Xi’an 西安市 und die Terracotta Krieger 兵马俑

Gepostet am Jan 9, 2014 in Alle Berichte, Asien, China, Geschichten sind Speisen für's Ohr.. | Keine Kommentare

Xi’an 西安市 und die Terracotta Krieger 兵马俑

Eine Zeitreise in vergangene chinesische Dynastien

[25. – 30. Dezember 2013]

Xi’an, das ursprüngliche Zentrum Chinas, die antike Millionenstadt mit dem ursprünglichen Namen Chang’an und Hauptstadt vieler chinesischen Dynastien, der Ursprung der Seidenstrasse und ihre Terrakotta Krieger des wohl einflussreichsten und mächtigsten Kaisers Qin Shihuangdi aus seiner Qin-Dynastie…

Xi’an, die Haupstadt des Distrikts Shaanxi war für uns ein logischer Ort für einen Zwischenstopp. Nach 33 Stunden im Zug auf der höchsten Eisenbahnstrecke der Welt sind wir gut und relativ entspannt angekommen. Xi’an bietet eine ganze Palette für Leute, die gerne die Geschichte antiker Kulturen erkunden und das ist ja einer unser Lieblingsbeschäftigungen auf Reisen.

Nördlich der Stadtmauer breiten sich auch hier zig Skyscrapers aus.

Wir wohnten im Herzen der modernen, offenen Milionen-Stadt, woher man alle Sehenswürdigkeiten sehr gut mit dem ÖV erreichen kann. Von der Metrostation Beidajie konnten wir so am ersten Tag etwa 6 Stationen in den Süden fahren um das Stadtmuseum Xi’an’s zu erreichen. In verschiedenen Räumen sind die chronologisch nach den Dynastien Tsang bis Qin angeordneten Epochen mit wahrlich guten Ausstellungsgegenständen, Filmen und Beschriftungen eine grosse Zeitspanne chinesischer Geschichte abgedeckt und schön dargestellt. Nach gut 3 Stunden verliessen wir gesättigt mit neuem Wissen das Museum zu Fuss in Eiseskälte Richtung Südosten und streiften um die grosse Wildganspagode, was uns ein weiterer Einblick in die Architektur des antiken Chinas gab. Die Chinesen scheinen es aber nicht so ernst mit Heimatschutz zu nehmen, zumal alle diese historischen Stätten bis zum hintersten und letzten Quadratmeter mit all möglichen Kommerzzentren zugepflastert werden. Zudem lassen sie sich hordenweise vor allen und sämtlichen Sehenswürdigkeiten fotografisch ablichten: Zuerst kommt die Mutter und die Statue, dann das Kind und die Statue, dann der Vater und die Statue, danach muss das Kind die Eltern mit der Statue ablichten, danach die Mutter das Kind und den Vater mit der Statue, der Vater die Mutter, das Kind und die Statue und zu guter Letzt muss ein Dritter alle drei mit der Statue noch in den Kasten bringen. Ungeniert werden wir dann oft auch noch abgelichtet, einfach so und ohne zu fragen. Uns belustigt dies allerdings eher, als dass wir uns davon belästigt fühlen. Ansonsten machen wir hier in China mehr herzliche Begegnungen aus, als andere.

 

Xian und die Seidenstrasse

Im zweiten Jahrhundert v. Chr., während der Han-Dynastie, wurde eine Truppe unter dem Diplomaten Zhang Qian Richtung Osten entsandt, um mehr über Zentralasien in Erfahrung zu bringen. Heute sind Zhang Qian’s Reisen mit der Entstehung der Hauptroute der Seidenstrasse assoziiert, und von Xi’an aus sei durch ihn einen Anschluss an die im Osten bereits bestehende transkontinentale Handelsroute geschaffen worden, was den Chinesen den Zugang zu einem kommerziellen Markt und einer Welt brachte, welche ihnen bis dahin unbekannt war. Chang’an war zu dieser Zeit bereits eine Millionenmetropole.

Vermutlich war das Imperium der Han (ab rund 200 v.Chr. über mehrere Dynastien bis zu den Tang 1000 n. Chr.) wohl die grösste, einflussreichste und militärisch mächtigste Zivilisation der Erde.

 

Das berühmte Muslimviertel von Xi’an

Insbesondere im Westen Chinas findet man in vielen Städten Moscheen. Viele muslimische Chinesen tragen die traditionell muslimische Takke (Kopfbedeckung). Die vielen grossen Moscheen und die muslimischen Lebensweisen von den betreffenden Chinesen stammen aus der Zeit der antiken Dynastien ab der Han, als sich das antike China zu öffnen und als schliesslich der Handel über die Seidenstrasse zu blühen begann. Ein sehr schönes Beispiel dieser kulturellen Assimilation ist der zentrale muslimische Stadteil in Xi’an, worin sich einer der quirligsten Märkte wohl ganz Chinas befindet. Nebst einer sehr schönen Moschee, die allerdings sehr gut versteckt liegt, kann man sich da mit den kulinarischsten aber auch kuriosesten Fleischgerichten ernähren. Spezielle Gerichte der scheinbar unendlich hoch aufeinander gestapelten Fleischhaufen ist Lammmagen und -Hammel. Wie auch immer das schmeckt, wir liessen die Hände davon. Sarah erst recht, selbst ich wurde von diesen kolossalen Fleischhäufen abgeschreckt. Daneben gibt es aber, wie überall in China, viele gute, einfallsreiche und vielfältige Speisen, die wir  meist sehr geniessen.

