Rund um die Annapurnas – अन्नपूर्णा – गोल

Gepostet am Nov 19, 2013 in Alle Berichte, Asien, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Hochtour, Mountains, Nepal, per pedes, Wandern kleiner T4 | 1 Kommentar

Rund um die Annapurnas – अन्नपूर्णा – गोल

Annapurna-Circuit

[3. – 11. November 2013] Fortfolge des Berichts Rundum den Manaslu

In Dharapani, was so viel wie Wasserquelle bedeutet, bogen wir in die Route rund um das Annapurna-Massiv ein. Damit wurden wir ein weiteres Mal zu „Hochschreitern“, wir waren in Dharapani 1960m auf dem niedrigsten Punkt seit beinahe zwei Wochen angekommen. Und weiter ging’s zu Fuss, befreit, in der Natur des Himalayas und meist fern von Zivilisation unterwegs. Die Vegetationszone schien sich hier mit dem Einbiegen in den Annapurna-Trek geändert zu haben – deutlich trockener, staubiger, vegetationsarmer, offener und kühler präsentierte sich uns hier das lokale Klima und die Umwelt. Dennoch, gerade die Varietäten an Landschaften bieten einem eine willkommene Abwechslung. 

Auf dem Annapurna waren wir ohne Zelt und Bergsteigerausrüstung unterwegs – nur noch Tula, unser Guide und Baldan, ein Träger waren noch unsere Begleiter. Von Suraj, Sandip, Novoraj und Nalu hatten wir uns herzlich verabschiedet – hatten wir uns unterwegs doch aneinander gewöhnt, gemeinsam unzählige Hürden genommen, unwirtliche Temperaturen überstanden, zusammen gelitten, gelacht und uns gefreut.

Der Himalaya in Nepal

Nepal beherbergt mehr als 250 Berge, welche die Gipfelhöhe von 6000m ü. M. überschreiten. Die Hebungsrate des Himalaya beträgt rund 5mm / Jahr, wobei die Subduktionsgeschwindigkeit der indoaustralischen Platte unter die Eurasische hingegen 67mm /Jahr beträgt. 1/3 der totalen Länge des Himalaya befindet sich in Nepal, darunter stehen in Nepal 8 der 14 höchsten Berge der Welt: Mt. Everest 8848m ü.M., Kanchenjunga 8586m ü.M., Lhotse 8501m ü.M., Makalu 8463m ü.M., Cho Oyu 8201m ü.M., Dhaulagiri 8167m ü.M., Manaslu 8163 und der Annapurna I 8091m ü.M., auch wenn sich Nepal einige dieser Gipfel mit China (Tibet) teilt.

V. l. n. r. Annapurna IV & Annapurna III

V. l. n. r. Annapurna IV & Annapurna III

Der Himalaya ist geologisch gesehen ein junges Gebirge und wird der alpindischen Gebirgsfaltung zugeordnet. Das Alter des Himalaya ab Beginn des Zusammenstosses der Platten wird auf 60-70 Mio. Jahre gedeutet. Nepal liegt zwischen dem 27. und dem 30 Breitengrad, liegt also ungefähr auf der Breite Mittelägyptens, ist aber hinsichtlich der Wasserressourcen nach Brasilien das zweit wichtigste Land der Erde! Zwei hydrologisch wichtige Flusssysteme entstehen im Himalaya: 1) Indus und Satlej (Abfluss durch Pakistan und Entwässerung ins arabische Meer) und 2) Brahmaputra (im Oberlauf Tsangpo) und Ganges, welche zusammen in den Golf von Bengalen entwässern. Diese Gewässer bedeuten die Lebensgrundlage für Millionen von Menschen.

 

Day 13: Dharapani – Koto

Abgelaufen in Tiliche, was man dem letzten Bericht entnehmen kann.

