Rurrenabaque y Reserva Serere

Gepostet am Mai 2, 2013 in Alle Berichte, Bolivien, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Südamerika | 2 Kommentare

Rurrenabaque y Reserva Serere

Rurrenabaque y Reserva Serere

[24.-29. April 2013] Bolivien

Im Propellerflugzeug, einer CP-2459 des Modelltyps SA227DC Metro 23, einem recht beengenden und 18 Passagiere fassenden Maschine, sahen wir uns direkt an der westlichen Flanke des Gipfels Huyana Potosi 6088m ü.M. über der Cordillera Real vorbeifliegend. Die Cordillera Real – die königliche Andenkette – trennt den Altiplano und damit auch La Paz vom Bolivianischen Dschungel, der einen relativ grossen Teil des oberen Amazonasbeckens ausmacht. Der Flug dauert nur knapp 45 Minuten, ist aber aufgrund des Überflugs über die Cordillera Real imposant, mit Sicht auf eine der wohl schönsten Bergketten der Anden atemberaubend, aber auch etwas nervraubend und beängstigend. Vier Jahre zuvor hatten wir dieses Unterfangen bereits erlebt und damals mit deutlich schlechteren Flugbedingungen überstanden. Diesmal hatten wir eine Busfahrt in Betracht gezogen, jedoch die bestenfalls 24-Stunden-Reise über eine ausgesetzte Lehm-Staub-Piste hatte uns davon abgehalten. Deutlich angespannt sassen wir dann im kleinen Flugi, die Propeller neben uns lärmend, die Piloten 2 Meter vor uns. Doch der Pilot und Co-Pilot machten einen seriösen Eindruck und zeigten sich wenig beeindruckt von unserer unausweichlichen Situation – der Pilot verdrückte ein Sandwich und die beiden unterhielten sich vergnügt. Beim Landeanflug kam vor vier Jahren irgendwann eine rötliche Lehmpiste zum Vorschein, auf welcher das Landen und Starten nach den häufigen Regenfällen jeweils buchstäblich in’s Wasser fiel. So waren wir damals dann auch ein paar Tage im Paradies gefangen. Doch dieses Mal setzten wir zu unserer Überraschung auf einer ebenen, planierten und asphaltierten Landepiste auf!

 

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Propellerflugzeug der Amaszonas Airline

Angekommen im tropisch, heiss-feuchten Klima mussten wir uns erstmal schnell an die drückende Hitze des Amazonas gewöhnen. Denn wir beabsichtigten, von Rurre aus auf abgelegenen Pfaden in den Regenwald – La selva tropical – vorzudringen. In Madidi-Travel haben wir vor Ort eine Eco-Lodge in einem geschützten Reservat mit einem uns überzeugenden Projekt gefunden, in welcher wir die nächsten drei Tage verbringen würden. Madidi-Travel unterhält eine Lodge in ihrem privaten Naturreservat Serere, benannt nach einer speziellen Vogelart deren richtiger wissenschaftlicher Name Hoatzin ist. Das Reservat befindet sich im Norden ausserhalb des Parque Nacional Madidi, einem der wohl artenreichsten Gebiet der Welt.

Parque Nacional Madidi

Region: Nordöstlich der Cordillera Real, erstreckt sich das Schutzgebiet von bis über 6000m hohen, vergletscherten Bergen, über nivale Bergzonen, Nebelwälder, tropisch-gemässigte Bergwälder bis hinunter in die tropischen Regenwälder des Amazonas. Der grösste Teil des Nationalparks erstreckt sich über einen Teil des oberen Amazonasbeckens, dass zum grössten Teil mit dichtem Regenwald durchsetzt ist.

Fläche: rund 19’000Km², mit den Schutzgebieten in Peru zusammenhängend eines der grössten Naturschutzgebiete der Erde; beherbergt rund 700 Tierarten, mindesten 860 Vogelarten (mehr als in ganz Nordamerika). Eine unwahrscheinliche Biodiversität was die Flora anbelangt: über 5000 verschiedene Pflanzenarten.

Erst im Jahr 2000 fand ein britischer Biologe namens Dr. Robert Wallace eine bis dahin unbekannte Affenart, nachgehend Titi-Monkey oder Golden Palace Monkey genannt. Diese Affenart existiert nur im Madidi-Nationalpark.

Serere Reservat

Das Serere Reservat ist ein von Flüssen überschwemmtes Waldgebiet und soll als Erweiterung in den Parque Nacional Madidi integriert werden.

