Seven Days in Tibet བདུན ལོ། བོད

Gepostet am Dez 29, 2013 in Alle Berichte, Asien, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Tibet | Keine Kommentare

Seven Days in Tibet             བདུན  ལོ།  བོད

Eine wundersame Reise durch den Himalaya auf das

Dach der Welt

[17.-23. Dezember 2013]

Der selbstgewordene Mythos Tibet, die Schwierigkeit Lhasa, die verbotene Stadt zu erreichen, aber einfach auch der Glanz des wohl bedeutendsten Buddhismus der Erde, das Dach der Welt, die vielen tausend Mönche, die grossen Kloster Tashilhünpo, Drepung und Sera und natürlich eine der heiligsten Städte der Tibeter, der Jokhang Tempel und der Potala-Palast des Dalai Lama in Lhasa selbst, die Besetzung des Landes durch eine Weltmacht, die Unterdrückung der Kultur, die wohl langfristig verschwinden wird, aber auch das Wegsehen aller westlichen Mächte. All dies liess uns lange – im positiven, wie auch im kritischen Sinne – vom Dach der Welt träumen. Gerne wären wir auf einen weiteren Trek gegangen, gerne hätten wir den heiligen Berg Kailash der Buddhisten im Uhrzeigersinn umwandert, wo der Yarlung Tsangpo entspringt, der später in unverändertem Lauf in den indischen Brahmaputra übergeht. Die Jahreszeit und die eisigen Temperaturen bis -35°C lassen ein solches Unterfangen aber zur Zeit kaum zu.

Nach einer zweiwöchigen Wartezeit in Kathmandu war es endlich soweit. Wir gehörten zu den Privilegierten, die legal nach Tibet einreisen durften – lange genug war dieser Flecken Erde in unserem Visier gestanden, doch trauten wir uns bis kurz davor nicht, uns richtig zu freuen. Die Chinesen konnten unsere Pläne auch kurzfristig noch zunichte machen. Eine individuelle Einreise für Nicht-Chinesen ist zudem im Moment untersagt, was uns für 7 Tage an einen Guide binden würde. Uns war’s recht, der Guide würde uns viel erzählen können, er würde uns zudem in einem für westliche Touristen schwer zugänglichen Land, wo kaum jemand englisch oder eine andere verstehbare Sprache spricht, den Zugang zu Mensch, Kultur und Religion erleichtern oder erst ermöglichen.

 

Kathmandu –  Totopani – Zhangmu

Am 17. Dezember wurden wir frühmorgens abgeholt und in einer vierstündigen Jeepfahrt auf eher unspektakulären Strecke zur nepalesisch-tibetischen Grenze gefahren. Nach der Ausreise in Nepal überquerten wir eine tiefe Schlucht, zu Fuss über eine massive Brücke und plötzlich waren wir da, in Tibet! Im chinesischen Betonklotz war nichts mehr in einer Sprache angeschrieben, welche wir verstanden hätten, die Grenzwärter machten einen autoritären und etwas furchteinflössenden Eindruck. Die Einreise verlief komplikationslos. Nachdem Marlon, eine Holländerin, welche wir bereits auf dem Annapurna-Trek kennengelernt hatten und mit uns durch Tibet reiste – die Welt ist manchmal klein – ihre beiden Rucksäcke vollkommen ausgepackt und die Grenzwächter sowie unsere nepalesischen und tibetischen Guides auch ihre privatesten Sachen wie Tagebuch in Augenschein genommen hatten und nichts Tibet-sympathisierendes gefunden hatten, wurden wir nach der Kontrolle unserer Fotos auf der Kamera durchgewunken. Natürlich lässt man sich gescheiter nicht erwischen, eine Tibet-Flagge oder ein Bild des Dalai Lamas zu importieren. Die sehr wahrscheinliche Folge würde die Abweisung an der Grenze sein. Unseren deutschen Tibet-Reiseführer gaben wir einem kleinen Nepali-Junge in den Rucksack, der uns zusammen mit dem Fahrer aus Nepal half, einzureisen. Noang, unser aus Lhasa angereister Guide, übersetzte die paar Fragen der Grenzwärter und so waren wir schneller in Tibet, als vorher angenommen.

