respirer l’odeur du ciel..!

respirer l’odeur du ciel!

… unsere Grenzgänger-Tour

[7. – 11. September 2015] Sarah & Raphael

Wenn man von Traumbergen spricht, so bietet Zermatt das eigentliche Zentrum um genau diese. Zermatt als Mittelpunkt der wohl imposantesten Bergparade ist die Bergmetropole schlechthin. Umgeben vom Weisshorn, Zinalrothorn, Obergabelhorn, Dent Blanche, Dent d’Hérens, Matterhorn, dem fünfgipfligen Breithorn, den Zwillingen Pollux und Castor und dem riesigen Liskamm, sowie dem Haupt der Monte Rosa mit der höchsten Erhebung der Schweiz – der Dufourspitze.

Als wir vor ein paar Wochen auf dem Lauterbrunner Breithorn standen, so konnten wir uns noch nicht ausmalen, dass wir nur ein paar Wochen später auf einigen dieser wunderbaren Bergen stehen würden – ein Traum ist wahr geworden. 

Mit dem selben Bergführer, mittlerweile sehr vertraut auf seine überaus kompetente und sehr kollegial Art der Führung auf schwierigen Bergtouren machten wir uns auf den Weg nach Zermatt.

 

Gondelfahrt auf das kleine Matterhorn

[7. September 2015] Raphael

Etwas nach 14:00 Uhr gondelten wir bei wunderbarem Wetter via Trockener Steg auf das Kleine Matterhorn und bezogen dort unser Zimmer. Die Matterhorn Lodge ist eine gemütliche, abends und nachts unbewartete Unterkunft mit einer wunderbaren Aussicht, insbesondere auf den Grossen Bruder, das Matterhorn und die formschöne Dent d’Hérens. Oben zu schlafen ist schon nur deswegen sinnvoll, weil man sich gleichzeitig etwas akklimatisieren kann und das auf 3883m – aber nicht unbedingt in der ersten Nacht. Kurz vor Sonnenuntergang stiegen wir über die Treppe auf das Kleine Matterhorn und genossen es, alleine hier oben zu sein. Eine wunderschöne Abendstimmung entschädigte uns schon in den ersten Momenten für die Höhe.

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eine sonderbare Traverse über das Breithorn

[8. September 2015] Raphael

Am Morgen starteten wir bereits um 4.30 Richtung Breithornpass und verliessen die abgetrampelte Route, welche auf dem Normalweg zum Hauptgipfel (Westgipfel) Richtung des östlichen Zwillings des Breithorns führt (Gendarm auf der LK). Links oberhalb vom Bivacco Rossi e Volante, einer kleinen Schutzhütte, die sich im Felssporn unterhalb des Roccia Nera (des östlichsten Breithorngipfels) befindet, zogen wir oberhalb eines grösseren Schrundes direkt hoch. Es war ein ordentlich steiler Aufstieg in den ersten rund 80Hm, mit den Frontzacken leicht rechts traversierend erreichten wir Tritte, die vom Biwak her kamen. Danach stiegen wir, in immer noch sehr steilem Gelände, aber in gutem Trittschnee auf den Grat und erreichten nur wenige Minuten später den Ostgipfel des Breithorns – Roccia Nera oder Schwarzfluh auf 4075m. Von hier sieht man den ersten Zwilling, nicht aber den zweiten, der sich genau hinter dem ersten versteckt. Eine wunderbare, wenn auch kalte Morgenatmosphäre sogen wir in uns auf.

good morning new day..!

good morning new day..!

Wir richteten unsere Aufmerksamkeit auf den weiteren, nicht sehr einfach aussehenden Gratverlauf nach Westen. So zogen wir auf dem schönen Schneegrat, der nach einigen faszinierenden Wechten auf den ersten Zwilling führt. Relativ leichtes kombiniertes Gelände führte uns auf diesen. Die Sonne versteckte sich immer noch hinter der Monte Rosa, währenddem wir mit dem Abseilen begannen. Die erste Abseilstelle führt über eine senkrechte Wand, danach seilten wir nochmals ab. Bei beiden Absteilstellen hat es Bandschlingen im Fels. Teilweise ein richtiges Gewusel von Fäden, die da in der Gesamtheit verwendet werden können. Danach standen wir wieder auf dem Grat und sahen den zweiten der Zwillinge, der sich ziemlich steil in den Himmel türmt. So folgten wir dem nun etwas längeren Schneegrat und erreichten den Zwilling wieder über einige Felsen. Danach mussten wir etwas Richtung Süden abklettern und erreichten die 3. Abseilstelle. Über diese seilten wir auf ein schräges, mit hartem Eis durchsetzten Band ab. Noch am Seil musste ich mit den Frontzacken etwas weg von der Wand, wo sich ein Bohrhaken mit Maillon befindet. Da seilten wir ein letztes Mal Richtung Süden ab. Für alle Abseilstellen braucht es ein 50m Seil. Bei der letzten Abseilstelle reicht es gerade knapp.

