen ein kostbares Gut ist und der Natur nur eine bescheidene Ernte abgeronnen werden kann. 

Als ich mich mit ebenfalls gefalteten Händen verabschiede, fragen mich die jungen Frauen für etwas Geld. Ich gebe ihnen einen kleinen Batzen. Noch als wir beim Chai (speziell zubereiteter Tee mit kleinen runden Kügelchen, Milch und einem Teebeutel aus asiatischer Würzmischung) sitzen, kauft eine der Kindergärtnerinnen 50 Eier im Dorfladen. Einen sinnvollen Einsatz, wie wir finden. Gegeben durch die klimatischen Gegebenheiten stecken in der produzierten Nahrung nur wenige Nährstoffe. Mangelernährung ist sicher ein latentes Problem und deshalb sind Eier wohl eine sinnvolle Proteinquelle für die Kleinen.

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they were calling "tashy delek" to invite us for a short visit..

They were calling „tashy delek“ to invite us for a short visit..

Die Frauen sind überaus herzlich, bedanken sich mit fast unheimlicher Freude auf diese kleine Geste hin. Wir verlassen den Ort und steigen dem Bachbett des Gheiche Khola entlang hoch entgegen der tibetischen Grenze. Nur unweit vom Dorf steigen wir auf eine Fläche ähnlich einem Fussballfeld und erreichen etwas darüber liegend die Niphu Caves. Dort erwartet uns bereits ein Mann, der uns Zugang zu den Höhlen gibt, hoch oben in den Felsen, die wir mittels einer Treppe erreichen. Die Niphu Caves sind in den annähernd losen Molasse-ähnlichen Felsburgen erbaut und sind zwischen 600-400 Jahre alt. Dieses Exemplar, einer allmählich in den Fels gemeisselten Stadt, ist siebenstöckig und besitzt mehr als 80 Räume. Hier lebten einst „Höhlenmenschen“. Aus den verschiedenen Räumen ist klar ersichtlich, dass darin gekocht, geschlafen und gewaschen wurde. Die einzelnen Etagen sind heute mit Holzleitern miteinander verbunden, früher stiegen die Menschen mitmasslich im teils losen Schotter hoch und wieder runter, ein nicht ganz ungefährlicher Wohnort.

Wir laufen zurück und queren das Bachbett zum farbigen Garphu-Monastrie, dass gemäss den Mönchen im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Die Literatur von Ujwall meinte zwar, dass die Erbauung im 18 Jh statt fand. Das Kloster steht auf einem sehr wackeligen Untergrund und ist auch mit einer Höhle verbunden. Darunter befindet sich eine Mönchsschule. Nach dem Besuch stiegen wir um die Felsen gegen Norden zu und erreichten das Niphu Monasterie, wo einige Frauen mit grossen Körben Granite abtransportierten. Das Niphu Kloster wurde im 15. Jahrhundert gebaut.

 

Sam Dzong

Bereits am Morgen hatten wir auf die andere Talseite nach Sam Dzong gespäht und waren erstaunt, dass wir keine Menschen sahen und der Ort offensichtlich unbewohnt war. Die Felder davor waren nicht angebaut. Dies besorgte mich zutiefst und ich liess nicht locker, auf dem Rückweg dort vorbei zu gehen. 

the houses of the village Sam Dzong on the new place

the houses of the village Sam Dzong on the new place

Durch den Schweizer Fotografen Manuel Bauer waren wir auf das Schicksal von Sam Dzong aufmerksam geworden. Manuel Bauer ist ein ausgezeichneter Fotojournalist. Nicht nur seine eindrücklichen und ästhetischen Fotografien packen einem, vor allem auch die Geschichten, die damit verknüpft sind. Sei es die Flucht tibetischer Kinder über 6000m hohe Pässe nach Nepal oder eben die Geschichte von Sam Dzong. Die Sam Dzongas sind Klimaflüchtliche. 