Unglaublich diese Unterschiede der beiden Nachbarländer Nepal und Tibet, welche man gleich ab der ersten Minute wahrnimmt. Unsere tibetischen Begleiter Noang und Pande, der Fahrer sprachen eine Sprache, deren Klang keiner von uns einer bisher gehörten Sprache hätten zuordnen können, nur die Schriftzeichen glichen denen der Nepali. Das Aussehen von Noang, so denken wir, kommt wohl am nächsten dem Aussehen der Ureinwohner Tibets nahe, seine Gene sind bisher wohl kaum vermischt worden mit anderen Ethnien. Dies ist jedoch ein Phänomen, welches wir in ganz Tibet beobachten. Noangs Gesichtszüge zeichneten sich durch ein breites Gesicht mit einer breiter Nase aus, einer doppelten Lidfalte, welche die ohnehin schmalen Augen zusätzlich zu beschweren schienen und eine lederzähe Gesichtshaut, welche wohl als optimale Anpassung gilt, ausgerichtet auf die durchgehend hohe Sonneneinstrahlung, die enorme Kälte und Winde. Noang sollte sich als herzlicher, kompetenter und gut englisch-sprechender Guide zeigen, der sich gemäss der buddhistischen Lehre zu eigen gemacht hatte, Faulheit, Boshaftigkeit und Eifersucht aus seinem Leben zu verbannen und im Sinne aller fühlenden Wesen ein guter Mensch zu sein.

Unsere erste Nacht verbachten wir in Zhangmu, einer steil an die Bergflanke gebaute chinesische Kleinstadt. Die hohen solid gebauten Häuser schlängeln sich entlang der serpentinenartigen Strassen den Hang hoch. So hat Zhangmu quasi mehrere Etagen. Wir kommen in der untersten unter, in einem kalten und dreckigen Loch.

 

Zhangmu – Shigatse

Unser heutiges Tagesziel war Shigatse, die zweitgrösste Stadt und Hauptstadt des am meisten besiedelten Distrikts von Tibet. Der Weg dahin führte uns über zwei Pässe, zuerst aber in dichtestem Nebel und finsterster Dunkelheit meist in Schritttempo nach Nyalam, wo wir erst gegen 9.45 die ersten Sonnenstrahlen an den riesigen Gipfel des Himalaya sichten konnten. Die Volksrepublik China ist das drittgrösste Land der Erde und besitzt trotz seiner unvorstellbar riesigen Ausdehnung nur eine gemeinsame Zeitzone. Im Winter bedeutet dies für Dörfer und Städte im Westen und Südwesten ziemlich lange Nächte. Am Vorabend waren wir noch erstaunt, weil Noang, unser Guide meinte, wir müssten gegen 7.00 frühstücken und das sei dann sehr früh! Wir lachten und dachten uns alle drei „früh ist wohl anders“. Als wir aber am Morgen rund zwei Stunden in finsterster Dunkelheit mitten in den Himalaya drangen, wurde uns bewusst, dass sich 7.00 wie 5.00 anfühlte.

