Vom Glück des Zufalls – Armut und Reichtum

Gepostet am Jul 11, 2013 in Alle Berichte, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Nicaragua, Zentralamerika | Keine Kommentare

Vom Glück des Zufalls – Armut und Reichtum

 

Nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern! 

(von Jean Ziegler)

Warum ist Nicaragua arm?

Inspiriert von der Reiselektüre „Wir lassen sie verhungern! Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“ von dem Soziologen Jean Ziegler und dem Bewusstsein, dass wir uns in einem von grosser Armut betroffenem Land bewegen, sind wir der Frage „Warum ist Nicaragua arm?“ nachgegangen. Denn häufig täuscht der erste Eindruck. Die scheinbar grenzenlose Vegetation und somit gute Voraussetzungen für Landwirtschaft (gutes Klima, fruchtbare Böden), Berge tropischer Früchte, die grösstenteils sauber und gut gekleideten Menschen im Bus, auf dem Markt, in den Strassen. Doch wenn man mit offenen Augen in einem Land wie Nicaragua unterwegs ist, erhält man auch viele Eindrücke und Bilder, die den bescheidenen Lebensstandard einer Familie widerspiegeln, jedoch sammelt man so keine handfesten Fakten und Zahlen für Armut.

Immer wieder auf unseren Reisen werden wir mit Armut konfrontiert; man erlebt die krassen Gegensätze zwischen sich und der Frau mit den zwei Kleinkindern auf dem Sitzplatz nebenan hautnah. Dabei wachsen die Fragen danach, was die vielseitigen und komplexen Gründe dafür sein mögen. Immer mehr davon überzeugt, dass der Zufall über Armut oder Reichtum entscheidet, haben wir uns dieser Frage angenommen und Zahlen und Fakten gesammelt. Der folgende Text ist jedoch weder vollständig noch stets immer mit handfesten Beweisen untermauert, da er teils einfach auch unserer subjektiven Einschätzung entspricht. Die Betrachtung von Nicaragua ist dabei exemplarisch, denn viele Entwicklungsländer tragen ähnliche Schicksale.

 

Was ist Armut?

Wir sind nicht zuletzt hier in Nicaragua vielen Menschen begegnet, deren Besitztümer vielleicht auf den Wert unseres Gepäcks reduziert werden können – für uns als materialistische Bewohner eines Industriestaates fast unvorstellbar. Allerdings gewinnen wir des öfteren den Eindruck, dass ihr persönlicher Wohlstand – geprägt durch das Sozialsystem „Grossfamilie“, ihre Lebenszufriedenheit und -qualität – der HÖHERE ist, als denjenigen materiellen und auf das Geld bezogene Wohlstand wir als solchen ansehen. Unser Verständnis von Wohlstand und Zufriedenheit ist eine gewachsene Vorstellung, in der Geld und materieller Reichtum die Hauptrolle spielt. Ist Wohlstand, Armut und Reichtum also eine Frage der Definition?

Bitter und unserer Meinung nach wesentlich ist Armut im Verhältnis zum Reichtum, wenn Menschen Hunger leiden, wenn sie aus verschiedenen Gründen schwer erkranken (Unter- und Mangelernährung, Tropenkrankheiten, hygienisch bedingte Erkrankungen), keinen Zugang zu einem Gesundheits- und Bildungssystem haben oder dies nicht bezahlen können. Wenn übertragbare Krankheiten Familienmitglieder aus dem Leben reissen und die Familiensysteme instabil machen, brutale Verbrechen an unschuldigen Menschen geschehen und wenn (einer der Haupttäter der Armut) die blutrünstige Korruption auf allen Ebenen einer Gesellschaft wütet. Wenn dies zutrifft, dann ist ein Mensch in unseren Augen arm.

Was bedingt die Armut? Welche Faktoren bedingen die Armut in Nicaragua?

 

Wirtschaft und Staat

Gemäss Jean Zieglers Buch „Wir lassen sie verhungern“ sieht es folgendermassen aus:

Der Hunger betrifft in Lateinamerika und der Karibik 53 Millionen Menschen. In Nicaragua wird jedes Jahr ein Korb mit den 24 Grundnahrungsmittel definiert, die einen 6-köpfige Familie im Monat braucht, um zu überleben. Im März 2011 kostetet der Korb in Nicaragua 6250 Córdobas, entsprechend 500US$. Doch der gesetzliche Mindestlohn eines Landarbeiters belief sich damals auf 1800 Córdobas oder 80US$.