Der Dorfälteste hat eine interessante Erklärung für die klimatische Veränderung der letzten 30 Jahre und liegt damit gar nicht so falsch: „Die Menschen sind schuld. Sie gehen zu nahe an die Quellen und roden die Sträucher. Das ärgert die Geister der Quellen und sie lassen sie austrocknen.“ Ja, die Menschen sind schuld! Natürlich hat der Dorfälteste keine Kenntnis darüber, dass es am anderen Ende der Welt Industriestaaten gibt, die einen Lebensstil an den Tag legen, welcher an ganz anderen Ecken der Erde empfindliche Auswirkungen hat.  Kulturen wie jene der Sam Dzongas, die sich in marginalen Lebensräumen angesiedelt hatte, bekommen dies naturgemäss als erste zu spüren.

Keine Menschenseele im Dorf. Wir gehen von Haus zu Haus und drücken bei jedem unsere Nasen an die Fenster. Beinahe schon aufgegeben, öffnet sich beim einen Haus plötzlich ein Fenster. Überrascht gehen wir darauf zu und Ujjwal übersetzt die Fragen, die ich ihm aufgeregt ununterbrochen stelle. Sie berichten uns, dass sie in Abwechslung mit den anderen Familien hier eine Woche die neuen Häuser bewachen. Die Häuser wären zwar bewohnbar, doch ist die Bewässerung der Felder noch immer nicht gelöst und die von Findlingen gesäuberten Flächen konnten noch nicht bebaut werden. Aber nächsten Frühling würde alle hier her ziehen. Dies beruhigt unsere Sorge um das Projekt und wir werden zu einem Tee eingeladen. Wir setzen uns im Lotussitz auf die Matten am Boden und lassen uns von ihren Geschichten bereichern. Die Frau feuert den Ofen in der Hausmitte ein, mit einem langen Rohr pustet sie ihren Sauerstoff immer wieder in den Ofen, bis der Raum voller Rauch ist, und die intensiven, ätherischen Öle der getrockneten Sträucher uns zum weinen bringen. Wir müssen uns etwas im Zaum halten, damit wir nicht laut drauflos lachen und womöglich einen respektlosen Eindruck hinterlassen. Gerne machen wir eine kleine Hausführung – neben der Küche und dem Eingangsraum, der wohl auch als Vorratskammer dienen wird, steigen wir über eine Holzleiter auf das Dach. Wie überall im tibetischen Kulturraum sind die Dächer Flach, da es auch auf der tibetischen Hochebene kaum Niederschlag gibt und auch im Winter nicht meterweise Schnee fällt. Auf dieser zusätzlichen Fläche werden Sträucher und Dung der Tiere getrocknet, ebenfalls später die Ernte. 

drinking a tea with a family in Sam Dzong

drinking a tea with a family in Sam Dzong

Bis das Teewasser gekocht ist, vergeht bestimmt eine Stunde. Aber wir werden mit Reispopcorn verköstigt und die Dankbarkeit unseres Besuchs und der Unterstützung aus der Schweiz wegen ist überaus gross. Herzlich und selbstverständlich werden wir bewirtschaftet und ein grosser, herzzerreisender Dank mit gefalteten Händen kommt uns entgegen, als der Tee endlich serviert wird. Wir hoffen sehr, dass die Siedlung bewohnbar, bzw. die Bewässerungsanlage bald möglichst gebaut wird, dass die Bewohner von Sam Dzong und vor allem die jüngste Generation ihr Leben da weiterführen können, mit dem Segen von Manuel Bauer und dem König von Mustang. 

 

Links zu Sam Dzong:
aktueller Dok auf SRF: die Weltverbesserer mit Manuel Bauer, dessen humanitäres Projekt verfolgt wird – sehr empfehlenswert!

http://www.srf.ch/sendungen/weltverbesserer/die-weltverbesserer/die-weltverbesserer-folge-1

http://samdzong.org/

http://www.greenpeace.org/switzerland/de/News_Stories/Newsblog/fotoausstellung-manuelbauer/blog/54434/

 

 

 

Abschied von Lo Manthang, Marsch nach Yara

eine Höhenwanderung mit einem Gipfel, ein steiler und staubiger Abstieg nach Dhi und ein Wiederaufstieg in einem Trockental in eine weitere Oase

[18. Mai 2016 – Day 9]