 

Dia 1: Rio Beni flussabwärts – Reserva Serere – Kaimane

Tags darauf sehen wir uns in einem motorbetriebenen Kanu den Rio Beni herunterfahren. Der Rio Beni ist ein typischer Amazonaszufluss, der in den Osthängen der Cordillera Real aus einem rund 300’000 Km² grossen Einzugsgebiet entspringt. Seine Wasserstände variieren aufgrund der Grösse des Einzugsgebietes und oftmalig starken tropischen Regenfällen. Der Rio Beni ist stark mäandrierend, weswegen wir das Serere Reservat, das in der Luftlinie vielleicht nur 15 Km von Rurrenabaque entfernt ist, erst nach rund 2 Stunden und 30 Minuten erreichen (mit Endomondo partiell gemessen ermittelten wir eine mittlere Flussdistanz von ca. 45Km).

Das erste was unser Guide Choco uns in Auftrag gab, als wir an Land gingen war: „insect repellent ahora!“. Bereits im Büro erwiderte er auf unser 3-tägiger Aufenthalt im Reservat: „Ohhh, es suficiente para los mosquitos!“ und lächelte schadenfreudig. Die Moskitos bewiesen sich dann von Beginn weg, trotz allzeit lückenloser Mükensprayschicht, als arglistige, nicht aufgebende und omnipräsente, feindselige Wesen, die jede nur erdenkliche Ecke, Kante und Rundung unseres Körpers, ungeachtet ob eine Socke oder eine lange Hose darüber sei, zu stechen versuchten.

Nach rund 15 Minuten Marsch durch den Regenwald, bereits hier fasziniert, erreichten wir unsere auf Stelzen gebaute Hütte ohne Wände, ausser rundum mit Moskitonetzen eingepackt und mit einem Schilfdach ausgestattet. Die Hütte war nun für die nächsten drei Tage unser Daheim.

Nach dem auspacken schlenderten wir zum Casa Grande, dem Haupthaus der Lodge. Vor dem Dschungelhaus wartend, beobachteten wir plötzlich spielende Klammeraffen. Räphu versuchte einen mit irgendwelchen ulkigen Lauten zu rufen und prompt klappte es. Zielstrebig kam der Affe direkt auf mich zu und kletterte auf meinen Schoss, wo er sich bequem hinlegte und bald zu schlummern begann. Mit dem langen, kräftigen Schwanz hielt er sich an meiner linken Schulter fest – ohne mich zu kennen, schien er sich bei mir wohl zu fühlen.

Spider Monkey - Klammeraffe

Spider Monkey – Klammeraffe: Drei Affen werden in der Lodge zwischenzeitlich aufgenommen. Sie fanden alle Klammeraffen im Wald als Weise und nahmen sie auf. Mitunter Klammeraffen werden von den im Amazonas lebenden Völker leider immer noch gejagt und als Nahrung gesehen, auch wenn einige Arten vom Aussterben bedroht sind. Allerdings werden die drei Affen gemäss unserem Guide bald ausgesetzt.

 

Nach dem Zenit der sengenden Tropenhitze stiegen wir in’s 3 Meter lange Holzkanu auf dem Lago Grande, dem vor dem Casa Grande liegenden See mitten im Dschungel. In der Dämmerung wollten wir nach Wasservögel und Reptilien Ausschau halten, welche in diesem Ökosystem leben. Leise und sanft paddelnd bewegten wir uns gemächlich am Ufern entlang fort. Neben vielen am Wasser lebenden Vögel konnten wir auch den Serere – den Paradiesvogel, welcher dem Reservat den Namen gibt – bewundern. Serere ist ein wunderschöner, seltsamer Vogel mit hochgestellter Frisur, welcher seine Aufmerksamkeit mit eigenartig hauchenden Lauten und dem raschelnden Versteckspielen in der Uferböschung auf sich zieht. Der Serere ist verwandt mit dem Kronenkranich, welchen wir vor einem Jahr im Ngoronghoro-Krater in Tanzania beobachten konnten. Choco entdeckte in einiger Distanz ein schwarzer Kaiman, welcher zufrieden mitten auf dem See schwamm und sich von unserem Kanu verfolgen liess, ohne frühzeitig unterzutauchen. Im Sumpfgebiet des Ufers beobachteten wir Alligatoren unterschiedlicher Grösse.

 

Nach dem leckeren Nachtessen ging’s in von Vollmond durchdrungener Dunkelheit nochmals mit dem Kanu auf den See hinaus. Wir folgten den in unseren Taschenlampen leuchtenden Tieraugen und bekamen so neben nachtaktiven Vögel Alligatoren und die bis über 6 Meter langen schwarzen Kaimane zu sehen. Die Dunkelheit trug zu der aufregenden Atmosphäre im Kanu unterwegs bei.

