Vom Krampf, Glück und der unfassbaren Weite

Gepostet am Mai 31, 2015 in Alle Berichte, Bern, Europa, Geschichten sind Speisen für's Ohr.., Hochtour, Mountains, per pedes, Schweiz, Skitour, Wallis | Keine Kommentare

Vom Krampf, Glück und der unfassbaren Weite

Krampf, Glück und eine unfassbare Weite in der eindrücklichsten Gletscherlandschaft der Alpen

[17.-18. April 2015] Raphael

Sarah hatte sich eine Magen-Darmerkrankung eingefangen und dementsprechend unruhig war die Nacht. Es regnete die ganze Nacht in Strömen. Beim mehrfachen Aufstehen bemerkten wir beiläufig, dass das Thermometer bei uns zuhause 14 Grad anzeigte. Interpoliert in einem feuchtadiabatischen Umfeld bedeutet dies eine ungefähre Schneefallgrenze von 2900m ü.M. bei einer Beobachtungshöhe von rund 600m. Diese zwei Tatsachen brachten das Unterfangen fast zum Scheitern. Hätten wir nicht mit Sara und Mike abgemacht gehabt, wäre das Abblasen des Vorhabens sehr wahrscheinlich gewesen. Die Wetterprognose vermochte uns allerdings zu vermitteln, dass der Niederschlag gegen den Morgen hin abnehmen würde. Die Tage nach dem 18.04. dürften dann gar schön sein! Daneben freuten wir uns natürlich. Wir standen bereits rund 5 Wochen auf der ersten Position der Warteliste der Hollandiahütte, bis wir am Tag vor Aufbruch die definitive Zusage erhielten, auch dies ein Beweggrund, einer Absage mit aller Kraft entgegenzuwirken.

So machten wir uns am 18. April bereits sehr früh auf den Weg nach Blatten (VS). Sarah war stets darauf bedacht, im Bus sowie um Zug in Fahrtrichtung zu sitzen. Die Wolken sasen bis Kandersteg tief in den Hängen der Berner Alpen, es rieselte bisweilen noch in den Tälern. Die Temperatur erinnerte eher an einen kühlen Sommermorgen, denn an einen Skitourentag. Ein ähnliches Bild eröffnete sich uns nach dem Verlassen des alten Lötschbergtunnels in Goppenstein beim Umsteigen auf das Postauto. Trotzdem liessen wir uns als einzige Gäste nach Blatten führen. Da angekommen, rekognoszierten wir mit der Karte unsere Möglichkeiten, denn in Blatten hatte es fast sämtlichen Schnee weggeregnet. Wir einigten uns darauf, die Skier vorerst mal an den Rucksack zu schnallen und den Weg unter die Füsse anstelle unter die Skier zu nehmen.

Dort wo die Lonza die Strasse unterquert, konnten wir anfellen und rechts in die Chiemadmatte der Skitourenroute folgen (Achtung Wildschutzgebiet!). Das Nachziehen und das Stossen der Skier auf den Fellen durch den durchnässten Schnee begann bald mal zum Kraftakt zu werden. Dies verspürten wir bereits in den ersten zwei Stunden. Der Aufstieg bis Fafleralp führt relativ flach taleinwärts, zuerst durch Buschlandschaft, entlang von einigen frischen Lawinenkegeln, die wohl durch die Durchnässung der Schneedecke in der Nacht niedergegangen waren. Ab Fafleralp, wo der grosse Parkplatz liegt, beginnt eine moderate Steigung, die nach ca. 40 Minuten wieder in eine Zwischenabflachung des Terrains mündet. Die Strecke zieht sich dahin, zumal wir alle nicht gerade sehr fit waren und jetzt auch noch eine ungetrübte ultrastarke Sonneneinstrahlung auf uns einwirkte, die gnadenlos auf uns einbrannte.

Weil die nächtliche Abstrahlung ganzheitlich ausblieb, absolut kein Wind wehte und die Temperaturen bereits bei Start entsprechend hoch waren, so dass kein Winterfeeling aufkommen konnte, begann ein weiterer Kampf, nämlich jener gegen die Hitze. Konsequent verwandelten wir daher in weiser Voraussicht unseren warmen Tee in den Thermosflaschen in ein Schneewasserteegemisch, mit der Begründung, so die nun grössere Wassernachfrage nachhaltiger zu decken. Ungefähr auf der Höhe Anenhütte, wo die Steigung etwas zunimmt, stiegen wir eher im nördlichen Bereich auf dem Langgletscher hoch und erreichten bereits sehr spät und – das sei hier geschrieben – eher leidend die Zwischenebene Grossi Tola auf Rund 2860. Noch rund 400 Höhenmetern bei gefühlten dreissig Grad! Der Schlussaufstieg war dann ein stetiges Anhalten und Schnaufen um dann wieder Power für die nächsten 200m Distanz zu haben. Wir erreichten exakt zum Nachtessen die Hollandiahütte (die Hollandia serviert um 18.00 Uhr nicht um 18.30Uhr wie die meisten anderen Hütten!). Komisch und gar etwas belächelnd von unseren Tischnachbarn beäugt, war uns irgendwie nicht nach Rechtfertigung, alle kamen sie mit der Bahn über das Jungfraujoch und waren wohl bereits seit längerem in der Hollandiahütte. Eine Rechtfertigung an dieser Stelle.. ach was.. wir haben das nicht nötig! ;-) Hatten wir doch einiges geleistet.