Ungefähr eine 3/4 Stunde nach Dharapani hielten wir für Lunch – das Fried Rice mit Spicy Ketchup mundete. Wir genossen an unserem einsamen Plätzchen die wärmende Sonne. Bis kurz vor Chame zieht sich der Weg unwahrscheinlich in die Länge. Hier zweifelten wir ein erstes Mal, ob es schlau war, auch noch um den Annapurna zu schreiten. Daneben meinte ich zu Sarah, das uns der viele Sauerstoff vielleicht nicht gut tue…

In Koto übernachteten wir. Bereits im Schatten des Tales liegend, und schon wieder auf 2700m. Im Teahouse hiess es, nachdem wir nach „hot shower“ fragten, „yes, quite hot“! Die Dusche war dann so etwa die kälteste und unerfreulichste Dusche, die ich je hatte. Sarah entschied sich, dies im Zimmer mit Waschbecken zu erledigen – weise Entscheidung. Im Aufenthaltsraum des Teahouse atmen wir wie gewohnt viel Rauch und Feinstaub ein – nachdem wir genug Kälte erlitten haben, setzen wir uns zu Tula, Baldan und der Gastgeberfamilie in der Küche ans Feuer und unterhalten uns mit ihnen. Sie kochen gemeinsam Dal Bhat inklusive scharfem Curry-Gemüse.

Ungewohnt für uns in einem Bett zu schlafen, erwachten wir nach 9h Schlaf, immer noch müde, aber mit einem faszinierenden Blick auf die Annapurna II und Annapurna IV!

Streckenübersicht  Tiliche 2300m – Dharapani 1960m – Koto 2715m [Distanz →  ~ 24km  ↑ 1100m Hm  ↓ 600 Hm  Zeitaufwand 7h]

Day 14: Koto – Upper Pisang

Am Morgen war es bereits wieder sehr kalt. Hier war die Luft nun viel trockener als eben noch in den Tälern um den Manaslu. Nach einem weiteren Checkpoint gelangten wir auf eine höher liegende Ebene. Dieser Aufschwung ist deutlich durch den Abfall des Marsyangdi-Flusses geprägt. Chame und Bhratang hatten wir bereits weit hinter uns gelassen. Auf dem Weg wechseln sich die angenehmen Wegstücke mit den unangenehmen und für den Verstand fatalen Strassenabschnitten ab. Direkt ersichtlich ist, dass diese Strassen, ohne Aufwände zu scheuen, immer weiter und weiter rund um den Annapurna-Circuit gebaut werden. Schade!

Nach den ersten Aufstiegshöhenmeter dreht sich das Tal etwas nach Osten, um die unglaublichen Wände des Swargadwari Danda-Massivs. In dichten Pinienwälder stiegen wir hoch bis das kleine, von Guesthouses und Restaurants wimmelnde Dorf, Dhikur Pokhari, erschien. Dort nahmen wir das Mittagessen – Bratkartoffeln mit Gemüse – zu uns. Wir schreiteten nun mehr oder weniger ohne Steigungen auf einer weit ins Talinnere reichende Ebene Richtung Westen, dem Tal entlang. Nach einem für heute finalen Aufstieg erreichten wir das wunderschön liegende Dorf Upper Pisang, nun wieder über 3300m über dem Meeresspiegel. Die Aussicht auf die mit Steinen beschwerten Wellblech- und Holzdächer ebenso wie runter ins Tal des Marsyangdi und auf die vielseitige und gigantische Bergwelt lassen hier bei wunderbarem Sonnenschein auf dem windstillen Balkon verweilen. Wir treffen es für einmal super gut mit dem Hotel Tukuche, einem wunderbaren Teahouse mit warmer Stube ohne weitere grenzwertige Feinstaubbelastung der Atemluft für unsere Lungen. Und fast unglaublich aber wahr, mit einer super gut funktionierenden heissen Dusche. Nach sage und schreibe 14 Tagen endlich wieder mal die langen Haare gewaschen und warm geduscht – beinahe hätte ich vergessen wie es sich anfühlt, wenn einem Wasser über den Kopf fliesst.

Nach dem Nachtessen hörte Räphu, wie einer der beiden Spanier in diesem abgelegenen Dorf einen Arzt rufen lassen wollte. Ich besuchte den Patienten und konnte ihn trotz Fieber und Durchfall mit ein paar Behandlungstipps beruhigen. Seinem sehr besorgten Kollegen bot ich an, dass er nachts bei Problemen jederzeit bei uns klopfen könne. Und um es hier vorwegzunehmen – sie konnten ihr Trekking fortsetzen und zusammen haben wir dann auf dem Thorung La Pass mit einem heissen Tee in der Hand gestanden.