Lange nach Einbruch der Dunkelheit balancierten wir über die unterschiedlch hohen Baumstrunke zum Eingang unserer Hütte. Dort hatten wir das Gefühl, mitten im Dickicht des Urwaldes zu schlafen. Der Vollmond schien zwischen den riesigen Bäumen hindurch, durch die Schatten der grossen Blätter hinein in unser Casa, alle Geräusche des Urwaldes, fallende Äste, Blätter, knabernde Vögel  in den Baumkronen, schreiende Brüllaffen (engl. Howler Monkey), Wildschweine und andere Tiere hörte man durch den Wald schleichen – wirklich beeindruckend.

 

Dia 2: Streifzug durch den Regenwald – Piraña fischen

Am zweiten Tag streiften wir nach dem Desayuno lange durch den Wald, unter anderem zeigte uns Choco einen Dschungel-Apfel. Er schnitt ihn auf und meinte: „es no para comer, pero la manzana es para tatuar ustedes“ (der Apfel ist nicht zum Essen, er dient dazu euch zu tätowieren). So drückte er den unsichtbaren Saft des Apfels direkt auf unsere Handgelenke und meinte, wir sollen ihn 2 Stunden später daran erinnern. Zwei Stunden später sah dass dann so aus:

DSC04385 - Arbeitskopie 2

Auf die Frage, wie lange das Tattoo halten würde, meinte Choco gelassen: „Es para todo la vida!“.

In der Zwischenzeit waren wir bei einer Früchteplantage angekommen. Mitten im Wald bauen die Menschen des Serere Reservats eine kleine Fläche an. Hier stehen einige zehn Platanostauden, Ananasbüsche und einige Grapefruit-Bäume. Wir waren durstig, Choclo holte mit einem langen Stab ein paar Grapefruits runter. Er entfernte die ganze Haut der Frucht und schnitt ein Loch oben rein. So konnten wir die Frucht mit beiden Händen zusammendrücken und oben floss frischer, süsslicher Grapefruitsaft direkt in unseren Mund. Ganze zwei Früchte tranken wir auf diese Weise, unsere Lebensgeister kehrten sogleich zurück – ein super Erlebnis! Die restlichen Früchte packten wir in unsere Rucksäcke und paddelten über den Lago Grande zurück.

Nach einer Siesta in der Hammock verliessen wir gegen 16.00 das Camp und streiften auf schmalem Pfad in Richtung des Lago Gringo.

Irgendwann vernahmen wir in den Baumkronen in unmittelbarer Nähe ein Rascheln. Choco erkannte die Tiere nach wenigen Lauten und versuchte sie mit Ruflauten in unsere Nähe zu locken. Und tatsächlich kam das Rascheln und Knacken immer näher und bald konnten wir die ersten Cappuccino-Monkeys klettern, essen und springen sehen. Räphu drang etwas mehr in den dichten Regenwald vor und konnte – zwar etwas eingeschüchtert von den Vertreibungsversuchen des Alpha-Männchens – direkt oben ihm die Tiere beobachten und auch ein paar (un)scharfe Fotos von den Zappelphilippen schiessen.

Totenkopfäffchen waren den Cappuchino-Affen auf der Spur und zogen nach ihnen direkt vor und über uns vorbei. Ihren Namen haben sie von der weiss-schwarzen Gesichtszeichung. Die tagaktiven Baumbewohner sind im Amazonasbecken verbreitet und bilden Gruppen von 12-100 Tieren. 50% des Tages verbringen sie mit der Jagd auf Insekten, nebenbei essen sie jedoch auch Knospen, Blüten, Eier und Früchte.

In der dichten Uferböschung des Lago Gringo fanden wir das versteckte Kanu und bald darauf bahnten wir uns vorsichtig einen Weg durch den dichten Teppich von Wasserpflanzen. Nach kurzem paddeln auf dem kleinen, naturbelassenen See band Choco unser Boot an einer Holzstange fest. Kurze Zeit später waren wir dabei, Köder – Kuh-Herz, dies sei stark genug – an unseren Angelhacken zu befestigen und begannen zu fischen. Choco meinte: „Todo es possible, nada es securo!“ Dies wurde dann auch unser Motto für die nächsten Tage. Es dauerte seine Zeit, bis wir Greenhorns das Handling begriffen hatten… Nach einigen Fehlversuchen – ruckartiges Herausziehen des Angelhackens, Fleisch gefressen ohne Piraña an der Angel – zappelte plötzlich der erste Piraña an einer unserer Angel. Für mich als Vegetarierin war dann einer auch genug, währenddem Räphu zielstrebig weiter fischte. Nachdem er zuerst zwei kleine Lachsfische geangelt hatte – wohl Carnivore – biss dann endlich auch der erste Piraña bei ihm an. Fast unbemerkt senkte sich die Sonne hinter uns nieder und ein ereignisreicher und aufregender Tag ging zu Ende. Schon im Dunkeln paddelten wir zum Ufer zurück und schlichen den Pfad zurück zur Lodge, wo bereits ein sorgfältig zubereitetes Nachtessen in Kerzenschein auf uns wartete.

