Vilcabamba – eine Quelle für die Sinne

Gepostet am Jun 4, 2013 in Alle Berichte, Ecuador, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., per pedes, Südamerika, Wandern T4+ | Keine Kommentare

Vilcabamba – eine Quelle für die Sinne

Im Tal der alten Menschen…

[30. Mai – 3. Juni 2013] Ecuador

Gehört haben wir bereits viel vom sagenumwobenen Süden Ecuadors, der Provinz Zamora-Chinchipe – dabei ist in aller Munde das Wort Vilcabamba hervorgetönt. Wer nichts wagt, der gewinnt nichts. So sind wir nach unserem Strandurlaub in Montañita, den wir nach den intensiv genossenen Galápagos-Inseln gebraucht haben, mit einem Bus um 17.00Uhr nach Guayaquil gefahren. In Guayaquil wollten wir nicht übernachten, die Stadt ist riesig, gilt als gefährlich und lädt daher nicht unbedingt zum Verweilen ein. So haben wir den Nachtbus nach Loja (auspr. Locha) genommen. In Loja, einer feucht-warmen, von grün bewachsenen Bergen umrungenen Kleinstadt sind wir morgens um 08.00 Uhr auf einen Kleinbus der COPERATIVA DE TRANSPORTES VILCABAMBATURIS umgestiegen. Die Fahrt nach Vilcabamba dauerte nur eine weitere Stunde, unterwegs füllte sich der Bus sukzessive mit einer Hochzeitsgesellschaft, was uns die Fahrt gefühlt verkürzte.

Vilcabamba ist nur etwas mehr als 3 Grad südlich des Äquators gelegen und stellt hinsichtlich den Tourismus immer noch einen Geheimtipp dar. Bekannt geworden ist die in idyllischer, grüner und fruchtbare Landschaft gelegene montane Region inmitten von Hügeln, Bergen und Nebelwälder durch die angeblich vielen überdurchschnittlich alten Menschen, die hier leben sollen. Gerüchteweise müsste Vilcabamba einer der Orte sein, der die im Durchschnitt ältesten Menschen der Erde beherbergt. Ausserdem ist der Ort und die Region um Loja und Vilcabmaba ein Mekka für Leute, die gerne mal vom alltäglichen Stress abschalten, die meist unberührte Natur geniessen und einfach auch mal den Morgen Tag werden lassen wollen ohne das dies jemanden stören würde.

Die sehr gebirgige Natur mit Erhebungen zwischen 1200 und knapp 4000 lädt allerdings zu einigen der wohl schönsten Wanderungen und Trekkings hier in Ecuador ein. Gegeben durch die Höhenlage stellte sich hier ein etwas eigens Klima ein. Oft ist es morgens noch leicht bewölkt und kühl, sobald aber die Sonne zum Vorschein kommt, wird’s schwül-heiss und gegen den Abend regnet’s dann oft wieder. Eine schier einzigartige Vegetation ist sodann das Produkt dieser speziellen Klimazone. Selbst die steilsten Bergflanken sind durch irgend ein Gebüsch, Baum, Moos, Farn oder eine undefinierbare Pflanze überwachsen. Überdies findet man inmitten dieser Vegetation eine sehr hohe Dichte an verschiedenen Arten von Epiphyten (Pflanzen die von und auf anderen Pflanzen wachsen damit sie näher an’s Licht gelangen können).

In Vilcabamba sind wir in der Hostería Izhcayluma (Bedeutung: zwei Hügel) mit traumhaftem Ausblick untergekommen. Dies bedeutete für uns eine äusserst luxuriöse Unterkunft mit riesigem Frühstücksbuffet, preiswertem Restaurant mit leckeren (vegetarischen) Speisen, Trinkwasser aus der Quelle, Pool in einem wunderschönen Pflanzengarten, Hängematten an jeder Ecke und das ganze Wandergebiet vor der Haustüre. Für all das haben wir nur 15 USD pro Person und Tag bezahlt!

Ecuador’s Festland ist – entgegen der Galápagos-Inseln – generell sehr billig. Gerade erst haben wir im Dorf unten zwei Coca-Cola, etwa 5 Weggli, 2 Käsestrudel und 4 Äpfel gekauft und haben hierfür 2.5USD bezahlt. Eine 8-stündige Busfahrt in einem guten semicama Bus („Halbliegesitze“) kostet rund 12 USD (Cola und Chips inbegriffen). Eine Galone Treibstoff (3.79 Liter) kosten hier 1.48USD (bei uns kostet ein Liter mehr).

Nun sind wir gerade richtig froh, haben wir unseren Aufenthalt in Ecuador um 2 Wochen verlängert, Vilcabamba hätten wir schon mal verpasst. Und das wäre sehr schade gewesen!