Bei der Betrachtung der Landschaft in der morgendlichen Düsterheit und anhand der ständig kalten Füsse im Jeep merkten wir, wie kalt es wirklich war draussen. Die zum Teil Meter dicken Bäche sind durch und durch gefroren. Es gibt trotz des offensichtlich viel vorhandenen Wassers kaum jenes im flüssigen Zustand. Wir stoppten auf dem erste Pass, dem Tong La auf 5140m, was für unsere Körper doch einen sich verstärkenden Stress darstellte, unakklimatisiert in dieser Höhe. Wir schauten vom Pass auf ein paar der imposanten Eisriesen des Himalaya. Herausragend war die Sicht auf den Shisha Pangma mit 8027m, dem einzigen aller Achttausender, der ganzheitlich auf tibetischem Boden steht. Eine erhabene Erscheinung. Trotz seiner Grösse scheint er aber von unserem Standort aus, aus der Distanz nicht viel höher zu sein, als unser vom Wind gepeitschter, mit Tausenden von Gebetsfahnen versehenen Tong La Pass. Nach den paar kalten Minuten Rast ging’s wieder runter auf etwa 4700m. Auf halber Strecke zwischen dem Pass und Dingri stiegen wir aus, weil von da aus drei Achttausender zu sehen sind: Lhotse (8516m), westlich davon der Mt. Everest (Qomolangma von Tibet aus) mit seinen 8848m und weiter im Westen der Cho Oyu (8188m). Weil wir allerdings zu dieser Tageszeit und mit dem fast tiefst möglichen Sonneneinstrahlungswinkel genau in die Sonne schauten, wurde das Fotografieren zur Herausforderung. Eine andere Herausforderung habe ich, Raphael entgegengenommen: die akute Höhenkrankheit wohl verbunden mit zu wenig Nahrungsaufnahme. Bleiches Gesicht, Übelkeit und kurz vor dem zusammenklappen. Doch nach etwas Ruhe, Traubenzucker, Cola, Snickers und dem Mittagshalt mit einer wunderbaren Thukpa (Noodelsoup) ging’s wieder bergauf, einerseits mit meinem Zustand und andererseits auf den nächsten Pass, den Lalung La auf 5050m.

Rund zwei Stunden später, durch typisch tibetische, wüstenartige Hochlandschaften, unterbrochen mit kleinen tibetischen Siedlungen und immer wieder dem einen oder anderen Eisriesen, gelangten wir in Shigatse an. Vor Shigatse mussten wir noch 20 Minuten am Strassenrand anhalten. Das müssen fast ausnahmslos alle Fahrer motorisierter Gefährte hier in Tibet. An Checkpoints bekommen sie nämlich ein Speedcontrol-Ticket, auf welchem die Abfahrtszeit steht. Die Ankunftszeit beim nächsten Checkpoint wird aus der durchschnittlich erlaubten Fahrgeschwindigkeit errechnet. Oft sieht man ein-zwei Kilometer vor den Checkpoints Busse, Lastwagen und auch Motorfahrräder in Schlange am Strassenrand stehen, weil sie ansonsten eine heftige Busse bezahlen müssten. In Shigatse war es bitterkalt, wir legten uns früh in die Schlafsäcke in unserem ungeheizten, eiskalten Zimmer, aber ausgerüstet mit einer heissem Feldflasche. In Tibet ist die Mitnahme eines Schlafsacks auch beim Übernachten in Hotels unabdingbar.

 

Tashilhunpo – Shigatse Dzong

Am heutigen Tag blieben wir in Shigatse. Eine faszinierende Stadt, auch weil Shigatse unsere erste tibetische Stadt war, die wir besuchen konnten. Der chinesische Einfluss ist gross, auch hier scheint das gesamte Geschäftsleben in chinesischer Hand zu sein. Neben dem wohl berühmtesten Kloster jenseits von Lhasa, dem Tashilhunpo, steht in Shigatse, erhoben auf einem grossen Felsen der Shigatse Dzong. Dzong bedeutet Festung. Das Bauwerk wurde aber während der Eroberung Tibets durch die Chinesen komplett zerstört, wie eigentlich alle Dzongs, die uns begegneten.