Streckenübersicht  Koto 2715m – Dhikur Pokhari 3060m – Upper Pisanhg 3360m  [Distanz →  ~19km  ↑ 900m Hm  ↓ 100 Hm  Zeitaufwand 5h]

 

Day 15: Upper Pisang – Nawal – Braga

Gestern war der zweite Tag eines dreitägigen Festivals namens Dihar. Vorwiegend junge Menschen gehen dabei durch die Dörfer, singen und tanzen bei dieser Gelegenheit vor den Häusern und Läden, um eine Spende zu ergattern. Tula und Baldan trinken zwei bis drei Pet-Fläschchen Raksy. Dies ist ein mehr oder weniger verdünnter Schnaps, den sie allerdings als nepalesischen Wein zu erkennen geben. Wein ist es aber ganz sicher nicht und schmecken tut das auch nicht. Ich bekomme am Tag zuvor zwei Gläser ab, den Frauen wird das Gesöff eher vorenthalten. Sarah ist aber nicht unglücklich darüber.  Mit etwas „katerigem“ Start konnte es heute aber trotzdem losgehen.

...immer fleissig Gebetsmühlen drehen!

…immer fleissig Gebetsmühlen drehen, um eigenes Karma anzuhäufen.

In Pisang abgelaufen, begegneten uns die ersten Einheimischen mit riesigen Heufudern auf dem Rücken tragend, oder besser gesagt am Kopf hängend – die Fracht überdeckte die Tragkörbe fast gänzlich. Es waren ältere Frauen und Männer, welche die schwere Last bergauf trugen – doch ein freundliches „Namaste!“ konnten sie uns gleichwohl immer noch entgegenbringen. Heute nahmen wir die Höhenroute, stiegen steil und anstrengend nach Ghyaru auf 3670m auf, passierten eine ganz grosse Mani-Mauer auf fast 3800m und assen endlich Lunch im vom Wind gepeitschten Nawal. Die Höhenroute ist im Vergleich zur Strasse, die unten im Tal nach Manang führt, schon nur wegen der Aussicht auf die Annapurnagipfel zu empfehlen.

Langsam spürten wir die Strapazen der letzten 2 Wochen. Unsere Beine trugen uns nur mit Widerwille, vor allem aber streikten unsere Körper, wenn es bergauf ging und dies ging unseren nepalesischen Freunden ebenso. Zudem stieg unser Verlangen nach einem Tag Ruhe, einem Tag an der Sonne, einem Tag ohne Wind und Kälte. Ein Ruhetag musste also her. Braga, ein kleines Dorf, schien uns für dieses Vorhaben der richtige Platz zu sein. Dort, in einem  etwas abgewohnten und staubigen Teahouse untergekommen, lockte uns die Bäckerei gegenüber. Wir kauften ein Schokoladen-Brot und eine Cinamon-Roll. Anderntags zuhause hätte uns dies sicher nicht gemundet; zu trocken, kaum Schokolade und im Schaufenster rannte auch gerade noch die Maus im letzten Moment darüber. Aber heute teilten wir nach 3 Wochen ohne Brot die zwei Gebäcke mit Tula und Baldan und assen sie mit Genuss. In der Stube wurde noch vor Sonnenuntergang angeheizt – auch die Familie des Teahouses, Baldan und Tula drängten sich mit uns um den Ofen. Mit dieser Wärme in unserem Körper gingen wir nach Dal Bhat frühzeitig schlafen.

Streckenübersicht  Upper Pisang 3330m – Ghyaru 3670m – Grosse Mani-Mauer 3780m – Nawal 3657m – Mugje (Bhraka) 3417m [Distanz →  ~21km  ↑ 720m Hm  ↓ 450 Hm  Zeitaufwand 7h]

 

Day 16: Mugje – Braga – Manang – Gunsang

Wir laufen wieder, aus dem Ruhetag ist nichts geworden. Wir entschieden uns auf Drängeln unseres Guides für eine ganz kurze Tagesetappe, um die kommenden anstrengenden Tage in der Höhe etwas zu verkürzen. Wie wir jetzt erst unterwegs bemerkten, waren wir gestern gar nicht in Braga untergekommen, sondern einem Dorf davor. Nach nicht einmal einer Stunde kommen wir in Manang an und stellen fest, dass der Tipp von unserem Freund Silvan vollkommen richtig war, hier nicht zu bleiben. Der einzige Spassfaktor wäre wohl der Kino gewesen. Also Kino ist vielleicht übertrieben, aber am Abend wäre Heinrich Harrers „Seven Years in Tibet“ gelaufen, tags  zuvor „Into Thin Air“. Nach dem Mittagessen schraubt sich der Weg langsam und gemütlich dem nordöstlichen Talrand hoch. Nachdem zweigen wir in’s östliche Tal ab und kommen in der Abendsonne, bei zügigem Wind im Angesicht der Annapurna 3 und der Gangapurna in Gunsang an.