Betreffend den Mythos der im Durchschnitt ältesten Menschen, die hier leben sollen, gibt es mittlerweile verschiedene wissenschaftliche Studien, die besagen, dass das hohe Alter der Vilcabambaner wohl eher eine Folge der Übertreibung der alten Dorfbewohner ist, anstelle einer effektive Tatsache. Ein Zitat aus dem Wikipedia-Artikel: „Durch einen Abgleich verschiedener Dokumente und einer selbst durchgeführten Datenerhebung habe sich gezeigt, dass [ ] z.B. [der] Bewohner Miguel Carpio im Alter von 61 Jahren angegeben habe, er sei 70. Fünf Jahre später sagte er, er sei 80, im Alter von 87 behauptete er 121 zu sein.“  (Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Vilcabamba_(Ecuador))

auch schöne Rücken tun entzücken…

Wie schon beschrieben gibt es hier unzählige Trekkings. Einige sind durch die Hostels gepflegt und verwaltet und andere führen durch private Grundstücke und man müsste, wenn der Besitzer es bemerkte, einen Batzen abdrücken um durchzuwandern. Nachdem wir hundemüde in Vilcabamba ankamen (der Bus schüttelte hin- und her und an schlafen war fast die ganze Nacht nicht zu denken), mussten wir uns zuerst mal einen Tag lang in die Hängematte legen. Doch nahmen wir uns eine Wanderung für den kommenden Tag vor:

Trek 1 Izhcayluma Loop T3

Der Izhcayluma Loop ist ein perfekter Trek zum einsteigen hier in Vilcabamba. Einerseits kann man sich schön an’s gewöhnungsbedürftige Klima anpassen, andererseits lernt man beim Wandern über einen der wohl schönsten Grate hier die ganze Region von oben kennen.

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Die Route führte uns zuerst Richtung Dorf, drehte danach allerdings in einem kleinen Bachbett Richtung Süden und bald stiegen wir einem breiten Weg entlang hoch. Der Weg ist gesäumt von wunderbaren Blumen und Gärten worin Kaffeeplantagen gedeihen und Bananen-, Papaya- und Ananaspflanzen wachsen. Nach rund einer Stunde dreht der Weg gegen Osten, danach muss man die geteerte Strasse queren. Nach 300m auf der Strasse führt ein steiler Weg zuerst unter einem Stacheldraht durch, danach direkt hoch auf den Grat. Oben angekommen hat man ein wunderbares Panorama sowohl nach Norden, wo Vilcabamba liegt, wie auch gegen Süden, wo ein Dorf namens Yunza liegt. Alle Berge, seien sie noch so steil sind von dichter Vegetation bewachsen.

Der weitere Verlauf der Route, nun leicht abwärts, erwies sich als wunderbare Gratwanderung, auf unschwierigem Gelände, manchmal mehr, manchmal weniger exponiert. Der Weg führt den ganzen Grat runter in die Entwässerungszone der Flanken, wo wir weglos das gesamte Bachbett abwanderten, bis wir wieder bei der Strasse waren.

Trek-Info: 10.84Km, rund 4h (mit Pausen), Min.-Höhe 1601m ü.M., Max.-Höhe 2083m ü.M., Total Aufstieg: 860m, Total Abstieg: 826m, Wetter: wechselhaft, bewölkt, heiss-feucht / Namengebung: Der Berg hat keinen Namen

 

 

Trek 2 Rumi Wilco Reserva Nacional T3+

Rumi Wilco nennt sich ein Naturreservat am Westende des Dorfes. Das Reservat beherbergt einzigartige Pflanzen wie unter anderem den hier sogenannten Wilco-Baum (Anadenanthera Colubrina). Der Baum ist sehr selten und wurde in vielen Ländern in einen hohen Schutzzustand versetzt. Nebenbei wird die Frucht/Bohne der Plfanze in unter anderen amazonischen Kulturen als psychedelische, sehr stark halluzinogene Droge verwendet. Das Reservat beherbergt daneben mehr als 130 Vogelarten, wobei man davon ausgeht, dass noch nicht alle Arten bestimmt wurden. Die amerikanische Zoologin, die das Naturreservat verwaltet, hat viele der Pflanzen beschrieben und beschreibt an vielen Informationstafeln auf den Trails Angaben über die hier lebende Flora und Fauna.

Die Trails sind hinsichtlich das Gelände nicht ohne, beachtet man die Steilheit und die Ausgesetztheit. Allerdings sind die etwa drei grossen Loops in einem halben Tag abmarschiert. Alles in allem schätzen wir die Wegdistanz auf rund 12Km. Vom Flussbett unten in Vilcabamba ist der direkteste Aufstieg (auf dem folgenden Bild die linke rote Linie) genau 479 Höhenmeter, zugleich aber der steilste und ausgesetzteste Pfad. Trail-Übersicht: http://www.rumiwilco.com/photos/photogalery/terrenos.JPG

 

Trek 3 Parque Nacional Podocarpus T5- (je nach Bedingungen T4-T5)