In unserer Stelzenhütte angekommen, war Räphu etwas beunruhigt. Zuvor hatte ihm Choco im Casa Grande eine Tarantula an der Decke gezeigt. Nun leuchtete er noch die nähere Umgebung unseres Bettes ab und versicherte sich, dass unser Moskitonetz  lückenlos unter der Matraze eingeklemmt war. Wegen der tropischen Nachthitze schliefen wir nicht augenblicklich ein… um uns raschelte, zirpte, brüllte und knackste es.

 

Dia 3: Frühmorgendlicher Streifzug – Brüllaffen – Maden – Rio Beni flussaufwärts

Der letzte Tag im Reserva Serere fing für uns früh an – noch im Dunkeln mit Stirnlampen ausgerüstet waren wir bereits wieder auf der Suche nach Tieren, welche einmal mehr gut versteckt waren. Nochmals bekamen wir Cappuchino-Monkeys und Totenkopfäffchen zu sehen und in grosser Distanz turnten sogar noch Brüllaffen über uns – gehört hatten wir sie ja bereits schon die Tage zuvor.

Zurück in der Lodge sägte Choco aus den zuvor gesammelten Nüssen Ringe – aus einem kamen 3 kleine, weisse Maden zum Vorschein, worauf er meinte: “ El segundo desayuno!“ Auch mit dem versprochenen, cremig-feinen Geschmack vermochte er uns dieses Dessert nicht schmackhaft machen. Mit unterschiedlichen Schleifpapieren bastelten wir aus den Nüssen unsere Fingerringe…

Nach dem Almuerzo, dem Abschied von den drei Klammeraffen und den sehr freundlichen Leuten des Reserva Serere marschierten wir mit unseren Rucksäcken los zum Ufer des Rio Beni. Dort wartete statt des grösseren Bootes von Madidi Travel ein kleiner Flitzer, zwar ohne Dach doch wohl ein deutlich schnelleres Fortbewegungsmittel. Bereits nach kurzer Fahrt registrierten wir, dass durch Regenfälle im oberen Einzugsgebietes des Rio Beni’s der Wasserpegel deutlich angestiegen war, die zwei Tage zuvor sichtbaren Inseln des Flusses verschwunden waren und auf der Prallseite des sehr breiten Flussbettes an einem Ort über eine imposante Länge die ca. 4-5 hohe Erdmauer zusammen mit der dichten Vegetation abgestürzt war.

Flussaufwärts fahrend bei grosser Wasserlast kam uns der stärkere Bootsmotor ebenfalls entgegen – beim Beobachten von Schildkröten am Ufer bemerkten wir, wie schnell wir flussabwärtsgetrieben wurden. Nach 2.5 Stunden erreichten wir wieder Rurrenabaque, laut unserem Guide wegen der starken Strömung wahrscheinlich halb so schnell als wenn wir mit dem grossen Boot unterwegs gewesen wären. Abgesehen von ein paar Regentropfen wurden wir vom Regen verschont.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Hallo zäme
    Habe mal eure letzten Berichte durchgekämmt und die wunderbaren Fotos genossen….
    Da habt ihr ja wirklich viel erlebt…Geplantes und einen Haufen Ungeplantes;-)))
    Abenteurliche Busfahrten, Ausflug zu Pferd (Füdlischmerzen!!), Potosi und Cerro Rico (eindrückliches Video), Sucre, Nationalpark,Flussfahrten, Moskitos, Klammeraffen, Regenwald, Angeln, Brüllaffen und so vieles mehr…..
    Was wollt ihr den nach solchen Erlebnissen in der Schweiz noch erleben???
    Wünsche euch noch weitere tolle Erlebnisse u häbet nech Sorg.
    Liebi Grüess
    Bidi

    • Hallo Bidi

      Vielen Dank für deinen herzlichen Kommentar. Wir waren sehr erfreut darüber. In der Tat scheint es fast etwas suspekt sich im Moment mit dem Gedanken zu beschäftigen, zurück in die Schweiz zu kommen, allerdings freuen wir uns auch unsere Familien und Freunde zu treffen und haben ein paar Bergtouren im Planungsköcher.. :-) Hoffen wir mal auf gutes Wetter!

      Vielleicht sehen wir uns dann auch an einem SAC-Meeting, würde uns sehr freuen! :-)

      Liebe Grüsse
      Sarah & Raphael

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