Gemäss letzten Schätzungen und Hochrechnungen des UNDP (United Nation Developement Programme) beträgt der Durchschnittseinkommen der Nicas rund 1700$US im Jahr (entspricht in etwa dem BSP pro Kopf). Auf den Monat runter gerechnet entspricht dies einem mittleren Einkommen von rund 142$US.

Neben den absoluten Kennzahlen wie Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Bruttosozialprodukt (BSP) ist die Einkommensverteilung in Nicaragua bemerkenswert: nur rund 20% der Bevölkerung generieren ein Einkommen von 65% des Gesamttotal aller Einkommen der Nicaraguaner. Der diesen Zustand wiedergebende Indikator heisst GINI-Index und liegt bei etwas über 40 – dies entspricht einer im weltweiten Durchschnitt relativ starken Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen. Gerade wegen der ungleichen Einkommensverteilung, die wir im GINI-Index sehen, muss man aber davon ausgehen, dass die 80% der Bewohner Nicaraguas, die vom Gesamteinkommen nur einen Anteil von ca. 35% generieren, unter 142$US pro Monat an Einkommen erreichen. Somit dürften sich mehr als 60% der Gesamtbevölkerung den an und für sich notwendigen Warenkorb nicht leisten können. Konsequenz ist primär: Unter- und Mangelernährung, schlechte Hygiene, sehr eingeschränkte Gesundheitsversorgung etc.

Allerdings muss hier auch der Richtigkeit wegen dargestellt werden, dass der Landwirtschaftsanteil mit ungefähr 50% (Quelle Weltbank) einen so hohen Anteil ausmacht, dass sich viele Nicas in einer mehr oder weniger ausgeprägten Subistenzlandwirtschaft zumindest saisonal sich unabhängig ernähren können, ohne die Lebensmittel auf dem Markt beschaffen zu müssen. Wenngleich gemäss einer Messung der Weltbank noch im Jahr 2005 12% der Nicas mit weniger als 1.25$US auskommen mussten, was uns happig erscheint und sich wohl bis heute nicht massiv verändert hat. Das hierfür nicht dichtere Daten vorliegen lässt die Geschichte nicht wesentlich besser dastehen.

Ein Vergleich aller Zentralamerikanischer Staaten (ausgenommen Belize, was keine Zahlen lieferte) – Bruttoinlandseinkommen

Data from World Bank

 

GINI-Index in der Entwicklung: http://devdata.worldbank.org/DataVisualizer/

Die Landfrage ist in Nicaragua ebenfalls ein grosser Konflikt. Im Laufe der politischen Umwälzungen wurde das Land mehrmals vergeben, ohne immer die Besitzer bei den zuständigen Ämtern einzutragen. So ergaben sich überschneidende Besitzansprüche auf dasselbe Stück Land. Dies führt bis anhin zur Enteignung von Land, damit Acker- und Weideland und nicht zuletzt Lebensraum. Meist sind die Ärmsten der Armen betroffen, müssen in nicht beanspruchtes Gebiet weiterziehen oder vom Land in die Elendsviertel der Stadt flüchten. Der Staat schafft es bis heute nicht eine Garantie für Eigentumsrechte zu erbringen.

Der Human Development Index (HDI) Index der UNO ist ein Wohlstandsindikator für Länder, welcher neben dem Pro-Kopf-Einkommen die Lebenserwartung und den Bildungsgrad berücksichtigt. Der Faktor Lebenserwartung wiederum gilt als Indikator für Gesundheitsfürsorge, Ernährung und Hygiene.

Das Ranking 2012 zeigt, dass  die Schweiz erwartungsgemäss mit Rang 9 unter die Kategorie „Hohe menschliche Entwicklung“ fällt. Die folgenden Staaten fallen unter die Kategorie „Mittlere menschliche Entwicklung“: 108. Bolivien, 129. Nicaragua, 138. Kambodscha und zusammen mit vielen anderen afrikanischen Staaten unter „niedrige menschliche Entwicklung“ auf Platz 152 Tanzania.

Beim Reisen durch Nicaragua wurden wir durch Begegnungen mit Nicas in den unterschiedlichsten Situationen sehr beeindruckt. Ihre lebensfreudige, sympathische und offene Art hat uns gezeigt, wie zufrieden sie wirken obwohl sie unter „erschwerten Lebensbedingungen“ leben, mit grossem Fleiss motiviert einer Beschäftigung nachgehen und versuchen, für den Lebensunterhalt einer Grossfamilie zu sorgen. Der Happy Planet Index bestätigt den Eindruck der hohen Lebenszufriedenheit.