Das Breithorn besteht aus fünf Gipfeln, die alle die 4000-Meter-Grenze überschreiten. Weil die Schartenhöhe (Höhe zur nächst tieferen Einsattelung) und die Prominenz (Distanz zum nächsten Kulminationspunkt) aller 5 Gipfel der bestehenden UIAA-Norm entsprechend über der Grenze liegt, gelten Sie alle als offizielle 4000er. Somit kann man bei einer Breithorn-Überschreitung 5 4000er besteigen. Wie dem auch sei, uns geht es nicht darum möglichst viele 4000er zu besteigen, vielmehr erachteten wir die Überschreitung als eine wunderbare Tour, die so ziemlich alles, was eine ordentliche Hochtour bieten kann, beinhaltet.

 

Kletterstelle zum Breithorn-Mittelgipfel 4159m

Kletterstelle zum Breithorn-Mittelgipfel 4159m

Jetzt folgte ein leichter, wenn auch ausgesetzter Schneegrat, welcher uns in die Einsattelung (Selle, Pkt. 4022) führte. Viele Seilschaften machten die halbe Traversierung des Breithorns, die genau hier ihren Anlauf nimmt. Von hier bis zum Mittelgipfel folgte wunderbare Kletterei in sehr gutem Felsen. Wir drehten bei der Erkletterung, nun des Mittelgipfels des Breithorns, ein paar Mal in die Südwand. Steigeisenspuren zeigten uns oft den Weg und an den Felsen ist jeweils eine gute Sicherung möglich. Es folgten ein paar schöne Gendarme. Ein- zwei Mal erkletterten wie diese, was dann schön ausgesetzt ist. Wir kletterten den ganzen Grat mit Steigeisen, weil oft auch Schnee am Grat liegt. Beim letzten Aufschwung gelangten wir in einen schönen, feinen Riss, welcher sich leicht in die Nordwand dreht, wo wir so ordentlich Luft unter dem Hintern hatten. Es folgten noch einige Aufschwünge direkt auf dem Grat und wir erreichten einen letzten Gendarm, den man links rum erklettert. An seiner östlichen Kante befindet sich ein Bohrhaken. Klettertechnisch ist das sicher die Schlüsselstelle (vielleicht eine 4-). Danach gelangten wir auf den stark gegen Süden abfallenden Schneegrat und erreichten den stark verwächteten Mittelgipfel. Einfach führt dann ein schöner Firngrat auf den Haupt(West-)gipfel des Breithorns 4163m. Eine spannende Route hatte uns auf diesen Gipfel geführt – der Weg ist das Ziel!! Wunderbar mild war es, deshalb hatten wir es überhaupt nicht pressant, von hier oben wieder wegzukommen.

Wir genossen den Nachmittag bei ein wenig Schlaf und tauschten einige Geschichten aus.

Tourenschwierigkeit: ZS+/III+. Zeitbedarf 8h: Station Klein Matterhorn 04:35, Roccia Nera 06:25, Pause vor der langen Kletterstelle auf den Mittelgipfel (Eingang halbe Breithorn-Traversierung) 10:00, Mittelgipfel 11:05, 12:45 zurück beim Klein Matterhorn (mit 35 Minuten Pause auf dem Westgipfel).

 

die Zwillinge Pollux & Castor

..und eine Überschreitung eines mächtigen Gebirgsmassivs

 [9. September 2015] Sarah

Um 5.00 hatten wir den Rucksack vollgepackt und sassen beinahe ausgeschlafen beim Frühstück. Eine halbe Stunde später verliessen wir angeseilt und mit Steigeisen das Minergie-Gebäude und die äusserst bequeme Unterkunft des kleinen Matterhorns. Draussen war es kühl und stockdunkel, umso kräftiger leuchteten die Sterne. Der Mond hatte nur noch eine sparsame Sichel für uns zu bieten – doch die Sicht war sehr klar, so dass wir den Mond in all seinen drei Dimensionen zu sehen schienen. Demnach taten unsere Stirnlampen die ersten zwei Stunden gute Dienste.