Tashilhunpo ist eines der ältesten Kloster Tibets und wurde im Jahre 1447 durch einen Neffen und Schüler Tsongkhapas erbaut. Tsongkhapa selbst war einer der zu seiner Zeit überragender Gelehrter. Er war es, der den bis heute andauernden Buddhismus im Grossraum Tibet wieder einführte, nachdem die mongolische Besetzung die vorher bereits bestehende Religion weitgehend zerstörte. Gendün Dub und sein Nachfolger Gendün Gyatsho wurden nach ihrem Tod zum ersten und zweiten Dalai Lama in Tibet gekührt. In der Folge wurde das Tashilhunpo aber von den Panchen Lama geführt, die zugleich weitgehend autonom den Distrikt Tsang (Shigatse) unter sich hielten. Heute leben im Kloster rund 800 Mönche und weitere 100 Novizen am Fusse des Droma Ri. Die Kloster und generell die heiligen Stätten in Tibet werden in einer unvergleichbaren Form von vielen tausenden Pilgern jährlich besucht. Die Tibeter bringen flüssige oder pulvrige Yakbutter und kleine Geldnoten mit sich, um diese den hunderten von heiligen Statuen, Bildern und Mönchen betend vorzulegen, die Yakbutter in die Butterlampentöpfe zu giessen. Die Zeremonien sind verbunden mit tiefem brummen, beten und sich zu Boden werfen. Die Tibeter sind Weltmeister im rücksichtslos vordrängeln, scheinen vom Schlangestehen noch nie etwas gehört zu haben. Weil das aber ihre Zeremonie ist und weil man ihnen einerseits die Ernsthaftigkeit ihres Tuns ansieht, aber auch die überaus tiefgreifenden, innigen, fast ehrfürchtig-ängstlichen Blicke und das nach dem grossen Staunen erscheinende Lächeln, oft versüsst durch zwei völlig desolate Zahnreihen, lassen ihre Gedränge in Vergessenheit geraten.

Bereits verflüssigte Yak-Butter wird als Nahrung für die Kerzen geopfert.

Die erste Halle, die wir zusammen mit den drängelnden Pilger besuchten, war die Maitreya-Kapelle, in jener sich einer der grössten sitzenden Buddhas der Erde in seiner Meditationsgeste (Dhyani-Mudra) befindet. In diesem Gebäude, aber auch im Gebäude, wo das Grab des 10. Panchen Lama sich befindet (1989 gestorben), sind die Pilger am innigsten mit ihrem Glauben verbunden. Beim Eintritt in die Vorhöfe der Gebäude schlagen sie den Kallen der Glocke ein oder drei mal an die Glockeninnenwand, danach beim Eintreten in die Gebäude legen sie die Hände zusammen und heben sie weit über den Kopf, an die Stirn und danach an die Brust, bevor sie Yakbutter und Geld opfernd vor die Buddhas legen. Oft werfen sie sich auch direkt vor den Buddhas zu Boden. Die Gerüche in den Rundgängen sind meist gewöhnungsbedürftig, zumal die Tibeter sich und ihre Kleider in der kalten Jahreszeit wohl nur selten waschen, andererseits aber auch weil überall Butterlämpchen, Räucherstäbchen und andere „heilige“ Zweige und Hölzer verbrannt werden. Das die Tibeter sich vor allem zu dieser Jahreszeit nicht waschen, ist durchaus nachvollziehbar. Warmwasser ist in ganz Tibet eine Frage des Luxus, das sich kaum jemand leisten kann. Gerade in den höher liegenden Gebieten ist alles Wasser gefroren, wo sicherlich die begrenzten Brennmaterialien zum Kochen verwendet werden und nicht um Waschwasser herzustellen.

Nach dem Rundgang marschierten wir „frei“, ohne unseren Guide Noang durch Shigatse. Wir bemühten uns ein Restaurant zu suchen, was auch hier gar nicht so einfach ist. Doch wie überall fanden wir eine kleine Imbissbude, die eine Speisekarte mit Bilder und einzelnen Abschnitten mit arabischen Buchstaben hatte. Die Thukpa, eine spezielle Noodle-Soup mit Gemüse und Nüssen war sehr gut! Nachmittags schlenderten wir dann noch durch die Stadt, Kaffee fanden wir keinen, dafür begegneten wir dem doch imposanten Fleischmarkt vor dem Shigatse-Dzong, wo haufenweise Yak- und Ziegenfleisch angeboten wurde. Auch der tibetische Markt war eine spezielle Erfahrung, zumal uns die Leute oft lange nachschauten, so selten scheint ihr Kontakt mit westlich aussehenden Menschen zu sein.