Blatten (1540m)  – Langgletscher – Lötschenlücke – Hollandiahütte (3240m ü.M.). Distanz Luftlinie 13Km (ca. 17Km) , Höhenmeter: 1700/ Zeitdauer gem. Vorgabe: 8h/Zeitdauer effektiv: 9h.

 

Aebeni Flue – nach dem Krampf kommt das glückhafte Vergnügen

[19. April 2015]

Nicht all zu früh starteten wir in der vollen, aber trotzdem sehr angenehmen Hüttenathmosphäre der Hollandiahütte mit unserem Frühstück. Vor Tagesanbruch wollten wir nicht raus, dies hätte uns keinen Nutzen erbracht. Die Temperaturen waren zum Glück im grünen moderaten Bereich angekommen, der Schnee ab Höhe Hollandia sah gar pulvrig aus. Die Sorgenfalte konnte sich aber leider nicht ganzheitlich von der Stirn verflachen, der Nebel hing an unseren Zielbergen von heute wie ein weisser Vorhang. Das  Mittaghorn war bis zum Grateinstieg weiss in weiss, die Aebeni Flue wechselte ihr Nebelkleid im Minutentakt, der Gipfel war aber konstant in Weiss gehüllt. Wir entschieden uns mal zuerst für die Aebeni Flue. Der Weg dahin führt über den gigantischen Aebeni Flue-Firn, den man anfänglich auf seiner Westseite entlang des Anunggrates beschreitet. Ab ca. 3500m ü.M. dreht die Route nach Nordosten direkt auf den Gipfel der Aebeni Flue zu. Wir entschieden uns, die Aebeni Flue auf dem direktesten Weg zu ersteigen. Ab 3600m wird die Steigung steiler, so drehten wir in einigen Kehren auf den Sattel zwischen Hauptgipfel und Südgipfel. Ab und zu riss die Wolkendecke auf ohne dass wir aber ins Berner Oberland runter sehen konnten. Wir genossen den Gipfel und freuten uns auf die Abfahrt!

Sicht vom Aufstieg auf die Aebeni Flue: Aebeni Flueh Firn und Anunggrat

Sicht vom Aufstieg auf die Aebeni Flue: Aebeni Fluhe Firn und Anunggrat

 

Nach ein paar Minuten auf dem Gipfel nahmen wir die Abfahrt unter die Skier und es war ein absoluter Glücksfall: perfekte Verhältnisse mit frischem, unverfahrenem Pulverschnee – ein Traum! Zurück bei der Hollandiahütte konnten wir das Zwischenfazit ziehen: „Wer ab und zu krampft, der ist danach näher am Glück“! Glücklich ob der schönen Abfahrt, auch wenn Mittaghorn jetzt nicht drinnen lag, gönnten wir uns einen Kaffee in der Hollandiahütte.

Etwas später fuhren wir runter zum Konkordiaplatz und ich war erstaunt, wie weit man mit etwas „stöckeln“ kommt. Nur gerade noch knapp 3/4 Stunden laufen bis wir unten am Einstieg der Leitern zur Konkordiahütte unsere Skier, Seil, Pickel und Stöcke deponierten. Dann kam noch das letzte Stück, die 420 Treppenstufen zur Konkordiahütte…

Wir genossen den späten Nachmittag bei warmem Sonnenschein auf der Terrasse und bei einem guten Abendessen!

 

Zurück auf die Lötschenlücke und Abfahrt ins Lötschental

[20. April 2015]

Unser erstes Ziel war ein Kaffee in der Hollandiahütte. Nach dem Treppenruntersteigen steigen wir angeseilt stetig und direkt Richtung Hollandiahütte. Es wehte mit zunehmender Höhe ein unangenehmer sehr trockener und kalter Wind, immerhin aber ein Rückenwind. Wir erreichten die Hollandia nach gut 2.5h und gönnten uns Kaffee & Kuchen. Es war erst etwas vor 10.00Uhr und die Lötschentalseite der Lötschenlücke machte den Anschein, als ob sie noch nicht aufgesulzt war. Doch auch nach rund einer Stunde änderte sich diesbezüglich kaum etwas, so war halt demnach de Devise, auf dem pickelharten Untergrund eine sinnvolle Route zu finden. Runter kommen tut man immer irgendwie…

Doch etwas nach der Grossen Tola sulzte der Schnee dann wunderbar auf und wir konnten die Abfahrt bis nach Fafleralp zum Parkplatz sehr geniessen. Ab da marschierten wir die letzten 2 Kilometer bis Blatten mit den Skiern am Rucksack.

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Mit Krankheit, Genesung, Krampf, Glück und Belohnung konnten wir die drei Tage in der faszinierenden Aletscharena geniessen und sagen auf Wiedersehen…

 

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