Auch wenn wir in dieselbe Richtung unterwegs waren wie am Vortag zum Roccia Nera, nahmen wir heute für die lange Querung des Grande Ghiacciaio di Verra eine südlichere Route unterhalb des Felsen mit dem Bivacco Rossi e Volante CAI durch. Auf dieser Route besteht eine Gefahr für die grossen Längsspalten, doch Christoph manövrierte uns mit kleinen Auf- und Abstiegen sehr gut durch diese Spaltenzone. Der Schnee war kompakt gefroren und gut begehbar – endlich, nach diesem äusserst warmen Sommer auch im Hochgebirge. Mit den aufkommenden Winden zum Sonnenaufgang war es richtig kalt geworden, doch das zügige Tempo verhinderte, dass wir kalt bekommen hätten. Den Fuss des Pollux erreichten wir knapp 2h nach Abmarsch auf dem Kleinen Matterhorn, nun trennte uns noch der Südwest-Grat vom Gipfel. Mit halbleerem Rucksack begaben wir uns ins anfangs grobe Blockgelände mit Schnee – für den ganzen Auf- und Abstieg, eigentlich für den ganzen Tag oder nein, die ganze Woche hatten wir die Steigeisen immer an den Füssen – eine gute Übung zum Klettern, wie Christoph jeweils meinte und wir mit einem breiten Lächeln bestätigten.

Platten-Traverse am Pollux - entschärft mit einer Kette

Platten-Traverse am Pollux – entschärft mit einer Kette

Das Gelände wurde bald steiler und die ersten kurzen Kletterpassagen folgten. In schöner Kletterei ging es weiter „obsi“, bis eine massive Kette eine glatte Platte entschärft. Über ein Felsband, welches für die Frontzacken als Tritte genutzt werden kann, traversierten wir quer und die Kette diente als Griffe – da die Kette relativ stark durchhängt, fand ich diese Traverse trotz Kette nicht sehr einfach. In einem steilen Couloir ging’s weiter hoch, Taue taten gute Dienste beim Hochsteigen. Sehr erfreut über die Felskletterei meinte ich, dass mir das „Morgenturnen“ in der Früh sehr entgegenkomme. Dass „Morgenturnen“ noch einen ganz anderen Begriff für unsere bevorstehende Route bekommen würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch dazu später. Oben am Couloir standen wir plötzlich vor einer mächtigen Madonna mit einem Kind im Arm – dort befindet sich das Gipfelbuch, in welches wir beim Abstieg unsere Namen eintrugen.

Weiter ging es über einen steilen Firnhang, doch mit guten Tritten auf den Gipfel des Pollux 4092m – es war erst 7.50, eine wunderbare Morgenstimmung mit prächtigem Ausblick empfing uns dort oben.

nach einer frühmorgendlichen Kletterpartie 7.50 auf dem Pollux angekommen - die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht!

nach einer frühmorgendlichen Kletterpartie 7.50 auf dem Pollux angekommen – die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht!

Nach einem kurzen zweiten Frühstück und dem Verschnaufen in wunderbar frischer Bergluft nahmen wir oben den Abstieg über dieselbe Route unter die Steigeisen. Auch der Abstieg mit den Tauen bietet keine spezielle Schwierigkeit. Unterhalb des Couloirs nahmen wir den direkten Abstieg über einen schmalen, mit gefüllten Verschnitt zurück zu unserem Material-Depot auf dem Gletscher. Nun fokussierten wir den grossen Bruder des Pollux, den Castor und nahmen seine Spur auf. Bereits vom Gipfel des Pollux hatten wir andere beim Aufstieg beobachtet und den steilen Aufstieg mit etwas Respekt betrachtet.

Doch eine gute Spur führte sicher über die steilen Firnflanken (geschätzt knapp 40°) und auch über die eindrücklichen Querspalten. Erwartungsgemäss wurde unser Herzkreislauf mit dieser Steigung mit den recht hoch angelegten Stufen in dieser Höhe gefordert. Die Herzfrequenz war spürbar hoch und auch jede einzelne Alveole der beiden Lungen füllten sich mit Sauerstoff, um möglichst viel aus der dünnen Luft aufzunehmen. Vom Bergschrund bis auf den Vorgipfel steilt der Firnhang nochmals an – Christoph stieg vor und sicherte uns oben am Stand. Eine Reeperschnur ragt dort aus einer Verankerung aus dem Schnee. Über einen relativ ausgesetzten Grat erreichten wir den Castor, mit seinen 4223m – schon wieder ein Gipfel erreicht!

klassisches Gipfel-Selfie auf dem Castor 4228m - unverblühmte Lebensfreude!

klassisches Gipfel-Selfie auf dem Castor 4228m – unverblühmte Lebensfreude!

Der Zermatter Bergführer Gianni kam mit seinem jungen Gast, dem 17-jährigen Emil ebenfalls gerade an – wir gratulierten einander und freuten uns gemeinsam über den erreichten Gipfel. Währendem Räphu und ich auf einem Felsen assen und die Aussicht der uns umgebenden Eisriesen genossen, kontaktierten die beiden Bergführer unterschiedlichsten Quellen zu den Wetterprognosen für die folgenden zwei Tage. Leider hatten sich die Prognosen allgemein verschlechtert und die nächsten beiden Tourentage würden wohl nicht mehr so entspannt anzugehen sein. Denn von Süden her würde uns eine Schlechtwetterfront unter Druck bringen und vor allem der stark zunehmende, kalte Wind mit 30km/h und die intermittierenden Böen waren auf einer Grattour – wie insbesondere jene über den Liskamm – gar nicht willkommen. Ich hörte, wie auf italienisch unsere geplante Hüttenübernachtung abgesagt wurde – mit einer kleinen Vorahnung packte ich noch einen Ovo- Schoggistängel aus und verspeiste diesen ohne Hunger.