 

 

Die Terracotta-Krieger aus der Qin-Dynastie

Obwohl die Terrakotta Krieger weltbekannt sind, einige Tonfiguren um den Globus reisen und mit ihnen ihre uralte Geschichte, war es für uns doch ein spezieller Moment, vor der Grube zu stehen, wo sie unglaublich lange vergraben geruht hatten. Diese unterirdische Armee aus Tausenden Kriegern hat über zwei Jahrtausende hinweg schweigend die Seele des ersten Kaisers bewacht, der China einte. Ob Qín Shǐhuángdì befürchtete, die besiegten Geister im Jenseits wieder anzutreffen oder wie Archäologen glauben – glaubte, dort seine Regentschaft setze sich dort fort, wird man wohl nie herausfinden. Auf jeden Fall wollte er im nächsten Leben nicht alleine dastehen und vorbereitet sein.

Auch wenn man aus ca. 8 Meter Höhe und somit einiger Distanz in die Grube auf die Krieger aus Ton beinahe atemberaubt runter starrt, verliert die Szenerie nichts an ihrer Echtheit, Eindruck und Mächtigkeit. In Reih und Glied stehen sie parat, allzeit bereit, um in den Krieg zu ziehen. Die lebensgrossen Männer sind einzigartig, jeder hat einen eigenen Körperbau, leicht unterschiedliche Kleidung und Rüstung und vor allem ein einzigartiges Gesicht mit eigenem Ausdruck und Frisur. Jeder scheint ein Abbild eines Individuums zu sein, jeder ein Kunstwerk für sich. Im Museum von Xi’an direkt vor einer originalen Tonfigur stehend, hat man den Eindruck, einen Menschen zu begutachten, der vor über 2000 Jahren in seiner damaligen Welt gelebt hat.

Stehende und kniende Bogenschützen, Kavalleristen mit Pferden, Offiziere, Generale sind zu sehen, welche ursprünglich mit Schwertern, Säbeläxten und weiteren Waffen bewaffnet waren. Die Infanterie wurde einst von Pferdewagen begleitet, da sie jedoch aus Holz waren, haben sie sich längst zersetzt.

Das Mausoleum Qín Shǐhuángdìs ist eine frühchinesische Grabanlage aus dem Jahre 210 v. Chr., welche für den ersten chinesischen Kaiser Qín Shǐhuángdìs erbaut wurde. Die eigentliche Grabstätte Qín Shǐhuángdìs liegt 2 Km westlich der Terrakotta-Armee und war zur Zeit der Errichtung sicher eins der prachtvollsten Mausoleen in der ganzen Welt. In historischen Berichten ist zu lesen, dass sie mit Edelsteinen verzierte Paläste und unterirdische Flüsse aus Quecksilber enthält. Noch haben keine Archäologen die Grabstätte betreten, doch wurden mittels Sonden und Fühlern Quecksilberwerte gemessen, welche normale Werte um das Hundertfache übersteigen.

Der Bau des Mausoleums soll 38 Jahre gedauert und die Arbeitskraft von 700 000 Menschen erfordert haben. Die Kunsthandwerker, die alles hier erst entstehen liessen, wurden angeblich lebendig begraben, damit geheim blieb, was sie gesehen hatten. Währenddessen man aus historischen Berichten bereits lange über die eigentliche Grabstätte Qin’s wusste, wurde die Terrakotta-Armee nirgends erwähnt. Erst 1974 wurden sie von Bauern beim Bohren eines Brunnens entdeckt. Das Mausoleum ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Beeindruckt waren wir auch von der Sorgfalt, mit welcher die Erbauer die Terrakotta-Figuren inklusive Waffen, Pferde und Wagen speziell behandelt und begraben haben, um die kostbare Armee möglichst unversehrt in die nächste Welt retten zu können. Keiner der Kunsthandwerker hätte sich damals wohl vorstellen können, dass sie ein grossartiges Kunstwerk und Geheimnis vergraben, welches man erst über 2000 Jahre später wieder finden würde. Die Gräben wurden mit Holzlatten überdacht, mit geflochtenen Matten abgedeckt und anschliessend vorsichtig zugeschüttet. Durch die Verrottung des Holzes sind die Gräben eingestürzt und viele Tonfiguren wurden dabei beschädigt oder zerstört. Über 7000 Krieger sollen es insgesamt sein, wovon jedoch noch nicht alle ausgegraben wurden. Nach dem Ausgraben verlieren die Figuren an der Luft innert kürzester Zeit ihre Farbe – mittlerweile wurde ein Verfahren entwickelt, wodurch die Farbe erhalten werden kann.

Noch liegen rund um die Terracotta Krieger viele Schätze im Verborgenen. Angenommen, wir würden das Mausoleum Qín Shǐhuángdìs 20 Jahre später wieder besuchen, wären sicher weitere Einheiten der Armee ausgegraben und restauriert, die ersten Tonfiguren in originaler Farbe zu sehen und vielleicht hätten sich die Archäologen an das Grab gewagt, welches ein Palast voller Edelsteine beinhalten soll, aber eben auch von unterirdischen Gewässern mit gefährlichen Quecksilberkonzentrationen durchflossen wird, um Eindringlinge davon abzuhalten.

 

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