 

Shigatse – Gyantse

Wir fuhren in Shigatse in Eiseskälte ab, auch wenn die Sonne schon seit einer Stunde schien. Wir fuhren immer im selben Tal, dass sich stufenförmig, aber ungefähr auf selber Höhe, also rund 4000m über Meeresspiegel gegen Südosten schlängelt. Manche typisch tibetische Häuser und kleine Siedlungen waren beim Vorbeifahren ersichtlich geworden. Die meisten Häuser sind durch einen lehmigen Verputz total grell-weiss verputzt. Ihre Form ist jene eines Quaders, die meisten besitzen nur ein Stockwerk. An den oberen Kanten des Hauses finden sich schwarz-rote, herausragende Holzbalken. Weiss-Schwarz-Rot bedeuten in Tibet, dass die Familie beschützt wird, bestärkt durch Glück, Schutz und eine gute Zukunft. Da die Landschaft relativ karg ist, verwenden die Tibeter Yak-Dung als Brennmittel zum Kochen und Heizen. Den Dung kleben sie zum Trocknen an die Aussenmauern, die die Häuser umgeben. Ein lustiges Bild ergibt sich bei den Siedlungen, da zum Teil die ganzen Mauern in einem gleichförmigen Yak-Dung-Muster zugeklebt sind.

Wir gelangten gegen Mittag in Gyantse an. Gyantse ist etwas kleiner als Shigatse. Weil es sich auf einem Umweg nach Lhasa befindet, also nicht auf der moderneren Friendshiproad, erscheint uns Gyantse etwas ursprünglich „tibetischer“. Die Hauptattraktion ist neben dem ebenfalls neu wieder aufgebauten Gyantse Dzong, der allerdings überaus herausragend auf den steilen Felsen inmitten der Stadt steht, das Kloster Pälkhor Chöde, dass einer der schönsten je gesehenen Chörten beherbergt, den Kumbum Chörten. Das Kloster liegt im Nordwesten der Stadt, einverleibt in einen halbrunden Felsen auf dessen Grat eine grosse Mauer und eine imposante Thankawand (thanka wall) steht. Auch im Pälkhor Chöde machten wir zusammen mit den Pilgern einen interessanten und atemraubenden Rundgang. Wir haben nie vergessen, dass sich unsere Rundgänge, Treppen rauf, Treppen runter, Weg hoch, Weg runter auf 4000m vollzogen, es war jederzeit anstrengend. Danach dürften wir selbständig den Kumbum Chörten besuchen. Er besitzt drei Etagen, die man über steile, dunkle Treppen erreichen kann. Der Chörten ist ein begehbarer Stupa der 100’000 Abbildungen. Er ist der einzige gebliebene seiner Art in ganz Tibet. Kum bedeutet Statue und Um bedeutet 100’000. Er stellt ein begehbares, 3D-Mandala dar. Der Chörten wurde durch den Prinzen Rapten Kunzang im 15. Jh. gebaut. Die drei Etagen symbolisieren drei Baustile, wobei die erste Etage die tibetische Baukunst repräsentiert. Die mittlere Etage unterliegt chinesischem Vorbild und die oberste ist an nepalesische Architektur angelehnt. Die Aussicht auf die tibetische Altstadt und den Rücken des Gyantse Dzong ist einmalig.

 