Wir waren uns einig – im Moment waren die Bedingungen für eine Liskamm-Überschreitung perfekt. Die morgendliche Eiseskälte hatten wir bereits überstanden, die Sonne würde uns auf der Traverse noch lange begleiten und die vorherrschenden kalten Temperaturen sorgten für eine trittfeste Spur über das riesige Liskamm-Massiv. Christoph fragte uns, ob wir mit der „kleinen“ Planänderung einverstanden waren und nach einem längeren, einschüchternden Blick über den Liskamm nickten wir beide.

Ich war ohnehin froh über die spontane Umplanung – sicher hätte mir dieses Vorhaben eine schlaflose Hüttennacht beschert, denn von dieser Überschreitung über den schmalen Grat hatte ich bereits zu Hause bei der Vorbereitung der Tour sehr grossen Respekt. Die eindrücklichen Youtube-Video vermitteln zwar eine realitätsnahe, aber nicht sehr beruhigende Perspektive. Also besser jetzt als morgen, aufgewärmt waren wir ja bereits.

Statt in das nahegelegene Rifugio Quintino Sella abzusteigen hiess es also, über einen weiteren Bergkamm bergzusteigen. Unsere Köpfe und Körper konnten sich schnell auf das Bevorstehende fokussieren – ob enroute en vélo in der weiten Welt, beim Wandern oder eben beim Bergsteigen ergeben sich manchmal Wendungen, auf welche man flexibel reagieren und diese positiv angehen muss. So waren wir in diesem Moment sehr motiviert, erfreut und hochkonzentriert, als wir über einen eher schmalen Grat vom Castor auf das Felikjoch abstiegen. Jeder Schritt passierte bewusst, der Blick wurde nicht von den Füssen abgewendet.

Vom Felikjoch liessen wir das Felikhorn 4087m rechts liegen (in der Liste der erweiterten 4000er der Alpen eingetragen) und bewegten uns als Grenzgänger nahe der schweizerisch-italienischen Grenze und gewannen in der Westflanke zum Vorgipfel des westlichen Liskamm-Gipfels schnell wieder an Höhe. Im Zick-Zack stiegen wir mit queren Schritten stufenartig hoch. Anfangs ist der Firnhang um die 35° steil, je höher desto steiler wird’s – im zweiten Teil steilt die Hangneigung auf 40-45° an. Doch mit den perfekten Firnbedingungen kamen wir gut und sicher vorwärts. Erstaunlich schnell hatten wir den Vorgipfel und die hiermit 400Hm erklommen und von da an konnte das Grat-Erlebnis beginnen. Es war 12.30 als wir bereits oben auf dem Westgipfel des Liskamms mit seinen 4479m standen.

Für den weiteren Gratverlauf waren gute Nerven und einen bombensicheren Tritt gefragt. Die Liskamm-Überschreitung ist eine der längsten, ausgesetzten aber wohl auch schönsten Grattouren der Alpen. Die Nerven wurden gleich auf den nächsten Metern strapaziert. Der Grat wurde schmaler, es folgten ein paar Schritte, wo ein Fuss nach dem anderen sicher hintereinander platziert werden muss. Für den Pickeleinsatz hat es keinen Platz. Vom Abstieg vom Westgipfel wird der Grat von wenigen kurzen Felspassagen unterbrochen. Eine empfanden wir als schwierig, wo man etwas in die Südwand absteigt und um einen Felsen mit nur wenigen Griffen herumklettert und ohne guten Blick auf Tritte zu haben. Diese Passage wurde von Christoph entschärft, da er uns oben um einen Felsblock sichern konnte. Unten konnten wir ihn bei seinem Abstieg ebenfalls sichern. Es erwartete uns eine einschüchternde Gratpassage – links hatten Pickeleinsätze oder später die Sonne Löcher in die etwa 30m lange Wechte gefressen, wo wir knapp nebendran vorbeigingen, auf der schmalen Spur. Ein Blick durch eines dieser Wechtenlöcher offenbarte uns einen erschreckenden Tiefblick in die Nordwand, von welchem man sich mit angehaltenem Atem schnell wieder abwandte. Immer vorsichtig weiter gehen und nicht zögern – das war für uns ein Rezept an diesen mental schwierigen Stellen, welches sich bewährt hat.