Heute war es an der Zeit, Lo Manthang wieder zu verlassen. Unsere Route sah vor, das tiefer gelegenen Lo Manthang Richtung Udi Danda, also mehr oder weniger südwärts, aber in die Höhe zu verlassen. Bereits nach der Durchquerung des Flusses Dokpola Khola stiegen wir hoch, entlang einer gut ausgetretenen Route auf einem staubigen Untergrund. Der Morgen war klar, das Wetter wunderbar und bereits schien uns die Sonne in den Rücken. Der Weg stieg entlang unterschiedlicher Täler, Rücken und Graten immer hoch und runter. Das ist das unverkennbare Merkmal vom Trekken in Mustang. Nachdem Hochsteigen folgt das Runtersteigen und das dauert den ganzen Tag an. Unzählige, nicht wasserführende Bachläufe sind Tag für Tag zu durchqueren, sei es in tieferen Schluchten oder auf höheren Graten.  Alles ist zerfurcht, egal wohin man tritt. Nach rund zwei Stunden und einem relativ ausgesetzten stark erodierten Hang, den wir auf einem wohl wenig begangenen Weg traversierten, erreichten wir einen ersten passähnlichen Aussichtstpunkt. Lo Manthang war bereits aus der Sichtweite verschwunden, aber die Aussicht auf den oberen Bereich bis hin zur Grenze zu Tibet mit dieser unwahrscheinlich zerfurchten Landschaft lud zu einer Verschnaufpause ein.

beautiful like a summit in the middle of nowhere..

beautiful like a summit in the middle of nowhere..

Danach führte uns der Weg entlang einer steilen Traverse runter, um danach noch ein letztes Mal, bevor es dann richtig runter geht, auf einen Gipfel zu steigen. Von hier aus, so ca. in der Mitte des Hochtals sehen wir zum ersten mal 2 der prägenden 8000er dieser Region. Zu unserer Rechten ragt der Dhaulagiri über dem Tal um Jomsom, zu unserer Linken sehen wir den Annapurna I mit seinen ihn umrundenden hohen Gipfel. Unfassbare Eiswelten: Nilgiri Himal Massiv, Tilicho Peak, dahinter die Annapurnakette mit den sichtbaren Gipfeln Gangapurna zur Linken, Annapurna I in der Mitte und den fast versteckten Annapurna III.

Das Tal, dass sich der Kali Gandaki zwischen den zwei hohen Gipfeln, dem Dhaulagiri im Westen und dem Annapurna im Osten gebildet hatte, wird  auch das tiefste Tal der Erde genannt. Zwischen Kalopani und Larjung, wo der Fluss den Hauptkamm des Himalayas schneidet, beträgt der Höhenunterschied zwischen den beiden 8000er zur Talsole gerade 5600m Differenz! Vom Aussichtspunkt kann man dieses Tal in seinem oberen Lauf begutachten und sich vorstellen, wie viele Millionen Jahre einer stetigen Erosionstätigkeit dazu führten und den Hauptkamm des Himalaya zu entzweien vermochte. Faszinierend.

Vom Udi Danda stiegen wir über einen schönen Rücken ins Tal des Kali Gandaki ab. Zuerst war der Abstieg äusserst angenehm. Nach ca. einem Drittel des Abstiegs, wurde es ordentlich steil und vor allem staubig. Ein äusserst feiner Staub, manchmal knöchelhoch liess uns die Halstücher bis dicht unter die Augen, die mit Sonnenbrille verdeckt waren, hochziehen. Der aufgewirbelte Staub machte uns auch so noch zu schaffen. Doch der weiche Untergrund liess uns dafür schnell runterkommen. So hatten wir die gut 700m Abstieg dann in weniger als einer Stunde bereits hinter uns und wieder schauten wir auf eine grüne Oase in der Form eines eng zusammengebauten Dorfs am Kali Gandaki gelegen. Dhi war unser Verpflegungsort, von wo wir nach einer gesunden Portion Dal Bhat dann gegen Osten hin in ein trockenes, gelb gefärbtes Tal hochstiegen. In der Nachmittagshitze (heute mal ohne Wind) kämpften wir alle ein bisschen. Nicht nur der Hitze wegen, sondern auch, weil wir bereits einige Kilometer an Fussmarsch hinter uns hatten. Nach etwa 3 Kilometer stiegen wir auf steilem Wege links hoch und erreichten etwa 45 Minuten später das charmante, aber auch vergleichsweise karge Dörfchen Yara auf 3650m. Dort schlugen wir in einem kleinen, spartanischen Häusschen, bestehend aus nur 5 Räumen, unser Nachtlager auf. Wir durften auf einem brach liegendem Feld unser Zelt stellen. Die selbstbewusste, junge Frau ist wie üblich in diesen Kulturen mit zwei Männern verheiratet; diese leben in zwei Nachbarsdörfern getrennt. Es handelt sich um einen Brauch, der auch in Tibet oft anzutreffen ist. Die Frauen verheiraten sich oft mit allen Brüdern der selben Familie. Hier geht es darum, dass die Ländereien und die Tiere einer Familie nicht aufgeteilt werden müssen. Es ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass die Frauen hier klar das Zepter in der Hand halten.