In Gunsang gibt es zwei Teehäuser. Eines zur linken Seite und eines zur Rechten. Wir kommen im rechtsseitigen Hotel Marshyangdi unter, einem wirklich mit Liebe geführten Teahouse – die überaus fleissige und herzliche Frau scheint das Teahouse alleine in Schwung zu halten. Wir geniessen es sehr da und lassen es uns gut gehen. Kurz vor dem Dal Baht, unsere Füsse (auch die von Tula & Baldan) sind eisig gefroren, legt uns die Frau ein nepalesisches Öfelchen unter den Tisch. Ein Metallgefäss, dass innerhalb eine Schicht glühende Kohle enthielt. Das Tischtuch war mit einer grossen Wolldecke unterlegt, die man sich so auf die Schoss legen konnte. Weil die Bänke im Quadrat den Tisch vollkommen umschlossen, konnte die Wärme nicht weichen, was uns zumindest schön warme Beine und Füsse bescherten!

Streckenübersicht  Mugje 3417m – Braga 3470m – Manang 3540m – Gunsang 3950m [Distanz →  ~7km  ↑ 520m Hm  Zeitaufwand 2.5h]

 

 

Day 17: Gunsang – Ledar

Gunsang ist wirklich ein schönes Örtchen. Diese Aussicht auf die Annapurnas, diese Ruhe und dieses Naturerlebnis – einfach schön und auch irgendwie beruhigend gibt es sie immer noch, die Juwelen auf dem stark belaufenen Annapurna-Circuit. Nach spicy Noodle-Soup mit Spinat verlassen wir das Dorf etwas bevor die Sonne die Osthänge der Täler aufzuwärmen begann.

Jedes Dorf hat mindestens eine Wasserstelle, wo abgewaschen, Kleider gewaschen, sich gewaschen und manchmal auch einfach den Hahn angezapft wird, um das Wasser in die eigene Küche zu leiten. Einmal, bereits fern zurückliegend in Deng, hat sich Räphu an einer Wasserstelle gewaschen. Als ich ihn dort aufsuchte, um es ihm gleich zu tun, sah ich, wie 3 Männer ihm aus nächster Nähe dabei ungeniert zuschauten. Ich hab’s dann gelassen, ohnehin zu kalt…

Wir marschierten nun in der Sonne weiter. Die Luft war eiskalt, unheimlich trocken, staubig und beim Atmen durch die Nase machte sich immer wieder ein schmerzhaftes stechen bemerkbar. Wir mussten am heutigen Morgen hinsichtlich der Wegspur aufpassen. Mehrere Male überschreiteten wir vorsichtig kleine Wasserläufe, die über den Weg völlig durchgefroren und dadurch sehr glatt waren. Die Berge leuchteten in der Morgensonne. Nach einer Stunde entschieden wir uns für einen „Tea-stop“ und gelangten nach vielleicht 2 weiteren Stunden bereits gegen Mittag in Ledar an. Im etwas abgewohnten Teahouse gab es einen Glasraum, in dem wir uns den ganzen Nachmittag aufwärmten –  lesend, spielend und schreibend ging die Zeit wie im Flug vorüber.

 

Streckenübersicht  Gunsang 3950m – Ghyanchang 4000m – Yak Kharka 4050m – Ledar 4200m [Distanz →  ~13km  ↑ 400m Hm  Zeitaufwand 3.5h]

Das 18: Ledar – Thorung Pedi – Thorung High Camp

Nach dem gestrigen Nachmittag im „Treibhaus“ des Teahouses bei warmen bis heissen (in Thermounterwäsche, dicksten verfügbaren Socken) Temperaturen, aber auch durch unser Aufputschprogramm mit Elektrolyt-Drinks und dem Auffuttern unserer letzten Proviantreserven schien der Lebenssaft wieder in unsere Körper zurückgekehrt zu sein. Vor allem bei mir waren gestern sämtliche Kräfte in Beinen und Geist geschwunden, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte. Bereits die Tage zuvor hatte ich Räphu wiederholt gesagt, dass ich gerne mehr essen möchte. Andererseits wollten wir uns aus Respekt gegenüber den Nepali auch etwas bescheiden zeigen. Sie gaben sich stets zufrieden mit Noudle Soup oder Fried Rice zum Frühstück, Dal Baht für die beiden anderen Mahlzeiten. Und sie beschwerten sich nie, auch wenn sie zwei oder drei Stunden auf ihre Mahlzeit warten mussten. Nichts desto trotz hatten wir nach 17 Marschtagen und 3 mässig-grossen Mahlzeiten am Tag wohl an Gewicht verloren und fühlten uns ausgelaugt. Doch heute bemerkten wir bereits auf den ersten Metern, dass unsere alte Form beinahe zurückgekehrt war.