Die ganze Liskamm-Überschreitung erlebten wir nicht als lange Tour, da die Route ständige Konzentration und volle Fokussierung erfordert auf das, was man gerade tut. Es ist ein klassisches Flow-Erlebnis, in welchem man nichts anderes tut als regelmässig atmen und sicher gehen. Andere Gedanken oder Taten werden vom Gehirn unterdrückt, da diese einem das Leben kosten könnten – auch eine spannende Vorkehrung des menschlichen Körpers.

Die Distanz zwischen den beiden Gipfeln des Liskamms beträgt (gemessen mit dem Lineal auf maps.geo) ungefähr 1.4 Km, die ganze Liskamm-Überschreitung auf dem Grat 2.5km! Vom Westgipfel 4479m steigt man auf den Tiefpunkt 4417m zwischen den beiden Liskamm-Gipfeln ab, bevor man auf den Liskamm-Hauptgipfel mit seinen stolzen 4527 hochsteigt.

Obwohl wir manchmal etwas Wind auf der Haut spürten, wurden wir unterwegs auf dem schmalen Grat nicht davon behindert. Die Sonne schien in ihrer vollen September-Stärke, über Norditalien lag eine kompakte Wolkendecke. Wir fühlten und sahen, dass wir sehr hoch waren für schweizerische Verhältnisse.

Wahnsinnige Freude hatten wir, als wir ganz oben auf dem Liskamm standen!! Nach dieser längeren angespannten Phase machte sich wieder mal Durst & Hunger bemerkbar – die relativ milden Temperaturen und Gipfelbedingungen entsprechend der Höhe erlaubten eine längere Pause, doch nur Madame hatte einen Sitzplatz ergattert. =) Nach ungefähr 20 Minuten Gipfelgenuss zogen wir nochmals die Schuhe und Steigeisen nach und machten uns an den Abstieg.

der Abstieg - ohne Worte...

der Abstieg – ohne Worte…

Nochmals volle Konzentration und Kontrolle über jeden Schritt war gefragt. Wie immer beim Absteigen ging Räphu voraus, ich dicht hinter ihm und Christoph zuhinterst – ich spürte sein straff angezogenes Führerseil, dies gab mir in diesem abschüssigen Gelände Sicherheit – trotzdem ging ich selbstverantwortlich mit sicheren Tritten. Ich weiss nicht, wie zögerlich ich an vorderster Front gegangen wäre. Auf dem Abstieg verdeckte Räphu einen grossen Teil der Abstiegsperspektive, und das war ganz gut so! =) Irgendwann versperrte uns noch eine Querspalte den Weg, so dass wir etwas in die Nordwand absteigen und auf der anderen Seite wieder hochsteigen mussten. Im Hintergrund von Christoph entdeckten wir einen eindrücklichen Eispilz – lange würde sich dieser dort wohl nicht mehr halten können.

eindrücklicher Eispilz- wie lange sich der wohl noch halten kann!?

eindrücklicher Eispilz- wie lange sich der wohl noch halten kann!?

Erst bei Ankunft etwas westlich des Lissjoch konnten wir endlich tief durchatmen. Tatsächlich hatten wir den ganzen Lisskamm am heutigen Tag überschritten – ganz zu fassen war das in diesem Augenblick noch nicht.

Vom Lissjoch folgten wir einer gut ausgetrampeltem Spur, welche wie in einem Labyrinth um die grossen Spalten führte. Bereits von weit oben konnten wir das Rifugio Gniffeti sehen, welches längs an einem Felsen klebt. Doch eine eindrückliche Spaltenzone lag noch dazwischen – ein entspannter Hüttenzustieg sieht anders aus. Doch die viel begangene Spur war sicher und ich musste nur wenige Male, beim Gang über Schneebrücken die Luft anhalten. Ziemlich kaputt waren wir, als wir nach 10.25h auf der Terrasse des Rifugio Gniffeti die Steigeisen abmontierten – von der Sonne, vom draussen unterwegs zu sein, wegen diesen wahnsinnigen Eindrücken, die wir mit all unseren Sinnen heute erlebt hatten.

Unsere Wasserspeicher füllten wir mit je 1.5L beim „z’Vieri“, bevor wir die kleinen 6-Bett-Zimmer bezogen. Es war kalt in der Hütte, so liessen wir uns gleich in der Daunenjacke ins Bett fallen, für einen kleinen Nap vor dem Nachtessen.