Der Happy Planet Index (HPI) ist ein Index, bei welchem Werte für Lebenszufriedenheit, Lebenserwartung und Ökologischen Fussabdruck kombiniert und somit das Kriterium der Nachhaltigkeit mit einbezieht. Vereinfacht gesagt wird die durchschnittliche Lebenserwartung mit der Lebenszufriedenheit multipliziert und durch den ökologischen Fussabdruck dividiert. Von 193 Staaten besetzt Nicaragua Platz 8, die Schweiz bereits den 34. Platz. Währenddem wir in der Schweiz eine durchschnittliche Lebenserwartung von 82.3 haben, eine Lebenszufriedenheit von 7.5 (von 10 Scores) und einem ökologischen Fussabdruck von 5 (Ressourcenverbrauch von 5 Erden für diesen Lebensstil aufrecht erhalten zu können) haben, hat Nicaragua eine Lebenserwartung von 74, eine Lebenszufriedenheit von 5.7 und einen ökologischen Fussabdruck von 1.6. www.happyplanetindex.org/data

Auch wenn Nicaragua mit Platz 8 im Happy Planet Index mit der relativ hohen Lebenserwartung (im Vergleich zu Ländern wie Tanzania mit 58.2) und der hohen Lebenszufriedenheit relativ gut dasteht, soll dies nichts vergolden. Denn der weit unterdurchschnittlich tiefe ökologische Fussabdruck in Nicaragua aufgrund des minimalen Konsumverhalten (Konsumgüter, Nutzung von motorisiertem Verkehr, Freizeit ect.) hebt das Land auf diese Spitzenposition und ist deshalb mit grosser Vorsicht zu geniessen.

 

Der Staat und internationale Betrachtungen

Durch die Machtübernahme der Sandinisten in den späten 70er Jahren, der bis heute regierenden Mehrheit, hatte Nicaragua einen mächtigen Gegenspieler, der im Rahmen der Eindämmungspolitik gegen den Kommunismus sämtliche antikommunistischen Lager weltweit unterstützte. So unterstützte die USA durch finanzielle Mittel und Waffenverkäufe eine paramilitärische Organisation, die jahrelang auch von Honduras aus operierte und so einen Bürgerkrieg über Jahre aufrechterhielt. Der Bürgerkrieg forderte bis 1990 30’000 Todesopfer, zerstörte Infrastruktur und führte zu anhaltenden gesellschaftlichen Instabilitäten, die weder wachstumsfreundlich noch nachhaltig waren.

Das durch die Geschichte entstandene Verhältnis mit den USA zieht seine Fäden bis heute – weniger ausländische Investitionen fliessen nach Nicaragua als zu sämtlichen Nachbarn Costa Rica, Honduras, Guatemala, El Salvador und Belize.

 

Korruption und Staatsschulden

Fehlen tun bis heute eine stabile politische Grundgesamtheit, die keinen oder jedenfalls weniger Platz für Korruption beinhalten und auch die Einbindung von Minderheiten (-Meinungen) zulassen würde. In einem fortwährend berechneten Index über das Ausmass der Korruption in Staaten der ganzen Welt, nimmt Nicaragua einen „Spitzenplatz“ ein (Korruptionswahrnehmungsindex ist sehr hoch: http://www.transparency.org/cpi2012/results). Nur eine Handvoll Länder sind im Ranking korrupter als Nicaragua. Es mangelt des Weiteren an einer guten, das ganze Land umfassenden Strassen-, Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur (Wasser, Strassen & Elektrizität).

Daneben leidet Nicaragua an sehr hohen Staatsschulden und einem diesen Umstand verschlechternden jährlichen Handelsbilanzdefizit (Importüberschuss im Verhältnis zum Export) von über einer Milliarde $US. Nicaragua gehört zu den 39 „heavily indepted poor countries“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Heavily_Indebted_Poor_Countries), also zu den 39 höchstverschuldetsten und zu gleich armen (Entwicklungs-) Ländern der Welt.