Nach der Bachüberquerung hatten wir nun im Oberlauf des Thorung Khola, unten im selben Tal war es noch der Kone Khola, in einem Talkessel, abgesondert durch steil hochragende Felsen in nördlicher, östliche und westlicher Richtung quasi das Ende der Welt erreicht. Oberhalb dieser Felsen – soviel war zu erkennen – befanden sich wiederum riesige Eisberge, mit teilweise fast unermesslichen Eismassen auf ihren Graten. Einzig die westlichen Felsen waren durch ein Schotterband durchbrochen. Da hoch, etwas nach der Siedlung mit grünen Blechdächern (Thorung Pedi auf 4540m), führt der Weg zum Thorung High Camp.

Jetzt schon etwas ausgepumpt, lief es sich da rauf nicht mehr so leicht, wie gewohnt. Aber das Leben hat halt manchmal eben happigere Etappen für einem parat. Dennoch ist der Weg ins High Camp von Leder aus nicht weit und die 700 Höhenmeter gut machbar. Wir erreichten das Camp jedenfalls vor Mittag, der vormals noch blaue Himmel hatte sich in der Zwischenzeit in weiss gefärbt und dichte Nebelschwaden zogen empor. Insgeheim hatten wir zwei bescheidene Wünsche für die nächsten Stunden in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Erstens, eines der begehrten Zimmer inklusive Holzgestell und Matte, zweitens ein windgeschützter und falls irgendwie möglich temperierter Raum. Für den zweiten Wunsch hat es dann nicht mehr gereicht. Insgesamt wären wir mit unserem Zelt und einem Gaskocher wohl besser bedient gewesen. Denn dann hätten wir mit unserer Atemluft die paar wenigen Kubikmeter Luft im Zelt erwärmen können, und statt nur einer halben Portion hätten wir dann eine ganze Portion Spaghetti für uns gekocht.

Ich stapfte hoch auf den rund 100Hm höher liegenden Aussichtspunkt, von dem man bis direkt nach Thorung Pedi runter sieht. Auch die morgige Route war von dort aus gerade noch zu sehen, jedenfalls die Überschreitung der zwei Moränen. Beim Erklimmen dieses Hügels (eigentlich fast ein weiterer bestiegener 5000er ohne Namen =) fing es an zu schneien. Wir brachten uns in der Hülle wertvoller Gänsedaunen in Sicherheit und warteten bis kurz vor dem Nachtessen darin. Überrascht bemerkten wir irgendwann, dass sich ein ganzer Haufen Schnee in unserem Zimmer aufgetürmt hatte, da die Kluft zwischen Tür und Rahmen für einmal mehr zu mächtig war.

Als morgigen Start wurde uns 4:30 Frühstück vorgeschlagen, da „hornten“ wir jedoch ohne länger darüber nachzudenken vehement ab. Draussen lagen bereits 20cm Schnee – dazu kam, dass in der Dunkelheit zwei Stunden vor Sonnenaufgang loszustapfen, für unsere Füsse viel zu kalt gewesen wäre. Ausserdem hätten wir die Wetterlage und Sicht nicht gut beurteilen können. Unser Bedenken galt trotz alledem mehr der Tatsache, dass wir gezwungenermassen einen Tag (!) länger in dieser Kälte verbringen müssten. Doch wir waren fest entschlossen, morgen früh bei Anbruch des Tages den Weg Richtung Pass aufzunehmen.

Streckenübersicht  Ledar 4200m – Thorung Pedi 4540m– Thorung High Camp 4833m [Distanz →  ~10km  ↑ 700m Hm  Zeitaufwand 4h]

 

Day 19: Thorung High Camp – Thorung La 5416m – Muktinath – Jomsom

In der Nacht sind wir irgendwann durch ein Geräusch in unserem Raum darauf aufmerksam geworden, dass sich eine Maus in Sarah’s Rucksack gefressen hatte. Ins grosse Innenfach gestiegen, frass das freche Tier sich in die Aussentasche des Rucksacks und damit zum Nussfruchtriegel, den wir von Sandy und Xändu auf den Weg mitbekommen hatten. Leider mussten wir somit den Riegel und damit die wertvolle Nahrung einer frechen Maus überlassen. Wir stopften das danach eruierte Mausloch und hängten alle unsere Rucksäcke an alte, rostige Nägel an der Decke im Zimmer auf, damit die Viecher keine Futtergundlage mehr finden konnten.