Gyantse – Khampa La 4799m– Lhasa

Nach Gyantse erwartete uns Lhasa, die Vorfreude war riesig am heutigen Morgen. Spätestens seit der Verfilmung des Klassikers „Sieben Jahre in Tibet“ und der überaus empfehlenswerten Lektüre, geschrieben durch den österreichischen Abenteuerer Heinrich Harrer, ist die Erreichung Lhasas ein Wunschtraum geworden, der heute in Erfüllung gehen wird. Von Gyantse mussten wir heute aber nochmals auf fast 5000m hoch fahren. Zuerst passierten wir den ersten Pass am Fusse des überwältigenden Siebentausenders Nöjin Kangsa (7191m), danach stoppten wir für den Mittagsrast in Nakartse. Nach Nakartse umrundeten wir den fast 600 Km² grossen Yamdrok Yumtso, einen türkis-blauen wunderschönen See. Die eisige Kälte und die Staub und Sand aufpeitschenden Winde luden uns aber jeweils nur zu kurzen Photostopps ein, sei es am Ufer des Sees oder auf dem nachfolgenden Pass Khampa La auf 4799m. Nach dem Pass ging’s runter. Zuerst überquerten wir den Yarlung Tsampo (Brahmaputra), den heiligen am Kailash entspringenden Fluss, danach erreichten wir die östliche Vorstadt Lhasas. Was wir uns bisher nie bewusst waren: Lhasa ist eine riesige moderne Stadt, die durch die Chinesen doch massgebend geprägt wurde. Allem voran die durch die Chinesen als Ring um die Altstadt erbaute Neustadt wirkt abschreckend und in diesem Umfeld völlig unpassend. Grosse, in den Himmel ragende, moderne Häuser empfingen uns so bei der Einfahrt in Lhasa, nicht gerade das, was man bei der Ankunft erwartet. Etwas überwältigt im negativen Sinne schauten wir ungläubig aus dem Fenster.

 

Lhasa

In Lhasa besuchten wir die beiden Kloster Drepung und Sera. Ursprünglich, zu Zeiten, als der Dalai Lama noch über Tibet regierte, waren die grossen Klöster Sera, Drepung und Ganden die drei Stützpfeiler Tibets. Weil Politik und Religion in Tibet auf’s Engste verstrickt und zusammengebunden waren, waren die Mönche eine mit viel Respekt und Fürsorge zu behandelnde politische Institution. Der Dalai Lama und alle anderen politischen Kräfte waren sich dies stets bewusst. Die Unterdrückung der Mönche, die Limitierung der Lehrplätze in den Klostern und die totale Kontrolle über sämtliche religiöse Institutionen widerspiegeln diesen Sachverhalt in der heutigen Welt Tibets. Die Kloster, sei es Tashilhunpo, Drepung oder Sera sind heute nur noch Fassade einer ehemaligen Zeit. Auch wenn einige Mönche ihr Handwerk Tag für Tag praktizieren, scheinen sie gegeben durch die Unterdrückung ihr ursprüngliches Amt der Politik nicht mehr ausüben zu dürfen, währenddem aber die Religion weiterhin eine wesentliche Rolle spielen darf.

Das Kloster Drepung beherbergte vor der Liberation 10 000 Mönche. Es war das grösste Klöster und das beste Ausbildungszentrum Tibets. Die hohen Mönche des Klosters Drepung waren nicht nur überaus gut gebildete Gelehrte, sie hatten auch innerhalb des Staatsapparats wichtige Befugnisse, Pflichten und Rechte. Während der Zeit des 5. Dalai Lama wurde das Kloster Drepung dann zum Zentrum der tibetischen Politik.

Von einst 6600 Mönchen im Kloster Sera, dem Kloster der „kämpfenden Mönche“, sind heute noch 800 übrig geblieben. Es liegt 5 Km nördlich der Stadt Lhasa und ist durch seine windgeschützte Lage einer der wenigen warmen Orte, die wir hier in Tibet besucht hatten. Das Kloster Sera ist insbesondere einen Besuch Wert, wenn man zusehen will, wie die vielen Hunderten von Kindern, die mit ihren Eltern zum Kloster pilgern, von hohen Mönchen gesegnet werden. Andererseits finden sich jeden Nachmittag die rituellen Debatten von rund 100 Mönchen im Hinterhof eines der ursprünglich drei wichtigsten Mönchsuniversitäten, die sich allesamt im Kloster Sera angesiedelt hatten. In Anbetracht dieser Szenen erinnern wir uns an die Mönche bei der U-Bein Brücke in Burma, deren Esstisch man begutachten kann.