Den wohl landschaftlich interessantesten „Wanderbesuch“ stellte der Parque Nacional Podocarpus auf der Strecke Loja – Vilcabamba dar. Der Nationalpark wurde 1982 als solcher einberufen. Er umfasst fast 1500Km² Fläche in sehr montanem Gebiet. Der Park erstreckt sich über die Provinzen Zamora Chinchipe und Loja. Er ist herausragend als eine Region die hinsichtlich Pflanzen eine „Megadiversität“ aufweist. Daneben aber nicht unwesentlich sind viele Pflanzenarten hier endemisch (d.h. sie haben sich hier eigenständig entwickelt und sind von anderen Verwandten unterschiedlich). Der Endemismus ist hier speziell gegeben, weil sich der Nationalpark im Schnittbereich vier verschiedener Klimaregionen befindet: Nördliche Anden, südliche Anden, pazifisches Ökosystem und Amzonas.

Die bergige Topologie des Nationalparks erstreckt sich vom tiefen heiss-feuchten Amazonaswald auf rund 1000m.ü.M. bis etwas über 3500m ü.M., wo das Klima oftmals durch Nebel, Nieselregen, starke Regenfälle und kühle Temperaturen gegeben ist. Auch die höchsten Grate und Berge des Nationalparks sind mit viel Vegetation bewachsen, auch wenn in dieser Höhe die Vegetationshöhe eher gering ist (ca. bis 1m hoch).

Neben der bemerkenswerten Vegetation können in den Wäldern des Nationalparks Bergtapire, Brillenbären, Pudus (eine südamerik. Hirschenart) und Jaguare angetroffen werden.

Entgegen des Wikipedia-Eintrages (http://en.wikipedia.org/wiki/Podocarpus_National_Park) ist der Eintritt frei. Im oberen Park gibt es ein Refugio, in dem auch übernachtet werden kann. Unangenehme Nachttemperaturen sollten allerdings zur Mitnahme von warmen Kleidern und einem guten Schlafsack animieren. Vom Refugio aus können im wesentlichen zwei Hikes gemacht werden. Einen Durchlauf stellt einen Loop dar, der über den ganzen Nord-Grat des östlichen Nationalparks auf die nordsüdlich sich entlangziehende Bergkette zwischen Loja und Vilcabamba steigt und danach, am höchsten Punkt  (rund 3400m ü.M.) angekommen wieder direkt runter zum Refugio führt. Die Wanderung ist wunderbar, ein Genuss! Allerdings ist je nach Wetter – und wir haben’s echt nicht so gut getroffen – sehr viel Achtsamkeit auf den Weg zu richten.

Der Weg führt bis zum ersten Mirador relativ einfach aber grosstrittig in dichtem Nebelwald hoch. Ab dem Mirador, der einem einen wunderbaren Ausblick über das gesamte Tal zwischen Loja und Vilcabamba beschert, führt der immer ausgesetztere Weg direkt auf dem Grat entlang auf und ab. Weil es nur spärliche Informationen gab, waren wir doch etwas überrascht über den Schwierigkeitsgrad der Wanderung. Trotzdem konnten wir sie, auch bei Nebel, Wind und Niesel sehr genossen. Immer wieder führt der „Weg“ steil empor, manchmal leichte Kletterei (I), danach auf flacheren Gratabschnitten wieder auf beide Seiten abwärts.

Trek-Info: 15.34Km, rund 5.5h (mit Pausen), Min.-Höhe 2361m ü.M., Max.-Höhe 3367m ü.M.,Total Aufstieg 829m, Total Abstieg 1386m, Wetter: wechselhaft, starker Nebel, starke Gratwinde, Regen, kalt-feucht

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Bei schönem Wetter müsste die Aussicht wunderbar sein, auch hat man mit zunehmender Höhe eine immer grandiosere Aussicht auf den Grat. Der Abstieg zum Refugio ist relativ direkt; wir vermuteten einen sehr steilen Abstieg, was sich dann aber in Tat und Wahrheit eher in Grenzen hielt.

Auf einmal machte es hinter mir „kreisch, krach, boom“, ich kehrte mich sofort um und sah zwei Beine in den Himmel gerichtet und einen grün-schwarzen Klumpen in’s Gebüsch fallen. Der Klumpen war Sarah, die im rutschigen Gelände in einer Kurve ausrutschte und im Stile eines „Snowboardpros“ gekonnt einen Backflip in’s dichte Gebüsch wagte. Zum Glück war ausser einer kleinen Schramme am Ellbogen nichts geschehen, die Bergung erfolgte rasch und effizient.

Am Refugio angekommen, besserte sich das Wetter wieder und wir liefen die 8.5Km der schönen Kiesstrasse entlang. Unten beim Parkeingang angekommen, musste man sich wieder austragen. An der Strasse kann man einem Bus winken und fährt dann in ca. 50 Minuten zurück an den Terminal de Buses in Vilcabamba.

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