Währenddem Räphu kurz in einen tiefen Schlaf fiel, konnte ich vor lauter Aufregung vom ganzen Tag nur ein bisschen runterfahren – auch gut. Gemäss italienischer Sitte war das Nachtessen spät, also erst um 19.00 angesetzt. Auch die CAI-Verköstigung weichte etwas vom SAC-Speiseplan ab. Zuerst wurden Antipasti-Plättli verteilt, eine Art Salat überbacken mit Weichkäse und natürlich Pasta. Das hätte ja eigentlich schon gereicht. Zum Hauptgang gab’s dann Gemüse, Pommes-Frites und Fleisch für die Karnivoren. Ein Dessert mit Glace (!) wunderbar garniert wurde anschliessend serviert und last but not least, eine Flasche Genepi pro Tisch! Puuh, da wir sie nicht enttäuschen wollten, nahm jeder etwas davon! Gianni meinte, das könne auch für den nächsten Tag nicht schaden, obwohl ich ihm nicht gerne glaubte.

Erschöpft, aber zutiefst zufrieden über das heute Erlebte liessen wir uns in unsere Betten fallen. Es war unklar, was der nächste Tag noch für uns zu bieten hatte, aber jetzt waren wir eh erstmal müde. Buona notte!

Tourenschwierigkeit: Pollux ZS-/III, Castor WS,  Liskamm-Überschreitung ZS/III 2x 45°. Zeitbedarf 10.25h: Station Klein Matterhorn 5:30, Pollux 7:50, Castor 10:25, Liskamm-West 12:30, Liskamm-Ost 13:50, Lisjoch 14:40, Rifugio Gnifetti 15:45.

 

wahnsinnig hoch hinaus..

[10. September 2015] Raphael

Es machte keinen Sinn früher zu starten als um 5.30. Denn wie prognostiziert herrschten draussen rauhe Bedingungen. Wir schritten die ersten paar 100m östlich der Spaltenzone in durchdringendem Nebel hoch. Als wir bei der ersten steilen Gletscherstufe auf gut ausgetretenem Pfad weiter an Höhe gewannen, lichtete sich der Nebel im Tausch mit beissend kaltem Bergwind. Es zog konstant vom Lisjoch runter. Jetzt waren wir froh und verunsichert zugleich. Froh waren wir, nicht jetzt unterwegs zum Liskamm zu sein und verunsichert, ob wir heute tatsächlich die Dufourspitze erreichen würden? Die Kälte und der starke Wind stimmten uns nicht optimistisch. Doch schritten wir weiter in gutem Tempo, so dass wenigstens nur die Füsse und die Hände in Mitleidenschaft gezogen wurden. Östlich vom Lisjoch und nordwestlich der Ludwigshöhe zogen wir weiter Richtung Punta Gnifetti oder Signalkuppe. Oben auf dem Punta Gnifetti (Signalkuppe) – einem 4500er wohlbemerkt – steht die höchste bewartete Hütte der Alpen, das Rifugio Regina Margherita. Dies hätte uns im Falle einer Wetterverschlechterung Schutz geboten. Wir stiegen stetig hoch und erreichten die ersten Sonnenstrahlen auf dem Colle Gnifetti 4452m. Dank dem nachlassenden Wind, der sich jetzt nur noch in einzelnen Böen meldete, aber auch dank der wärmenden Sonne entschieden wir uns für den Weiterweg über die Zumsteinspitze.

trotz Kälte & WInd geschafft - Zumsteinspitze 4563m!

trotz Kälte & WInd geschafft – Zumsteinspitze 4563m!

Auf der Zumsteinspitze bereiteten wir uns für den weiterführenden SE-Grat zur Dufourspitze vor. Das Seil straff gezogen, Schnürsenkel und Steigeisen angezogen wie noch selten. Der erste Gratteil war bereits äusserst ausgesetzt, die Spur nicht links, nicht rechts des Grats, nein direkt auf seinem Scheitel, nur wenige Centimeter für uns und unser Gewicht- Balance total! Bereits nach wenigen Sekunden kam die erste Böe, welche uns beim – an und für sich – vorsichtigen Gehen in die Knie zwang. Ich rufte die kleine goldene Madonna auf der Zumsteinspitze an, den Wind nachlassen zu lassen. Wenn man auf einem so ausgesetzten Grat geht, ist eine Böe sehr beängstigend. Nach dem ersten Firnteil steilt sich der Grat auf plattigen, aber mehr oder weniger absicherbaren Felszähnen runter, die durch eher rutschigen Schnee umgeben waren. Für mich war das der schwierigste und wohl auch gefährlichste Teil der ganzen Tour, der nur schlecht absicherbar ist (man findet zwei Reepschnüre und einen Friend im Abstieg). Bis in den Grenzsattel verspürten wir danach keinen relevanten Windstoss mehr – Dank der Madonna auf der Zumsteinspitze!