 

Jokhang Tempel – Begegnungen der anderen Art

Nirgendwo sonst kamen wir den Tibetern näher als auf einer spirituellen Runde – genannt Kora – um einen heiligen Ort. Unterwegs rund um den Jokhang-Tempel in Lhasa, dem Zentrum des tibetischen Buddhismus, fanden wir uns inmitten von Pilgern aus ganz Tibet wieder. Im Winter, wenn die Ernten eingebracht sind und das Leben in den kälteren Regionen zum Überlebenskampf wird, begeben sich jene Familien, die es sich erlauben können, nach Lhasa. Dies ist der Ort, wo sie ihre Spiritualität leben können und sich eine Zeit lang fast ausschliesslich damit beschäftigen können. Im Uhrzeigersinn gingen wir gemächlich im Strom der Pilger und liessen uns treiben. Dabei kam es dazu, dass Menschen neben uns her gingen, um uns aus nächster Nähe beobachten zu können. Anderen waren wir in ihr Blickfeld geraten, nach dem Wegschauen wendeten sie ihre Köpfe erneut in unsere Richtung, diesmal mit erstauntem, ungläubigen und manchmal schockiertem Gesichtsausdruck. Die Situationen fanden schnell zu Entspannung, wenn wir mit einem sympathischen Lächeln und freundlichen „Tashidelek“ grüssten. Ihre Gesichtsausdrücke entspannten sich sofort und sichtbar erleichtert antworteten sie ebenso mit „Tashidelek“, währenddem einige von ihnen in tibetischer Sprache begannen, mit uns zu reden – wohl unwissend, dass auf der Welt noch andere Sprachen existieren. Die Bewohner aus den entlegendsten Gebieten Tibets hatten vorher wohl kaum einst weisse Menschen mit grün-blauen Augen gesehen – dies bescherte uns wie offenbar auch ihnen herzliche und berührende Begegnungen – wohl solche, welche man ein Leben lang nie mehr vergisst.

Auf einem Rundgang im Innern des Tempels bekamen wir von einem Mönch tibetische Medizin sowie ein Stückchen eines heiligen Schals, womit man die eigenen Tränen wegwischen kann und dies einem Glück bringt.

Unterdrückung Tibets durch die Chinesen

Nach der Machtübernahme der kommunistischen Partei und Gründung der Volksrepublik China unter Mao Zedong im Oktober 1949 erwachte der Anspruch auf Tibet. 1950 wurde im Radio die Absicht der Befreiung Tibets vom „britischen, imperialistischen Joch“ durch Chinas Volksbefreiungsarmee verkündet. Nach der Einnahme wurde 1951 ein Abkommen unterzeichnet, welches die Integration Tibets in China festlegt, wobei Tibet neben der regionalen Autonomie und Religionsfreiheit auch eine Garantie zugesichert wurde, dass das existierende politische System in Tibet unverändert bleibt. Trotzdem errichtete China eine Militärpräsenz, versuchte die nomadische Bevölkerung in Volkskommunen zur Sesshaftigkeit zu zwingen und respektierten den Dalai Lama als religiöses und politisches Oberhaupt Tibets zunehmend weniger. 1959 brach darauf hin der Tibet-Aufstand aus. Der seither erwachsen gewordene 14. Dalai Lama floh ins Exil nach Indien, bevor ihn die Chinesen gewaltsam aus dem Potala entführen und einsperren konnten. Hunderte der Einwohner Lhasa’s bildeten einen  Ring rundum den Potala und verteidigte den Palast und für die Chinesen scheinbar auch den Dalai Lama mit Inkaufnahme ihres Todes. Der Volksaufstand wurde blutig niedergeschlagen, Zehntausende Tibeter starben.