Etwas nach 3:00 Uhr konnte ich (Sarah) draussen schon die ersten Scheine von Stirnlampen ausmachen, die sich nach 4.00 immer hektischer und geschäftiger bewegten. Getrost konnte ich noch einmal einnicken und warten, bis der Weg, zumindest bis zum WC gebahnt war. In der ersten Nachthälfte hatte sich bei mir ein neues Phänomen in der Höhe gezeigt, warum auch immer. Längere Atempausen liessen mich ständig von meinem Schlummerzustand aufwachen, mit Atemnot und dem dringenden Bedürfnis, ein paar tiefe Atemzüge zu tätigen um die verpasste Sauerstoffaufnahme wieder nachzuholen. Irgendwann hatte ich realisiert, was mit meinem Körper geschah, vertraute jedoch auf die Mechanismen des Körpers, welche in solchen Situationen wirkten. Jedes Mal, bevor ich mir ernsthaft Sorgen darüber machen konnte, war ich sogleich wieder in meinem Schlummerzustand versunken. Ich hätte nicht gedacht, dass ich je einmal von einer Atembeschwerde wie Schlafapnoe betroffen sein könnte. Wahrscheinlich hätte der Apnoe-Alarm (nach 20 Sekunden Atemstillstand eintreffend) ständig gehupt in dieser Nacht, angenommen ich wäre an einem der Überwachungs-Monitore im Inselspital angeschlossen gewesen.

Viele Gruppen waren bereits 1-3 Stunden früher gestartet als wir. Bei unseren ersten Schritten durch den Schnee stapfend wussten wir bereits, was den anderen auf Grund der Dunkelheit vorenthalten geblieben war – das es ein schöner Tag werden würde. Der Nebel lockerte sich auf und man sah teilweise bereits schon blauen Himmel und in den ersten Sonnenstrahlen leuchtende Berge. Wir liefen los, stapften auf die Möränen und mussten erstmal lange paar Minuten warten, bis die rund 15 Israeli auf ihre Maultiere gestiegen waren. Die Israeli waren so unterkühlt und erschöpft, dass sie sich nicht mehr selber auf den Thorung La Pass hoch schleppen konnten. Danach ging’s aber rassig mit steten Schritten und bereits sehr bald in strahlendem Sonnenschein hoch. Nach etwa einer halben Stunde gelangten wir zu einem kleinen Steinhaus, worin ein eifriger Mann auf dem Feuer Kaffe und Tee kochte. Ich fragte ihn für „Pani“ (Wasser) und er füllte mir für 50 Rupien (50 Rappen) Sarah’s Flasche. Wasser ist in dieser Höhe ein teueres Gut! Wir stiegen danach weiter hoch und waren nach knapp 2 Stunden auf dem Thorung La Pass, unserem dritten 5000er- Pass innerhalb von nur zehn Tagen.

Nach eingehender Begutachtung der Szenerien trotz der sich aufdrängenden kalten Füsse machten wir uns trotzdem erst nach einer Stunde an den Absteig. Wir verabschiedeten unseren Guide Tula. Er blieb auf dem Pass, um am nächsten Tag den Thorung Peak zu erklettern, was ihm aber auf Grund des starken Windes nicht gelingen würde.

Wir stiegen sehr schnell ab und waren nach 3 Stunden – dank der glorreichen Idee, uns die Steigeisen an die Füsse zu schnallen – bereits in Muktinath angekommen. Durch Muktinat’s Schlammstrassen sind wir schnell gelaufen und hatten uns dort am Checkpoint „ausgecheckt“ und  sind sofort und schneller Schritte ein Dorf weiter runter, um dort einen Jeep nach Jomsom zu bekommen. Dies gelang uns auf Anhieb, ist aber meist nicht so einfach wie das hier jetzt rüber kommt. Kartellhaft und etwas schmutzig ist hier das grosse Geschäft mit dem Verkehrsservice.