Yara ist weiter südwestlich umgeben von kathedralartigen Felsgebilden mit vielen Höhlencaves, die so grossartig wie eine Festung über dem Tal thronen.

view of our camping site.. mountain ghosts looking towards us!

view from our camping site.. mountain ghosts looking towards us!

 

 

Luri Gompa und Tashi Kabum

Yara –Tashi Kabum –Luri Gompa – Ghara -Yara

[19. Mai 2016 – Day 10]

Heute wollen wir das letzte Kloster in Mustang besuchen. Es ragt weiter talaufwärts auf einem Felsen, dessen Zugang mit Treppen und Brücken versichert ist. Zuerst begeben wir uns zum Bachbett runter, wo nur ein kleiner Wasserlauf runtersprudelt. Die Landschaft ist karge, das Wasser nicht mehr genügend, weswegen die Dorfbewohner die Wasserleitungen renovieren. Dies dürfte auch eine Folge der Klimaveränderung sein, denn die Schneegrenze steigt über die höchsten Berge hinaus. Ein Problem, dass Mustang – wie auch das Beispiel Sam Dzong zeigt – unmittelbar betrifft und viele Dörfer an die Existenzgrenze bringt. Zuerst besuchen wir den Tashi Kabum, eine wunderschöne kleine Höhle auf der rechten Seite des engen Tals. Beim Hochsteigen müssen wir die letzten Meter hochklettern, und oben blicken wir auf die andere Talseite, wo wir zwei ausgewachsene Himalayablauschafe (blue sheep) erhaschen. Das Männchen hat grosse, faustdicke Hornaufsätze, die sich gegen die Kopfrichtung nach hinten drehen. Das Weibchen kleinere, dem Alpensteinbock ähnliche Hörner. Die Höhle besteht aus zwei Räumen und im hinteren steht ein wunderschöner Chörten und eine unvergleichliche Deckenbemalung.

Etwa eine Stunde später erreichten wir talaufwärts, dieses führt zum Saribung La, das Kloster Luri Gompa, welches ca. 500 Jahre alt ist. Es steht exponiert auf einem Molassesockel und die Aussicht auf die Talschaft ist wunderschön. Danach stiegen wir nach Ghara runter, einer kleinen Siedlung oberhalb von Yara. Dort geniessen wir genüsslich Dal Bhat und gönnen uns einen Nap. Die starke Sonneneinstrahlung ohne Wind und die Höhe scheinen uns müde zu machen.

 

 

über die zerfurchte Schwemmebene nach Tangge

Yara –Dhechyang River traverse – Tangge

[20. Mai 2016 – Day 11]