 

Sichtbare Unterdrückung Tibets heute

Die chinesische Flagge ist in ganz Tibet präsent, währenddem sich unser Guide Noang nur noch wage an das Aussehen der tibetischen Flagge erinnern kann. Denn sie ist seit Jahren in ganz Tibet verboten! An einem klaren, eiskalten Vormittag stehen wir in einem Innenhof des Potala-Palasts, einst Sommersitz  des 14. Dalai Lama, Regierungssitz Tibets. Heutzutage gleicht der Palast einem Geisterhaus, niemand lebt mehr hier, die Räume bis auf einige Meditations- und Gebetsräume und Grabstätten von früheren Dalai Lamas und Panchen Lamas leer. Der im Exil lebende 14. Dalai Lama ist nirgend auf einem Abbild zu sehen – diese sind strikt untersagt, alle darauf hinweisenden Internetseiten von der Regierung gesperrt. Ohne Mimik berichtet Noang darüber, in seiner Stimme ist die unbeschreiblich tiefe Enttäuschung über diesen Verlust zu erahnen und berührt uns sehr. Eingeschränkt in der Ausübung seines Glaubens, unter Verwendung der tibetischen Sprache deplatziert und zunehmend seiner Identität beraubt – die Tragik stimmt uns sehr nachdenklich. Immerhin kann Noang noch als tibetischer Guide arbeiten – die chinesischen Touristenströme in Tibet werden natürlich von Chinesen durch das Land geführt. Auch klar, dass die saftige Einnahme des Eintrittspreises von 30 USD des Potala an die Chinesen geht.

 

Potala Palast

Der Glanzort von Lhasa schlechthin. Jenes Gebäude, dass wir am meisten mit Lhasa verbunden hatten, bevor wir Tibet besuchten, erwies sich bereits aus der Ferne als starker Magnet, dessen Anziehungskraft magisch auf einen wirkt. Am Tag nach unserer Ankunft war darum auch bereits unser Besuch im riesigen ehemaligen Winterpalast des Dalai Lama geplant. Früh standen wir vor den über 50m in die Höhe ragenden Wänden des Potala und kamen bereits nach wenigen Minuten zusammen mit den Tibeter und Chinesen ins Schnaufen. Von den rund 1000 Räumen des Potala dürfen Touristen nur deren 25 besuchen. Zwar befinden sich die meisten im religiösen Teil (roter Teil des Palasts), eindrucksvoll ist es trotzdem! Nach den ersten paar Räumen, zum Beispiel desjenigen, worin der Dalai Lama seine politischen Gäste empfing oder dem kleinen Raum daneben, worin der Dalai Lama von hohen Mönchen in Sachen Religion geschult wurde, begaben wir uns auf die grosse Dachterrasse des weissen Ostteils des Potala. Auf diesem führt der Weg in den höchsten, den mittleren, religiösen Teil des Palasts. In unglaublich engen Gängen wanden wir uns mit dem Strom der sich zu Boden werfenden, brummenden und betenden Tibeter, dicht gedrängt entlang der riesigen chörtenhaften Gräber des 8. – 12 Dalai Lama. Nach mehreren, sehr heiligen Räumen, unter anderem auch desjenigen, worin Songtsen Gampos meditierte, stiegen wir eine Etage runter und gelangten um eine enge Ecke entlang drei weiterer Gräber. Darunter befand sich wohl das am reichsten bestückte Grab des 5. Dalai Lama, dessen Grabchörten mit 133Kg Gold, Juwelen und vielen anderen wertvollen Steinen dekoriert ist. Danach  führt die touristische Kora durch den Hinterausgang wieder an die frische Luft, runter auf den Weg der richtigen Kora, die um den Potala führt. Beeindruckt und fast etwas erschlagen, verliessen wir den riesigen Potala zusammen mit den Pilger wieder.

Der Potala vereinbart dasjenige Gut, dass die Tibeter neben ihrem täglichen, einfachen aber zufriedenen Leben identifizierte: Die Verknüpfung des Heiligen mit demjenigen eines gut funktionierenden Staatsapparats. Der Glaube in ein Miteinander, geführt durch die Reinkarnationen verschiedener Heiligen, die als grosse Vorbilder vormachten, wonach zig tausende Tibeter danach zu leben versuchte, aufrichtig, friedlich, einladend und vor allem ungestört.

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