Streckenübersicht  Thorung High Camp 4833m – Thorung La Pass 5416m – Muktinath 3790 – Car Stop 3680 [Distanz →  ~18km  ↑ 700m Hm  ↓ 1750Hm  Zeitaufwand 8h]

 

Day 20: Jomsom – Beni – Pokhara – Kathmandu

Am Tag zuvor kauften wir Bustickets in Jomsom Downtown für drei Personen. Auch hier ist der Preis „for what you get“ wucher. Tickets für drei Personen kosten 22 USD für zwar 8 Stunden Fahrt, aber natürlich für ein fahrtechnisches Abenteuer, dass man auch lieber sein liesse.

Von Jomsom ging’s etwas nach 07.00 Uhr los, die Rucksäcke auf das Dach gepackt. Das Fenster auf der unseren – der fast hintersten – Sitzreihe war natürlich nicht mehr existent und der Fahrtwind daher durchdringend. Im wahrsten Sinne des Wortes drang die eiskalte Luft die ersten zwei Stunden durch sämtliche Glieder der Fahrgäste der hintersten Reihen. Die Fahrt, die wackelig begann, wurde bis Beni eigentlich immer wackeliger und ausgesetzter, liess uns das eine oder andere Mal die Luft anhalten.

Am liebsten hätte ich mich bei diesem Busfahrer, der ja an und für sich für meinen Schlammassel nicht verantwortlich war, so richtig gerächt! Erst als wir irgendwo nach über 4 Stunden anhielten, nachdem wir schon ca. 3 mal sterben wollten, stellten wir fest, dass in unserem Bus eine junge Schweizerin mit Durchfall, Übelkeit und Bauchkrämpfen noch mehr litt als wir selber. So liessen wir es, uns zu beschweren und ertrugen das, was unsere Körper ab jetzt zu ertragen hatten. Angst kam verschiedene Male auf, jedenfalls immer dann, wenn der Busfahrer nur Zentimeter neben dem Abgrund ein Kreuzungsmanöver mit den hochkommenden Gefährten durchführte. Dann wurden mehrere Male Wasserläufe überquert, von Strasse konnte in keinem Abschnitt auch nur geträumt werden, es war eine katastrophale Fahrt in allen Belangen. Fazit: Diese Busfahrt hatte es glatt unter unsere persönlichen Top-10 der schlimmsten Fahrten geschafft!

Egal, wir kamen heil, aber total geknechtet in Beni an. Beni wirkt indischer als der Ausgangsort, den wir vor fast 3 Wochen zu Fuss verlassen hatten. Wir hatten bereits im Voraus entschieden, direkt nach Pokhara zu fahren. Ein Busticket kostete jetzt für die nächsten vier Stunden nur noch 3 Dollar pro Person – der Bus war in keinem besseren Zustand, die Strasse auch nur mässig, aber wir gelangten im Dunkeln in Pokhara an. Sehr lange sparte unser Busfahrer mit dem Einschalten des Lichts.

In Pokhara dann irgendwann nach 20.00 Uhr angekommen, nach 12 anstrengenden Stunden in Busgefährten unterwegs, war grosse Hektik im Gange. Obwohl wir wussten, das bald die überhaupt erst zweiten Wahlen in Nepal stattfinden würden, hatten wir uns bisher keine Gedanken über die Situation gemacht. Doch plötzlich steckten wir mittendrin und mussten uns spontan entscheiden, ob wir das Risiko eingehen wollten, 4 Tage in Pokhara festzustecken, oder die halbe Nacht in Dunkelheit und gefährlich leeren Strassen direkt nach Kathmandu weiter zu fahren.