SE-Grat zwischem der Zumstein- und Dufourspitze

SE-Grat zwischem der Zumstein- und Dufourspitze

Nach dem Grenzsattel erreichten wir den Südostgrat, welcher zum Grenzgipfel führt. Der Grat führt zuerst in Fels auf und ab und wird ein paar mal durch schmale Firngrate unterbrochen, bis er sich gegen oben hin ziemlich aufstellt und damit steiler wird. Wir konnten die Kletterei bis im III Grad sehr geniessen, auch wenn sie teilweise sehr ausgesetzt war. Der Südostgrat zur Dufourspitze ist eine wunderbare Tour. Auf der Dunantspitze freuten wir uns dann riesig darauf, diese Tour bis dahin so gut hinter uns gebracht zu haben – und über die Aussicht von da oben! Man meint, man sähe über ganz Italien, das bis nach Kalabrien runter unter Wolken schien.

Der weitere Verlauf zur Dufourspitze ist ziemlich ausgesetzt, aber da man auf der Gratscheitel weiter klettert, ist die Sache gut absicherbar. Eine halbe Stunde später standen wir nun tatsächlich Top of Switzerland – Dufourspitze, Pointe Dufour, Punta Dufour 4634m und freuten uns riesig darüber!

Top of Switzerland - riesige Gipfelfreude auf diesem Traumberg!

Top of Switzerland – riesige Gipfelfreude auf diesem Traumberg!

Dank dem ausbleibenden Wind und dem weiterhin stabilen Wetter konnten wir den Gipfel für fast 45 Minuten geniessen. Danach seilten wir auf den Silbersattel ab. Die Taue werden nicht mehr gewartet und werden wohl bald abmontiert. Von oben fehlt das zweite Tau, worauf eine heikle Traverse nach rechts zum nun zweiten Tau gemacht werden muss. Danach konnten wir den Tauen nach abseilen bis auf den Silbersattel. Wir wussten, dass man etwa 10 Minuten nach dem Silbersattel auf dem Monte Rosa Gletscher eine heikle Querung nach rechts machen muss. Dort befinden sich zwei Reepschnüre mit Eissanduren verankert, woran man sich über zwei Spalten abseilen muss. Es braucht mindestens ein 40m Seil, wobei sehr wahrscheinlich in naher Zukunft nicht mal ein 50m Seil mehr genügen wird. Wir seilten über die erste und die zweite Eiswand 40m ab. Unten mussten wir uns direkt in die Spalte abseilen lassen, die aber auf ihrer äusseren Seite von Aussen gegen Innen mit Schnee gefüllt war, worauf man relativ einfach wieder aus der Spalte aussteigen konnte. Der Bergführer musst dann über eine Spaltenbrücke – von der oberen Eiswand ausgehend – gehen. Im Aufstieg kann man zur Zeit nicht mehr direkt über den Monte Rosa Gletscher auf den Silbersattel gelangen. Man muss über die Normalroute über den Sattel und den Westgrat aufsteigen.

Nach diesem etwas nervenaufreibendem Manöver war der Weiterweg über den Monterosagletscher wieder einfach und wir erreichten ziemlich rasch den Ausstieg. Kurz davor mussten wir eine apere Spaltenzone durchqueren, oft nur auf schmalen Spaltenabschnitten, die uns in Sache Trittsicherheit noch einmal etwas herausforderte. Wir erreichten etwa 30 Minuten danach sehr zufrieden die Monterosahütte und genossen einen wundervollen  und ausgelassenen Abend mit Bier, Wein und Genepi zusammen mit unserem super Bergführer Christoph und dem Zermatter Bergführer Gianni und seinem Gast Emil.

Tourenschwierigkeit: Zumsteinspitze L, Dufourspitze via Südostgrat ZS/III+. Zeitbedarf 9.45h: Rifugio Gnifetti 5:30, Colle Gnifetti 8:25, Zumsteinspitze 8:40, Grenzsattel 9:20, Dunantspitze 10:40, Dufourspitze 11:20, Monte Rosa Hütte SAC 15:15.

 

zurück ins Tal

[11. September 2015] Sarah

Christoph hatte für uns den spätmöglichsten Frühstückstermin ausgehandelt – 7.00. Obwohl wir keine herausfordernde Tour mehr geplant hatten, war die Nacht unruhig, wegen den Zimmernachbarn. Um 1:30 packten die ersten ihren Bergsteigerrucksack, die nächsten um 5.00. Eigentlich war ständig irgendjemand etwas am „nuschen“. Aber machte nichts, es war ja unsere letzte Nacht.

Um diese Uhrzeit war das Frühstück mit frischem Brot und diversen Müesli’s ein Genuss. Beim zweiten Kaffee beleuchtete die Sonne die untere Ostwand des Matterhorns rot, währenddem oben hartnäckige Wolken klebten. Dennoch wurde der Hörnligrat gegen oben frei – eine sehr spezielle Morgenstimmung wurde uns geboten, obwohl oder gerade weil uns ein paar dunklere Wolken Gesellschaft leisteten. Der Traum, einmal das Matterhorn zu besteigen, war diese Woche deutlich näher gerückt.