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Erzwingung kapitalistischer Strukturen

Gemäss Jean Ziegler „Wir lassen sie verhungern.“ beliefen sich die Auslandschulden der 122 Staaten, die die sogenannte Dritte Welt bilden, Ende 2010 auf über 2100 Milliarden Dollar und werden vom Internationalen Währungsfond (IWF) verwaltet. Damit diese Staaten die Zinsen und Amortisationsraten bei den Banken und dem IWF bezahlen können, brauchen die Schuldner-Länder Devisen. Devisen können sich die Entwicklungsländer beschaffen, indem sie die Produkte oder Rohstoffe gegen den (auf dem Weltmarkt gehandelten) Verkaufspreis ausführen, der ihnen in Devisen bezahlt wird. Der IWF gewährt den überschuldeten Ländern eine Refinanzierung ihrer Schulden. Dazu müssen sich die Länder jedoch Strukturanpassungsprogrammen unterwerfen. Im Kern dieser „Strukturanpassungs- Massnahmen“ steht die Einführung des flächendeckenden Kapitalismus, damit Einbindung aller Personen in den Weltmarkt.

Diese Programme zwingen die betroffenen Länder allerdings zu oft massiven Kürzungen der Ausgaben für Gesundheitswesen, Bildungssystem und Sozialleistungen – etwa Subventionen auf Grundnahrungsmittel und Unterstützung bedürftiger Familien. Wo der IWF durchgreift, schrumpfen die Felder mit Reis, Mais und Getreide. Die Subsistenzwirtschaft stirbt. Der IWF verlangt die Ausweitung von Feldkulturen, deren Produkte – Baumwolle, Nüsse, Kaffee, Tee, Kakao etc. – auf dem Weltmarkt abgesetzt werden können und die Devisen bringen, die für Tilgung der Schulden nötig sind. Kleinbauern verlieren ihr Land, arbeiten bestenfalls auf einer dieser Plantagen als landlose Tagelöhner zu einem Hungerlohn, mit welchem sie auf dem „freien Markt“ die Nahrungsmittel zum Überleben der Familie kaufen müssen, wozu jedoch das Einkommen meist nicht ausreicht, um die wichtigsten Bedürfnisse abdecken zu können.

 

Hurrikan Mitch

Der Hurrikan Mitch im Jahre 1998 zeigt beispielhaft auf eindrückliche Weise, wie ein Land wie Nicaragua durch eine Naturkatastrophe geschädigt und unter den Folgen deutlich stärker und langfristiger zu leiden hat, als wenn dasselbe Unglück in einem Industrieland geschähe. Das Nichtvorhandensein eines Warnsystems beziehungsweise nicht Erreichen der ärmsten Bevölkerung in den Risikogebieten, Korruption, ausbleibende oder willkürliche Katastrophenhilfe und die weiterhin ungeklärte Landfrage machte die strukturellen Probleme Nicaraguas deutlich.

Bei diesem Hurrikan, der über die Länder Mittelamerikas fegte, kamen 19 000 Menschen ums Leben, wobei Honduras und Nicaragua die am schwersten betroffenen Länder waren. Nach 10 Tagen Dauerregen wurden Menschen unter riesigen Schlammlawinen begraben, Gebiete wurden überschwemmt und Ernten zerstört. Obwohl die zuständigen Behörden von dem bevorstehenden Dauerregen informiert waren, warnten sie die Menschen in den betroffenen Regionen nicht. Die Opfer waren fast durchwegs die Ärmsten, da sie an Flussufern und steilen Hängen in Hochrisikogebieten lebten, die wirtschaftlich so wertlos sind, dass niemand die „illegalen Siedler“ vertrieb. Sie verloren ihre Häuser, Tiere und Ernten, wodurch eine grosse Landflucht einsetzte. Nicaragua’s Infrastruktur wurde massiv zerstört. Seuchen brachen aus und die Preise der Grundnahrungsmittel stiegen um das Dreifache. Das Ausmass der Katastrophe hätte eingedämmt werden könne, wenn die Menschen gewarnt worden und später die Hilfe an die Bedürftigen gelangt wäre. Doch der damalige Präsident Alemán handelte vor allem zu seiner persönlichen Bereicherung, bediente zuerst die Gemeinden seiner Partei, baute neue Strassen zu seinen Immobilien. Die jahrelangen Einsparungen an den Sicherheits- und Verkehrsinfrastrukturen machten sich bemerkbar, da die Hilfslieferungen nicht in die betroffenen Gebiete transportiert werden konnten. Die  finanzielle Katastrophenhilfe der Industrieländer versickerte beinahe spurlos.

 

Fazit

Korruption mächtiger Personen, Krieg, Tropenstürme und andere Naturkatastrophen, kein Eigentumsrecht, ungenügend politische Rechte, ungerechtes Einwirken grosser Spieler im Weltgeschehen – Einflussfaktoren der Armut. Armut geht uns alle an, denn nur der Zufall der Geburt trennt uns von den Opfern der Armut.

 

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