Nach längerem hin und her hatten wir uns mit Chips und Bananen versorgt, zu essen gab es ja seit Mittag ausser Mandarinen, deren gar etwas viel, nichts mehr. Der Zufall meinte es gut mit uns, denn bald stand wie aus dem Nichts ein junger, vertrauenswürdiger Mann vor uns, aus dem Getümmel auferstehend und fragte uns, ob wir mit ihm nach Kathmandu fahren wollten, er habe einen Microbus. Wir besprachen das kurz mit den daneben stehenden Belgischen Touristen und prompt war die Entscheidung gefallen. Wenige Minuten später sahen wir uns im Hinterhof in einem relativ neuen Toyota-Bus vollbepackt abfahren. Die Nacht war lange, der Fahrer konzentriert, aber schnell unterwegs. Nach Dal-Bhat-Stopp für die einen und WC-Stopp mit Durchfall für die anderen, weiteren Stunden halber schlafend und immer wieder aufwachend wegen den vielen Schlaglöchern, kamen wir endlich in Kathmandu an. Bei einem Feuer mitten auf der Strasse hielten wir inne. Dort erwärmen sich die wartenden Taxifahrer die Hände und bezahlten einem Taxifahrer 600 Rupien (etwa 5.5 Franken), damit er uns direkt nach Boudhanath fuhr. So geschah es und wir sahen uns bei den Guesthouses anklopfen, ohne dass jemand uns die Metalltore öffnete. Währenddessen drehten wenige Menschen Runden um den Boudha und drehten fleissig die Gebetsmühlen – scheinbar zu jeder Tageszeit wurden diese hier in Bewegung gehalten. Nach einer nepalesischen 21-Stunden-Reise fanden wir dann doch unseren wohl verdienten Schlafplatz gegen 04.00Uhr, ausnahmsweise in einem Hotel mit Matratze (!), warmer Dusche und dickem Duvet. Dies ist das irgendwie abrupte Ende einer wunderbaren, 3-wöchigen Reise durch den Himalaya – auf Wiedersehen!

 

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Fazit zu unserem Trekking

Die Trekkings sind einmalig, da sie durch grandiose und fantastische Landschaften führen. Die Wege führen über unwahrscheinlich hohe und von Leben fast verlassenen Pässe, entlang von wilden Bächen, tiefen Schluchten, durch einmalige Natur- und Kulturlandschaften. Die Andersartigkeit der Bilder, die man auf diesen Treks durchgehend erhält, sind beflügelnd und überaus packend. Der Einblick in die Kulturen ist tiefer als sonst, vielmehr gerät man mit allen Menschen inniger in Kontakt, vielleicht weil die Situationen es hier mehr herausfordern. Gerade extremere Situationen erfordern einen stärkeren kulturellen Austausch, wenn sich zum Beispiel Nepali, Tibeter und Fremde alle um das warme Feuer in einer kleinen Küche tummeln. Wir möchten keine Minute dieser Erlebnisse missen und möchten irgendwann in den Himalaya zurückkehren.

Der Manaslu-Rundgang ist alles in allem noch ursprünglicher und natürlicher, aber auch einiges spektakulärer, was den Weg angeht. Die Gebirgswelt ist auf beiden Treks sehr berauschend und daher vergleichbar. Beim Annapurna-Circuit ist der Einzug von grossen Touristenströmen auch kulturell bereits gut spürbar.  Die wunderschöne Natur wird dem Tourismus zuliebe und durch die dadurch entstehenden Möglichkeiten (Strassen, Flugplätze usw.) zunehmend bedenklich gestört. In einer Gesellschaft, in einem Land wie Nepal geht es in jedem Fall primär um die Erwirtschaftung von Geld, von Devisen und nicht um Nachhaltigkeit, denn letzteres ist ein Luxusgedanke.

Die Eingriffe in die Natur nicht noch mehr zu verstärken erscheint zwar schwierig. Doch kann man zum Beispiel den Konsum von Lebensmitteln und insbesondere von Getränken aus Plastikverpackungen auf ein Minimum beschränken, wobei dieser Grundsatz sich eigentlich auf den ganzen Aufenthalt in einem Land wie Nepal ohne Abfallentsorgungssystem bezieht. Wasser kann an Wasserstellen oder im Fluss bezogen und danach gereinigt werden. Das Verbrennen von Holz für das Heizen und Kochen soll nicht gefördert werden.

Das Bergsteigen im Himalaya ist eine andere Liga, innerhalb derer geübt werden muss und dieser man bereit und gefügig entgegen stehen muss. Auch Guides und hiesige Institutionen haben andere Vorstellungen von Bergsteigen als wir Europäer. Sofern man es hier trotzdem versucht, ist es ebenfalls wichtig, sich genügen Zeit zu nehmen. Die Chance einen Gipfel zu erreichen wird des Weiteren umso grösser, dank anständiger Vorbereitung, guter Akklimatisation und – sehr wichtig – durch gute Ausrüstung gegen Kälte.

1 Kommentar

  1. Dir sit eifach dr füdleblutwahnsinn:-)
    Respekt!viu spass wünschi euch!u säru ke angst we de back in reality bisch hesch de du ganz ä länge agwöhnigsbonus ds guet
    ;-)liebgruss sime

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