Die Monte-Rosa-Hütte befindet sich auf einer vom Gletscher freigelegten Felsplatte, welche als Insel zwischen dem Grenz- und Gornergletscher erscheint. Die hochalpine Fels- und Gletscherlandschaft ist wirklich faszinierend, die Hütte ein wunderbar warmer Ort in dieser eisiger Umgebung.

Nach dem Abschied von Gianni & Emil und der Monte-Rosa-Hütte machten wir uns auf den Abstieg Richtung Gornergrat. Wir folgten dem weiss-blau-weiss markierten Hüttenweg, welcher neu nicht mehr der Moräne direkt über dem Grenzgletscher folgt, sondern bis zum Gornersee, welcher der Gletscher zurückgelassen hat, über Blockgelände, später über eisig-schuttiges Material, über eine Art Steingletscher. Es war noch einmal Vorsicht geboten, auch wenn es nur ein Hüttenweg ist. Dort, wo der Grenzgletscher eine Linkskurve macht, stiegen wir auf den aperen, spaltenfreien Gletscher hoch und später wieder runter, zurück auf die Moräne. Dann begaben wir uns auf den oberen Gornergletscher, welcher zum Gornergrat hin etwas ansteilt, auch mit der einen oder anderen gut sichtbaren Spalte. Ebenfalls hat der Gletscher hier oberflächlich ein paar Steine eingefroren, welche eine wunderbare Antirutschfunktion ausüben. Dennoch hatten wir für diese Passage die Steigeisen montiert. Um die Randspalte überqueren zu können, wurde eine Leiter montiert, welche zur Zeit beinahe horizontal über dem Spalt liegt – auf allen Vieren überquerten wir dieses Hindernis problemlos. Hoch auf einen natürlichen Korridor in der Südwand des Gornergrates (Usser Gornerli) stiegen wir nochmals über zwei lange, vertikal führende Leitern.

ein Blick zurück - Liskamm

ein Blick zurück – Liskamm

Oben auf einem Plateau sassen wir uns nochmals hin und sahen ergriffen und voller Ehrfurcht                  hinauf zum Breithorn, dem mächtigen Liskamm und dem Monte-Rosa-Massiv mit der Zumsteinspitze, der Dunantspitze und zum „la pointe plus haute de la suisse – Pointe Dufour! 

Ich spürte wieder diese tiefe Zufriedenheit in mir. Es war ein gutes Gefühl den Sommer in den Bergen verbracht zu haben und wir hatten auch das Bewusstsein gewonnen, dass

Glück und die Freiheit so nah zu finden sind.

 

Oben auf dem Gornergrat bei der Zwischenstation Rotenboden angekommen, wehte uns ein eisiger Wind um die Ohren. Und da trafen zwei Welten aufeinander. Die asiatischen Touristen, eingepackt mit Mütze, Handschuhe und dicken Jacken und die Bergsteiger. Einander guckten wir uns etwas verdutzt an.

 

Monte-Rosa-Hütte 2883m vor dem Gornergletscher

Monte-Rosa-Hütte 2883m vor dem Gornergletscher

 

ein letztes Wort

Im Voraus hätten wir uns nicht erträumen können, eine solche Penne all’arrabbiata Tour (alternativer Begriff zum verbreiteten Ausdruck „Spaghetti-Tour“, da man die schweizerisch-italienischen Grenzgipfel von den italienischen Hütten aus besteigt) zu begehen.

Diese relativ schwierigen Begehungen hätten wir alleine nie gewagt, doch mit Christoph als kompetenter und empathischer Bergführer wurden wir zwar gefordert, aber fühlten uns kräftig und technisch sicher genug, um diese Routen zu schaffen. Wir möchten ihm auch hier nochmals herzlich Danken für sein Vertrauen in uns, dass er dieses Vorhaben mit uns am Seil überhaupt gewagt hat – das war nicht selbstverständlich – meeeerci!

Diese Tage im Hochgebirge waren zutiefst einprägsame Erlebnisse mit Kälte, Wind, Böen und Sonne im Gesicht, wunderbaren Aus- und Tiefblicken, empfindlich kalten Händen und Füssen, beglückenden Gipfelerlebnissen und das unvergessliche Erlebnis, ganz oben gestanden zu haben, auf der Doufur-Spitze auf 4634 Meter mit Blick hinunter über alles. Diese Hochtourentage werden wir wohl nie mehr vergessen werden…

 

Wie immer bei unserer Bildergalerie: wenn das erste Bild durch klicken vergrössert wurde, oben rechts auf X klicken und somit das erste Foto schliessen, damit dasselbe Foto dahinter erscheint und auch die Beschriftung dazu.

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