Heute brachen wir wieder etwas früher los, denn der Marsch sollte neben vielen Bergauf, vielen Bergab auch noch einige Kilometer lang werden. Wir marschierten runter ins Bachbett unterhalb von Yara bis ca. 3300m ab und danach stiegen wir bis 3800 wieder hoch auf gutem Pfade. Danach folgte eine relativ flache Passage über eine Art Plateau. Dieses Plateau wird von Osten her durch den grossen Bach Dhechyang Khola durchschnitten, weswegen wir gut 400 Höhenmeter steil ins Tal runter stiegen. Dort mussten wir mit Steinen eine kleine Brücke bauen, so dass wir ohne nasse Füsse auf der anderen Seite angelangten. Danach erreichten wir ein einzelnes Haus, dass sich Dhechyang Riverside Hotel nannte. Wir assen draussen auf Plastikstühlen eine gute Suppe, es war erst etwas nach 10.00 Uhr. Danach begann der lange Aufstieg über Ziegenwege hoch bis fast 4000m, was doch einigen Effort abverlangte. Oben war der Wind wieder unser dominantester Gegenspieler. Über ein weiteres Plateau erreichten wir einen Abhang durch einen engen Korridor, der uns mit unbeschreiblichem Gegenwind ins Tal bei Tangge führte. Tangge selber ist ein wunderbar gelegenes Dorf, dass entgegen unserer Vorahnung gute Unterkünfte bietet. Tangge ist nun wieder relativ tief gelegen und gut im Windschatten des Tales. Die Felder waren unbeschreiblich grün, Gerste, Weizen, Kartoffel und Kohl waren bereits in voller Blühte. Dies hatten wir in dieser Jahreszeit nicht erwartetet, aber unheimlich froh waren wir um die farbenprächtigen Abwechslungen in den Dörfern jeweils.

 

 

der lange Weg über mehrere Pässe zurück nach Chuksang

Tangge – Chuksang

[21. Mai 2016 – Day 12]

Nach einer hellen Vollmondnacht im Zelt und schnell vorbeiziehenden Wolken am Himmel war es eiskalt am morgen. Bereits nachts hatte ich an die Everest-Bestreiter gedacht, die diese Tage in den Höhenlagern vor dem Gipfelsturm übernachteten. Später zurück in Kathmandu lasen wir über die neuen Rekorde, aber auch über die Verunglückten und kältegezeichneten Bergsteiger.

Mit der Kälte konnten wir hier gut umgehen. 5.00h war es, als wir unser Zelt zusammenpackten. Am Ende des Tages würden wir über 23km, mehr als 1800 Höhenmeter rauf und 1400 Höhenmeter runter nach Chuksang überwunden haben. Ein langer Tag erwartete uns. Heute morgen war der erste Tagesanbruch seit wir vor bald 2 Wochen in Jomsom gestartet waren, an dem eine leichte Wolkendecke über uns lag. Dies sollte sich den ganzen Tag nicht ändern. Der Tangge Khola ist mit einer Nepalbrücke überspannt, welche wir bereits frühmorgens nutzten. Danach liefen wir ein erstes mal hoch über einen Rücken des Sherapko Himals, um nur eine halbe Stunde später wieder ins Bachbett des Yak Khola abzusteigen. Dort mussten wir die Schuhe ausziehen und durch den knietiefen, eiskalten Bach stapfen. Sabin war stets bemüht, dass wir nicht samt Rucksack im Fluss untergingen und war immer da, wenn es brenzlig wurde um unser Dasein. Eine lokale Ziegenhirtin begleitete uns diesen morgen. Nach der Flussüberquerung war es ihre Idee, dass ich von ihr zusammen mit Räphu ein Foto schiessen durfte – ihr „golden tooth“ kam dabei wunderbar zur Geltung. Neben dem ästhetischen Aspekt hatte der Goldüberzug wohl einen entzündungshemmenden Effekt, wie sie uns mit Übersetzung von Ujjwal erklärte. Wiederum eine äusserst herzliche Begegnung. Von jetzt an stiegen wir 1000m hoch auf den ersten Pass. Die Steigung war insgesamt nicht ausserordentlich gross, aber lang andauernd. So erreichten wir mit grosser Freude den Pass auf knapp 4200m und feierten diesen mit einem Freudensprung, auch wenn der Pass auf unserer Karte keinen Namen trug.

an unnamed pass on 4200m - but we celebrate this goal of the day! after beeing together for two weeks we grew together as a team!

an unnamed pass on 4200m – but we celebrate this goal of the day! after beeing together for two weeks we grew together as a team!

Danach legt sich der Weg etwas und eine weitere halbe Stunde später erreichten wir die einzigste Wasserstelle des Tages in Pa, einer Einhaussiedlung. Alle von uns hatten heute 2 Liter im Gepäck, doch gerne füllten wir unsere Reserve auf. Nach Pa begann ein weiterer, langer Aufstieg entlang eines Rückens, dem wir nun in ständigem und bald nicht aufhörendem Auf- und Ab folgten. Irgendwann erreichten wir den Kulminationspunkt, ein weiterer Gipfel auf 4300m namens Siyarko Tangk Danda. Der Himmel war mittlerweile richtig dunkel geworden, der Dhaulagiri war das Epizentrum eines Sturms, Schneefahnen gelangten bis ins Tal runter. Glücklicherweise blieb dieses Wettergeschehen mehr oder weniger wo es war, doch die Stimmung war fantastisch gerade dadurch.

Nun begann der Abstieg, über viele Irrwege entlang des Rückens erreichten wir bald mal eine steile Flanke wovon wir nach dem immer noch weit entfernten Chuksang Ausschau hielten und es weit unten am Fusse des Kali Gandaki erspähten.

Obwohl die Beine etwas kraftlos geworden waren, waren wir bei bester Laune unterwegs und lachten viel. Auf der Ebene vor Chuksang angekommen, versuchten wir rennend Sabin, beladen mit ca. 25kg Gepäck, zu überholen. Doch auch er beschleunigte. Lachend mussten wir uns die Bäuche halten, ohne ihm folgen zu können. Schon um 15.00h waren wir im Dorf Chuksang angekommen. Ujjwal war überaus zufrieden mit der gesamten Equipe, taten sich viele Trekker doch auf der langen Strecke schwer.

 

alleine unterwegs

Chuksang –Kali Gandaki Canyon – Kagbeni

[22. Mai 2016 – Day 13]

Nach langem Ausschlafen und French Toast machten wir uns für einmal ohne Guide und Träger auf den Weg zurück nach Chele. Unser Ziel war es, uns nochmals in den tiefen Canyon zu begeben. Zu Beginn unseres Trekkings war uns nicht bewusst gewesen, dass wir den Kali Gandaki kaum zu Gesicht bekommen würden. Deshalb war es uns ein grosses Bedürfnis, dies noch nachzuholen. Denn der Kali Gandaki war es nämlich, welcher der Erhebung des Himalayas etwas entgegen zu setzen hatte – seine gewaltige Erosionskraft des Wassers und dessen Schwemmfracht. Und zur Beobachtung dieses Naturphänomens war der tiefe Canyon hier beim Eintritt ins Gebiet Upper Mustang wie geschaffen. Dort hat sich der Fluss eine bis zu 150m tiefe, enge Schlucht umgeben mit steilen Felswänden gegraben. Da der Fluss im Moment nicht viel Wasser führte, dachten wir an ein einfaches Weiterkommen im Canyon. Doch das war eine Utopie. Der Fluss mäandriert nämlich dort von einer Felswand zur anderen, was für uns bedeutete, wollten wir dem Canyon folgen, den Fluss immer wieder durchqueren zu müssen. Barfuss taten wir das auch – das Wasser war nicht gerade warm, jedes Mal kamen wir nach einer Überquerung auf der anderen Flussseite mit gefühlslosen Füssen an. Dabei hielten wir stets den Wasserpegel im Auge und die Faktoren, welche diesen verändert würden. Regenwolken, soweit sichtbar, konnten wir keine ausmachen. Und das tageszeitliche Abflussregime schien sich im Moment noch stabil zu halten – wir mussten ja denselben Weg auch wieder zurück. Nach nur vielleicht 200m flussaufwärts und vier Flussüberquerungen wurde der Canyon um einiges enger, der Fluss wieder von einer Felswand zu anderen strömend und wohl um einiges tiefer. Wir gingen nicht mehr weiter. Wir genossen die Ruhe im Canyon und suchten nach Versteinerungen, deren man hier viele findet. 

Beim Rückweg kam uns flussaufwärts ein Traktor entgegen, dessen zwei Männer nach grösseren Steinen im Bachbett suchten. Der Traktor durchquerte das Bachbett von unten kommend und der Fahrer sah uns die Schuhe wieder ausziehen. Er pfiff und gestikulierte vehement, zu ihm zu kommen. Er drehte das Vehikel, wir stiegen auf und wurden bequem ans andere Ufer gefahren. Wir bedankten uns, sie wackelte auf typisch nepalesische Art mit dem Kopf und fuhren wieder von Dannen.

Zurück in Chucksang gönnten wir uns eine wunderbare Thukpa und einen himalayan Coffee, bevor wir uns nach Kagbeni aufmachten. Rund 3-3.5 Stunden sollte das in Anspruch nehmen. Der Weg geht ausschliesslich entlang der Kiesstrasse via Thangbe. Bereits war der Talwind wieder unser ärgster Feind, dem wir aber trotzten. Abwechslungsweise bot einer dem anderen Windschatten – so kamen wir gut vorwärts und erreichten nach knapp 3 Stunden später Kagbeni. In Kagbeni kamen wir wieder am selben Ort unter wie vor zwei Wochen. Ausgelassen feierten wir unsere Rückkehr und waren plötzlich – immer noch kerngesund – experimentierfreudig geworden mit den lokalen, alkoholischen Getränken, natürlich allesamt selbergebraut. Apple cider der lokalen Apfelplantage, Raksi – dem lokalen Bier aus Hirse oder Reis und weiteren, undefinierbaren Gebräuen. Glücklicherweise war der Alkoholgehalt für uns gut verträglich, doch diese Nacht schliefen wir alle tief und fest..

 

Tashi delek Mustang

Kagbeni – Jomsom – Pokhara – Kathmandu

[23./24. Mai 2016 – Day 14/15]

Als wir dem Bachbett folgend etwas nach dem Mittag in Jomsom ankommen, beginnt es zu regnen. Dies hatten wir in den letzten 14 Tagen nicht mehr gesehen, gar kaum mehr daran geglaubt, dass es das noch gibt. Glücklich waren wir, hatten wir unser Ziel trocken erreicht. Die Staubschicht, welche sich über uns gelegt hatte, hätte wohl eine klebrige Mischung mit dem Regen gegeben. Happy waren wir auch, dass wir alle gesund zurückgekehrt waren und jeden einzelnen Wandertag dank guter Kraftreserven geniessen konnten. Nachmittags versuchten wir uns an die milde Zivilisationsform Jomsom’s zu gewöhnen – so viele Menschen hatten wir lange nicht mehr gesehen! Aber auch nicht vermisst..

Am nächsten Morgen wartete wieder eine kleine Mutprobe auf uns. Simrik Airlines sollte uns sicher nach Pokhara und weiter nach Kathmandu fliegen. Währenddem dieses Unterfangen auf der Hinreise mit Furcht verbunden gewesen war, hatte sich nach dieser wunderbaren Erfahrung mit unserem herzlichen Team eine tiefe Zufriedenheit in uns breit gemacht. Was auch immer unser Schicksal mit uns vor hatte, es war okay. Darüber waren wir uns einig!

Frühmorgens musste ich Räphu für ein erstes Sonnenaufgangsfoto wecken. Wenn es um Berge geht, ist das für ihn keine Sache. Ich war auch zufrieden, da das Flugwetter nach dem gestrigen Regentag sich heute entspannt zeigte. Am Vortag waren alle Flüge abgesagt worden…

the first rays of sunligth on Nilgiri North and Nilgiri Himal

the first rays of sunligth on Nilgiri North and Nilgiri Himal

Nachdem wir in Pokhara wieder festen Boden unter den Füssen hatten, umarmten wir uns alle herzlich. Auch der Abschied von Ujjwal, Subin und Kharananda war nach dieser wundervollen Zeit draussen unterwegs in Mustang voller Dankbarkeit, Herzlichkeit und Happiness. Doch es war nicht ein Abschied für immer…

 

Happy & thankful, shared this beautiful time with you guys, Ujjwal, Subin, Kharananda and Graeme –we will never forget this experience!
Take care, try to catch your dreams whenever you can, follow your inner convictions, do not loose your way –because life is precious, not everybody has the same chances and opportunities, but we are very lucky to do what we did, like people all the time said!

Tashi delek..
sarah & raphael

 

Link zum Bericht von Manuel Bauer:
[http://www.manuelbauer.ch Manuel Bauer]

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